Post aus Japan: Wie COVID-19 die Klokultur verändert
Nippons High-Tech-Sanitär-Spezialisten müssen sich an die Trends der Telearbeit anpassen. Das ist durchaus gut für die Hygiene.
(Bild: Toto)
- Martin Kölling
Was bin ich froh, dass Japans Toilettenhersteller bei ihrem technologischen Wettlauf um das vernetzte Klo der Zukunft auch in der Corona-Krise auf datengetriebene Produktentwicklung setzen. Dies beschert uns Erkenntnisse über den Kulturwandel selbst auf den stillen Örtchen, die sich gewöhnlich dem Blick entziehen, weil sie als höchstprivat gelten. Der Technikkonzern Panasonic beispielsweise hat eine "Umfrage über Veränderungen in der Einstellung zu Toiletten bei zunehmender Zeit zu Hause" durchgeführt. Das erstaunliche Ergebnis: Dank Heimarbeit setzen sich mehr Männer zum Pinkeln hin.
Man sitzt häufiger
Der Anteil der Sitzpinkler hat den Daten zufolge seit Panasonics vorigem Toilettenzensus im Jahr 2015 von 51 Prozent auf 70 Prozent zugenommen. 2004 lag der Wert nur bei 30 Prozent. Die Coronakrise verursachte nun den größten Anstieg: Elf Prozentpunkte gehen auf den nach-pandemischen Verhaltenswandel zurück.
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Das Ergebnis belegt, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt. In diesem Fall stieg bei der Mehrheit der Befragten Männer und Frauen die Benutzung der heimischen Toilette drastisch an, da nun die berufstätigen Familienmitglieder nicht mehr aushäusig ihren großen und kleinen Geschäften nachgehen.
Damit begann offenbar ein pädagogischer Dominoeffekt, gegen den sich offenbar nur die hartgesottensten Stehpinkler wehren wollen. Die Autoren der Umfrage schlussfolgern, "dass mit der Zunahme der Häufigkeit der Toilettenbenutzung zu Hause auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer saubereren Toilettenbenutzung gestiegen ist".
Männliche Hygiene
Konkret dürfte es so ablaufen: Mit höherer Benutzung steigt naturgemäß der Putzbedarf. Und da der Mann nun mehr zuhause ist, muss er nicht nur öfter die Klobürste schwingen. Er steht auch vermehrt unter dem Druck des Ehepartners, gefälligst hygienefreundlich Wasser abzuschlagen.
Bei dieser Gelegenheit fallen offenbar vielen Männer Details auf, die bislang outgesourct wurden – an Putzkolonnen im Büro und den Partner zuhause. "Schmutz in der Toilettenschüssel" war in der Umfrage zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen die häufigste Sorge. Aber dicht darauf folgten "Schmutzspritzer auf der Außenseite der Toilettenschüssel".
Die Umfrage förderte allerdings auch geschlechtspezifische Unterschiede beim Hygieneempfinden zutage. Während sich Männer und Frauen gleichermaßen auf das Klo selbst achteten, achteten Frauen deutlich stärker auf Spülhebel und vor allem den Türgriff, die mit der Hand berührt werden. Die Umfrage erhob nicht, wie viele der Befragten sich gleich nach dem Aufstehen im Waschbecken, das in Japan normalerweise gleich auf dem Klo angebracht ist, die Hände waschen. Aber womöglich deutet der Geschlechtsunterschied darauf hin, dass es Frauen bei der männlichen Handhygiene an Vertrauen mangelt.
Sinnvolle Datenerhebung
Die Umfrage wirkt vielleicht kauzig. Aber die Unternehmen erheben die Daten nicht zur Volksbelustigung, sondern um die Benutzung ihrer Produkte zu verbessern. Und in diesem immerwährenden Prozess spielen nicht nur Themen wie Wasser sparen, der Sitzkomfort und immer neue Elektronik und Vernetzungstechnologien eine Rolle, sondern auch die Senkung des Reinigungsbedarf. Neue öl- und damit exkrementabweisende hochglatte Oberflächen führen Japans drei Klogiganten Toto, Lixil und Panasonic schon lange im Angebot. Doch die technologische Entwicklung bleibt dabei nicht stehen.
So heben und senken neueste Spitzenklos manchmal des Wasserpegel, um das Spritzen zu reduzieren. Panasonic wiederum schäumt für den gleichen Effekt das Wasser in der Schüssel auf. Außerdem veränderte der Konzern das Design von Brille und Klorand, um zu vermeiden, dass Flüssigkeit unter der Brille durch- und dann außen am Klo herunterläuft.
Der Teil der Kloschüssel, auf dem die Brille aufliegt, wurde beispielsweise mit einem drei Millimeter hohen Deich versehen. Zusätzlich erhielt die Klobrille an der Innenseite eine Art Lippe, die auf der anderen Seite die Lücke verkleinert. Diese baulichen Veränderungen mögen minimal wirken. Aber gerade in der Corona-Krise könnten sie bei der Kaufentscheidung neuer Klos in Japan den Ausschlag geben.
(bsc)