Die Weitreiche der Reichweite (III.): Der letzte Graf von Hoya
Der Mittelpunkt Niedersachsens scheint unbestritten. Doch wo liegt die Mitte Deutschland, der Welt, gar der Erde?
Unweit Hoyas liegt der Mittelpunkt Niedersachsens.
(Bild: Samtgemeinde Grafschaft Hoya)
Wo Werra und Fulda sich küssen, beginnt der Radweg entlang der Weser, der auch durch Hoya führt. Die 2009 mit Eystrup fusionierte Samtgemeine nennt sich Grafschaft, obwohl Otto der VIII., der letzte Graf von Hoya, schon vor gut 400 Jahren kinderlos starb. Er war vermählt mit Agnes von Bentheim und Steinfurt und 1545 Domherr zu Köln und Verden, bis 1559 Canonicus zu St. Gereon in Köln und herrschte ab 1575 zu Hoya. Seine Überreste ruhen in der St.-Martins-Kirche zu Nienburg. Nach ihm teilten die Welfen die Grafschaft unter sich auf. 1979 legte sich die Samtgemeinde Hoya wieder die Bezeichnung zu, um – wie es die Kreisoberen erklärten – den Bezug zur früheren Grafschaft wieder aufleben zu lassen.
(Bild:Â Outflow_Designs / Shutterstock.com)
Eine Landpartie mit Abschweifungen, kleinräumiges Reisen, der Mittelpunkt der Welt und spontaner Findungsgeist: Über komplexe Systeme, kleine Ursachen mit großen Wirkungen und komplizierte Fragen, die meist keine einfachen Antworten kennen. Ein Vierteiler (nicht nur) zu Weihnachten auf heise online.
2011 fusionierte die Samtgemeinde Grafschaft Hoya mit der Samtgemeinde Eystrup. Den Bahnhof der 3390 Seelen zählenden Gemeinde habe ich während meiner ersten Pendelfahrt im Februar 2007 kennengelernt. Kurz dahinter war an dem Morgen mein ICE unvermittelt und stark bremsend stehengeblieben. Nach einiger Zeit kam eine Durchsage, es habe einen Zwischenfall gegeben, der Zug könne nicht weiterfahren. Bis dahin waren mir die Codes der Deutschen Bahn, wenn sie von "Personen im" oder "Notarzteinsatz am Gleis" sprachen, nicht geläufig; ebenso auch nicht, welche Prozeduren bei einem Schienensuizid greifen. Von diesen ereignen sich auf deutschen Gleisen jährlich mindestens 800 und nun war ich anscheinend von einem betroffen.
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Da der Zug nicht an einem Bahnsteig stehen geblieben war und wegen des nun anstehenden Lokführerwechsels und der polizeilichen Ermittlungen auch nicht bewegt werden durfte, konnten wir Passagiere nicht einfach aussteigen. Zwischen Ausstieg und Boden klaffte eine zu große Sicherheitslücke, sodass wir zunächst einmal warten mussten, bis die Türen mit Behelfsstiegen versehen waren. Dann konnten wir zum Bahnhof laufen und auf den Schienenersatzverkehr warten, der nach einiger Zeit auch langsam eintröpfelte. Ich rechnete mir aus, dass ich noch zwei Stunden warten könnte, wenn ich mich nicht vordrängle. Und da ich das grundsätzlich nicht mache, stellte ich mich als Anhalter an die Straße. Zwei junge Frauen brachten mich nach Garbsen am Rande Hannovers.
Bundesland auf Hartschaumplatte
Vor 17 Jahren ermittelte das Fernsehregionalmagazin "Hallo Niedersachsen" den nördlichsten, südlichsten, westlichsten und östlichsten Punkt des Bundeslands. In der Folge wurde ebenso aufgeworfen, wo sich die Mitte befindet. Kartographen des Landesamtes für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) schnitten eine Karte des Bundeslands aus und klebten sie auf eine Hartschaumplatte. Mit einer Nadel wurde die Platte horizontiert und anschließend durchgestochen. Das Ergebnis: der Mittelpunkt der Sturmfesten und Erdverwachsenen befindet sich in Hoyerhagen, und das gehört zur Samtgemeinde Grafschaft Hoya. Vielleicht fühlte ich mich auch deshalb recht zentriert.
