Spionage-Eier fĂĽr den Artenschutz
In Costa Rica werden täuschend echt aussehende Attrappen von Schildkröteneiern mit GPS ausgestattet. Sie liefern Auskunft über den Schwarzmarkt – mit Erfolg.
Helen Pheaseys Ei-Attrappen sind echten zum Verwechseln ähnlich.
(Bild: Otto Whiteman)
- Veronika Szentpetery-Kessler
Helen Pheasey hatte schon damit gerechnet, dass einige ihrer Spione enttarnt würden. Aber die WhatsApp-Fotos eines „sezierten Exemplars“, die sie über drei verschiedene Kontakte erhielt, haben die Biologin von der University of Kent doch überrascht. Sie zeigten das elektronische Innenleben einer etwa tischtennisballgroßen Schildkrötenei-Attrappe.
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Pheasey hatte 101 dieser Kuckuckseier in ebenso vielen frischen Gelegen bedrohter Meeresschildkröten-Arten auf vier costa-ricanischen Stränden versteckt, um die Transportwege von der illegalen Entnahme bis zu den Endkunden nachzuvollziehen. Die Attrappen sehen täuschend echt aus. In ihrer weichen Kunststoffhülle verbergen sich je ein GPS-GSM-Sender, SIM-Karte, Akku und Ladeport. Der Sender meldete seine Position einmal pro Stunde an eine Ortungs-App mit Kartenanzeige. Für den Fall, dass der Sender keine Satelliten findet, konnte Pheasey die Kunsteier auch anhand der letzten Netzeinbuchung über die nächstgelegenen Mobilfunkmasten grob orten.
Der unbesorgte Käufer, der das Technik-Ei seziert hatte, gab Zeit und Ort des Eier-Erwerbs offen zu – es ist im Gegensatz zum Ausgraben und Verkaufen nicht strafbar – und fragte, ob Pheaseys Projekt etwas mit dem unerwarteten Inhalt zu tun hatte.
Inspiriert von "Breaking Bad" und "The Wire"
Im Fall des WhatsApp-Kontakts „füllten die Informationen eine Lücke in der Verkaufskette zwischen dem Nest auf Playa Norte und dem nächsten Signal aus [der 43 Kilometer entfernten Stadt] Cariari“, erzählt Pheasey. Die meisten der insgesamt 25 mitgenommenen Attrappen wurden lokal oder in wenige Kilometer entfernte Nachbarorte verkauft. „Die Eier sind nicht wertvoll und eher ein saisonales Lebensmittel, ähnlich wie Kürbisse zu Halloween“, sagt Pheasey. Das am weitesten gereiste Fake-Ei ortete Pheasey 137 Kilometer entfernt vom Ursprungsstrand „in einer zwielichtigen Gasse hinter einem Supermarkt“.
Den Forschern ging es nicht darum, lokale Wilderer dingfest zu machen, die die Eier selbst essen oder sie an andere Bewohner verkaufen. Sie wollten herauszufinden, ob es weiter reichende Handelsrouten mit zentralen Umschlagsplätzen gibt. Davon hängt ab, wie man am besten dagegen vorgeht: mit lokalen Aufklärungskampagnen oder Polizeieinsätzen gegen zentrale Händler, um ganze Handelsnetze auszuheben.
Die Idee für die InvestEGGator getauften Attrappen kam Pheaseys Forschungskollegin Kim Williams-Guillen bei einem Spaziergang. „Es hat mich sofort an die Fernsehserien Breaking Bad und The Wire erinnert, vielleicht schwebten die in meinem Unterbewusstsein herum“, sagt die US-Biologin von der University of Michigan, die auch für die costa-ricanische Umweltschutzorganisation Paso Pacifico arbeitet. In Breaking Bad verfolgen die Drogenbehörden Methylamin-Tanklaster per GPS-Sender, und in The Wire versuchen Ermittler, einen Drogenhändler mit einem präparierten Tennisball abzuhören.
Silikon sorgt fĂĽr realistisches Gewicht
Mit der Idee gewann Williams-Guillen die Wildlife Crime Tech Challenge der US Agency for International Development. Das Preisgeld finanzierte den ersten Prototyp. Ein Co-Finalist gab ihr den Tipp, die Hülle aus den thermoplastischen Polyurethanfilamenten namens Ninja Flex zu drucken. Um das selbst mit Elektronikfracht zu geringe Gewicht authentischer zu machen, fügte die Forscherin je nach Schildkrötenart entsprechend viel flüssiges Silikongummi hinzu. „Die Farbe musste nicht perfekt sein, die Eier werden im Nest von Schleim und Sand bedeckt, und die Wilderer kommen nachts“, sagt Williams-Guillen. Die Attrappen kosten derzeit etwa 60 Dollar. Mit besseren Transmittern werden sie etwas teurer, sagt die Biologin.
Eine lohnende Investition, denn der großflächige Eierdiebstahl in Costa Rica und anderen Ländern beeinträchtigt die Schildkrötenpopulationen langfristig. „Die Tiere werden erst nach 25 Jahren fortpflanzungsreif“, sagt Pheasey. Es dauert also auch lange, bis erfolgreiche Interventionen eine Erholung der Populationen bewirken.
(bsc)