„Die Leuten müssen frühzeitig wissen, ob sie ansteckend sind“

Michael Mina forscht als Epidemiologe an der Harvard University. Er will mit häufigen Antigen-Heimschnelltests für Herdenimmunität sorgen.

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Harvard-Epidemiologe Michael Mina

(Bild: Privat)

Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Technology Review: Sie machen sich für Antigen-Schnelltests für Covid-19 im großen Maßstab stark. Welchen Vorteil haben diese Tests?

Michael Mina: Menschen sind in den ersten zwei Tagen vor den Symptomen und bis zu vier Tage danach am ansteckendsten. Wenn sie jedoch auf einen PCR-Testtermin und das Ergebnis warten müssen, sind sie oft nicht mehr infektiös und das Ergebnis ist nutzlos. Die einzige Möglichkeit, Infektionen früh genug zu erkennen, besteht darin, häufig zu testen – und zwar auch dann, wenn man asymptomatisch ist.

Wir sollten Menschen wissen lassen, ob sie ansteckend sind, damit sie sich nicht jeden Tag so verhalten müssen, als wären sie es. Wir müssen also schnelle Antigen-Tests zu den Menschen nach Hause bringen, die einfach und in 30 Sekunden durchführbar sind. Dann finden Sie im Schnitt mehr Menschen in der frühen Infektionsphase.

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Wie oft sollte man sich testen?

Für einige Monate jede Woche – zweimal pro Woche. Wenn wir genügend Menschen nach nur einem Tag Infektiosität erfassen könnten, hätten sie meist noch niemanden angesteckt. Damit könnten wir die Ansteckungen um bis zu 90 Prozent senken, die durchschnittliche Neuinfektionsrate auf der Bevölkerungsebene unter eins pro infizierter Person drücken und so einen Herdeneffekt erzielen.

Wie viele müssten dafür mitmachen?

Wenn man die gesamte Bevölkerung drei Wochen lang alle zwei Tage testen könnte, würde das exponentielle Wachstum des Ausbruchs um 80 Prozent zurückgehen.

Könnte man sich auch privat wieder mehr treffen?

Ehrlich gesagt, ist genau das der Punkt: soziales und physisches Abstandhalten sind psychologisch schädlich. Wir können mit diesen Tests wieder ein bisschen mehr Normalität herstellen.

Ist es nicht ein Problem, dass Schnelltests eine geringere Sensitivität haben als PCR-Tests?

In der infektiösen Phase haben die Schnelltests eine Sensitivität von 90 bis 95 Prozent, manchmal sogar 99 Prozent. Sie sind also nicht so gut wie die PCR-Tests, aber das wird durch häufigeres Testen kompensiert.

Wir müssen im öffentlichen Gesundheitswesen den Fokus von der Genauigkeit des Virusnachweises darauf lenken, wie viele Infizierte wir finden können. Dann sind diese Tests letztlich viel empfindlicher als die PCR. Der PCR-Test findet nach meiner Kalkulation nur etwa fünf Prozent, ein Antigen-Test mit einer Empfindlichkeit von 90 bis 95 Prozent dagegen 50 bis 70 Prozent Infizierte. Je nachdem, wie viele mitmachen.

Setzt ein Land bereits erfolgreich auf diese Strategie?

Ja, die Slowakei war ein wirklich gutes Beispiel. Sie haben etwa 3,4 von 5,5 Millionen Menschen an einem Wochenende getestet, am nächsten Wochenende eine etwas geringere Zahl und eine Woche später erneut.

Das hat zu einem dramatischen Rückgang des exponentiellen Anstiegs geführt. Sie mussten dann leider aufhören, weil ihnen die Ressourcen ausgegangen sind. Auch Österreich bereitet sich auf ein solches Testprogramm vor, und es funktioniert gut innerhalb medizinischer Einrichtungen.

Können Laien die Schnelltests richtig anwenden?

Ja, bei den meisten nimmt man bei sich selbst einen Abstrich vorne in der Nase und gibt den Tupfer in ein Röhrchen mit einer Pufferlösung. Dann fügt man einen schmalen Papier-Teststreifen hinzu…

… auf dem entlang zweier Linien Antikörper aufgebracht sind.

Genau. Und wenn man infiziert ist, bilden sich ein oder zwei Linien. Ist der Test negativ, gibt es keine Linien. Es funktioniert also wie ein Schwangerschaftstest.

Es gibt Experten, die vor Selbsttests warnen, zumindest ohne wissenschaftliche Begleitung.

Es gibt diese alte Einstellung der Medizin und des öffentlichen Gesundheitssystems, die man langsam beerdigen sollte: dass man der Bevölkerung nicht vertrauen kann.

Und was kosten die Tests?

Sie werden in den USA für 20 bis 30 Dollar verkauft – weil sie als Medizinprodukte hergestellt und zugelassen werden müssen. Aber wenn die Regierung die Herstellung übernehmen würde – ohne Gewinn machen zu wollen – und stattdessen die Wiedereröffnung der Wirtschaft als Kapitalrendite sehen würde, dann könnte man sie wahrscheinlich für zwei Dollar produzieren.

(bsc)