Während sich Hoyerhagen unbestritten seiner Mittelpünktigkeit rühmen kann, wird um das geografische Zentrum Deutschlands gerangelt. Insgesamt sieben Gemeinden beanspruchen diesen Titel, darunter auch eine in Niedersachsen, nämlich Krebeck bei Göttingen, zwei Autostunden südsüdöstlich von Nienburg. Weitere Mittelpunkt-Steine, Mittelpunkt-Tafeln, Mittelpunkt-Bäume und Mittelpunkt-Gaststätten gibt es in den thüringischen Flinsberg, Niederdorla, Silberhausen, Landstreit, Bischofroda und Hessen ist mit Besse dabei. Je nach Messmethode mögen sie alle Recht haben. Der Mittelpunkt der Erde hingegen liegt kulinarisch gesehen eindeutig nicht in Griechenland, sondern in Brandenburg und der Mittelpunkt der Welt unweit von Delmenhorst, bekanntlich niedersächsisch.
Den Mittelpunkt Niedersachsens bekam ich nicht zu sehen, denn schon bald begann die nächste Etappe. Sie führte nicht weit, mich hinzusetzen lohnte kaum. Der Busfahrer klärte mich darüber auf, dass er die nächste Kreuzung nach rechts abbiegen werde und ich kurz danach aussteigen müsse. Er ließ mich an der Landstraße an einem Waldrand etwas abseits der Siedlungen aussteigen.
Hoher Besuch
Am Haltestellenschild war nicht ersichtlich, welcher Bus mein nächstes Etappenziel Verden ansteuern würde, ebenso wenig das Schild auf der gegenüberliegenden Seite. Wohlgemerkt: Mein iPhone war alle. Die Straße war kaum befahren, die Menschen weilten wohl schon auf dem Brokser Markt oder erholten sich noch von ihrem Besuch dort vom Vortag. Angesichts der Stille und Ungewissheit fühlte ich mich in die Lage Cary Grants in Hitchcocks Film "North by Northwest" versetzt, in dem er im Nirgendwo aus einem Bus aussteigt und der Dinge harrt, bis er von einem Flugzeug attackiert wird.
Von links nahte ein Bus. "Oh, heute haben wir einen Ehrengast", rief mir der Busfahrer zu, als ich ihm meine Bahncard 100 zur Fahrerlaubnis zeigte. Ob er nach Verden führe, erwiderte ich und er bejahte. Es komme nicht alle Tage vor, eher sehr selten, dass ihm jemand eine Bahncard 100 vorzeige, schon gar nicht in dieser Gegend. Ich erklärte ihm, dass mein Zug in Nienburg nicht weiterfahren konnte und ich mich mit Bussen nach Bremen durchzuschlagen versuchte, da es keinen Schienenersatzverkehr gebe. "Ja, das wird heute schlecht sein, ist ja Brokser Markt."
Im Sommer 2019 stand für mich nicht zur Frage, eine Alternative zur Bahncard 100 auszuloten. Zum ersten Pendeltag Ende Februar 2007 an hatte ich mir sogleich die Zug-Flatrate zugelegt. Ich hatte mir ausführlich durchgerechnet, dass sie sich für mich lohnt für die Strecke Bremen – Hannover, erst recht einschließlich des öffentlichen Nahverkehrs, denn ich musste ja noch jeweils zum und vom Bahnhof fahren. Einen Teil bekam ich über die Pendlerpauschale auf meine Einkommenssteuer angerechnet. Außerdem hatte ich keine Lust, immerzu Fahrkarten zu lösen.
Ein weiterer Vorteil ist, dass sie mit einem Passfoto versehen und so für niemanden außer mir zu gebrauchen ist. Morgens konnte ich sie auf meinen Klapptisch legen und eindösen, der Schaffner brauchte mich nicht zu wecken, um meine Fahrerlaubnis zu sehen. Einmal musste ich hastig aufwachen und in Hannover aussteigen, vergaß meine Bahncard, die daraufhin ohne mich weiterfuhr. Als ich zum Feierabend wieder am Bahnsteig stand, hörte ich wie immer mit halbem Ohr die Durchsagen. In einer meinte ich plötzlich meinen Namen vernehmen zu können, dachte aber, mich verhört zu haben. Mir erschien es unwahrscheinlich und unwirklich, meinen Namen in einer Bahnhofsdurchsage zu hören und war umso mehr erstaunt, als sie kurze Zeit später wiederholt wurde: "Herr Andreas Wilkens, bitte kommen Sie zu Information." Dort ging ich hin und eine Bahnbedienstete händigte mir meine Bahncard aus.
