Süßer Irrsinn
Noch vor einem Jahr machte das BMEL eine große Welle um zu viel Zucker in Lebensmitteln. Jetzt lässt es zu, dass Unternehmen für zu wenig Zucker in Limonade gerügt werden.
Ach, wie kurz ist das Gedächtnis. Vor gut einem Jahr war die große Lücke, die zwischen den Gesundheitsversprechen auf Verpackungen und dem Kleingedruckten klafft, ein großes Thema. Das Kleingedruckte verrät zu häufig, dass vermeintlich gesunde Lebensmittel nur so vor Zucker strotzen. Davor sollten wir als Verbraucherinnen und Verbraucher mit der Initiative „Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft geschützt werden. Damit möchte es Kunden der Lebensmittelindustrie „dabei unterstützen, sich gesundheitsförderlich zu ernähren und dafür zu sorgen, dass verarbeitete Lebensmittel gesünder werden“, wie die Internetseite des BMEL verspricht.
Dass gut gemeint, nicht immer gut gemacht ist, ist zwar ein billiger Allgemeinplatz, aber manchmal sind diese Allgemeinplätze so treffend, dass sie sich verselbstständigen. So wie hier und jetzt. Denn das Ergebnis der monatelangen Diskussionen war nicht mehr als eine Selbstverpflichtung der Industrie bis zum Jahr 2025 Zucker, Fette und Salz in ihren Produkten zu reduzieren Erfrischungsgetränke sollen dann 10 Prozent weniger Zucker enthalten als bisher. Zur Orientierung: Cola enthält etwa neun Gramm Zucker.
Irgendwelche Erwartungen an diese Selbstverpflichtung? Dann gehören Sie zu den beneidenswerten Optimisten in dieser Welt.
Aber dann geschieht das Paradoxe: Ein kleines Social Business Start-up aus Hamburg, das durch den Verkauf von Bio- und Fairtrade-Getränken soziale Projekte in den Anbauländern der Zutaten fördert, stellt Limonade her, die nur sechs Prozent Zucker enthält. Sie nennen sie frech „Die Limo“ und werden zehn Jahre später vom zuständigen Hamburger Amt für den geringen Zuckergehalt gerügt - sieben Prozent müssen es sein, so der Leitsatz für Erfrischungsgetränke des BMEL. Dagegen haben sie sich erfolgreich gewehrt, um jetzt vom Amt für Verbraucherschutz Bonn erneut angemahnt zu werden, dass ihre Limonade zu wenig Zucker enthielte.
Und was macht das BMEL, respektive Frau Klöckner? Schweigen. Mehr Zucker in die Limo zu mischen ist keine Option für die Hamburger, also haben sie eine Zucker-Statue von der Ministerin vor das Ministerium gestellt, um sie aus der Reserve zu locken. Sie hat sich nicht blicken lassen, stattdessen einen Pressesprecher und eine Staatssekretärin vorgeschickt. Dabei ist die Statue wirklich hübsch…
(jsc)