GroĂźe Fehlinvestition
In diesem Jahr 2020 erwies sich die Bahncard 100, die ich mir nach dem jährlichen Turnus wie immer im Februar gekauft hatte, als meine größte Fehlinvestition des Jahres. Seit Mitte März bin ich nicht mehr ins Redaktionsbüro gefahren, alle meine Beiträge für heise online schreibe ich seitdem im Homeoffice. Als ich das meiner Liebsten erzählte und dabei auch die Möglichkeit beschrieb, dass es künftig viel mehr zu Heimarbeit kommt und ich meine Kalkulation für die Bahncard 100 neu überdenken und dann wohl auf den Kauf einzelner Zug-Fahrkarten und womöglich Monatskarten für BSAG und Üstra umsteigen müsste, wovor mir graute, brachte sie mich bei Kaffee und Lebkuchen auf den neuesten Stand: "Liebster, es gibt nun Handytickets und in der Straßenbahn kannst Du auch mit Deinem Telefon am Automaten bezahlen."
'Interessant', dachte ich. Dabei meinte ich weniger den Inhalt ihrer Ausführungen, sondern mehr meine Erkenntnis darüber, wie sehr mein Denken von Gewohnheit bestimmt wird. Dabei hatte ich schon einige Nachrichten über neue Bezahlmöglichkeiten für heise online entweder redigiert oder gar selbst geschrieben. Ich hatte es aber nicht geschafft, die Optionen dieser neuen Technik in mein Denken zu integrieren.
Dabei hatte ich mir schon längst Gedanken, darüber gemacht, dass vieles, womöglich alles Denken von Herkömmlichkeit geprägt wird und Umschwenken immer schwer ist, aber oft reichlich lohnend. Gerade in meinem Beruf als Nachrichtenredakteur heißt es doch immer die Augen offen zu halten, keine Vorbehalte Neuem, Unbekanntem gegenüber zu hegen, aber kritisch zu sein. Einige Entwicklungen in meinem Privaten, die mich dazu gebracht hatten, mein Dasein neu zu sehen und zu ordnen, hatten mir weitere Anstöße gegeben, Althergebrachte zu prüfen und bisweilen über Bord zu werfen. Wenn das meine Lebensmittekrise gewesen sein sollte, dann werde ich wohl mindestens 110 Jahre alt werden.
An einer Haltestelle zwischen Hoya und Verden stiegen zwei Schulkinder mit Ranzen ein, zwei Stationen später stiegen sie wieder aus. Sie grüßten den Busfahrer, er grüßte sie zurück und sprach sie dabei mit Namen an. "Die zwei kommen aus Syrien, die sind hier vor vier Jahren auf dem Land untergebracht worden, leben jetzt hier und gedeihen prächtig", sagte mir der Busfahrer, ohne dass ich ihn gefragt hätte. Wie es denn überhaupt hier mit den Flüchtlingen bestellt sei, fragte ich ihn. "Soweit ich das mitgekriegt habe, gab es da keine Probleme. Die Menschen hier sind hilfsbereit."
Ich erinnerte mich an eine Fahrt von Hannover heimwärts, die ich ausnahmsweise mit dem Regionalexpress absolvierte. Ich saß in einer Vierersitzgruppe zusammen mit zwei jungen Männern, wir alle schauten jeweils in unser Telefon. Der junge Mann neben mir hatte offenbar mitbekommen, dass ich gerade einen Spielbericht aus der Fußballbundesliga las, und sprach mich darauf an. Es ergab sich, dass er und sein Cousin aus Syrien stammten, genauer gesagt aus Homs, ihre Familie Geld gesammelt hatte, um sie nach Deutschland schicken zu können, um sie so davor zu bewahren, in einem Alter von gerade mal 17 Jahren zur syrischen Armee eingezogen werden. Sie seien in Finsterwalde untergebracht und nun auf dem Weg nach Bremerhaven, um sich dort für eine berufliche Ausbildung vorzustellen. Sie seien übrigens Fans von Bayern München.
(anw)