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- Barbara Lange
- Barbara Lange
Ein Rechner beobachtet sich selbst bei der Auflösung seines Speicherinhalts. EPROM - über die Ästhetik des Verschwindens. So hat die Künstlergruppe x-space aus Graz ihre Installation genannt, die sie 1993 in Innsbruck zeigte und im World Wide Web dokumentiert. Deutlicher als hier ist die Flüchtigkeit, das Immaterielle von digitaler Kunst kaum aufzuzeigen.
EPROM, der Erasable Programmable Read Only Memory, ein Festwertspeicher, der seinen Inhalt auch bei Stromausfall behält, ist nicht lichtecht. Die einzige Möglichkeit, seinen Inhalt zu entladen, besteht in seiner Bestrahlung mit ultraviolettem Licht. Ohne Lichtschutz montierte die Projektgruppe den EPROM, auf dem die digitalisierte Makrofotografie eines Silizium- Speicherchips liegt, vor einen Bildschirm.
Ein Computer liest permanent seine Speicherzellen aus und zeigt das jeweilige Bild auf diesem Monitor, dessen UV-Strahlen zweierlei bewirken: Sie sind Voraussetzung für die Betrachtung des Bildes und gleichzeitig Quelle für ihre Zerstörung. Jede gelöschte Speicherzelle trägt zur Beschleunigung des Auflösungsprozesses bei, da sie, ein weißer Bildpunkt geworden, die Strahlung des Bildschirms vergrößert (siehe Abbildung 1).
| Der Speicherinhalt des EPROM verblaĂźt: Die UV-Strahlung des Monitors bewirkt zweierlei. Sie macht den Speicherinhalt sichtbar, sorgt aber auch fĂĽr sein Verschwinden (Abb. 1). |
Digitale Kunst ist veränderlich. Im Unterschied zu 'konventionellen' Kunstwerken mit festem äußeren Erscheinungsbild, das dem Rezipienten eine zuschauende Rolle zuweist, in der er staunend und interpretierend vor dem Werk steht, aber selbst nicht in der Lage ist, ähnliches zu produzieren, ist Veränderlichkeit und Mitarbeit ein Merkmal digitaler Kunst. Im Projekt EPROM geht es aber nicht um Interaktivität zwischen Mensch und Maschine, sondern hier ist der Rechner ganz auf sich allein gestellt, mit sich selbst konfrontiert.
Das Spektrum der im WWW gezeigten Kunst ist breit gefächert und so vielfältig, daß der Versuch eines vollständigen Überblicks unweigerlich im Nirwana des digitalen Zwischenraums enden muß - vielleicht ist das ein Grund dafür, daß einige Stimmen das Internet mit Technoschamanismus (http://www.uni-karlsruhe.de/ZKM/JOURNAL/INT_JILL.HTM, nicht mehr erreichbar, 29.05.01, tri), einer besonderen Form der außerkörperlichen Erfahrung, gleichsetzen? Ein systematisches Durchsuchen von Metalisten (http://www.cgrg.ohio-state.edu/Newark/galleries.html) wie dem World Wide Web Navigator (http://www.teak.fi/navigator.html) oder Listen der gängigen Suchmaschinen jedenfalls würde Wochen dauern.
Kunst, wie man sie im WWW finden kann, ist entweder ein Abbild realer, physischer Werke, oder aber sie setzt sich mit dem immateriellen Raum des Internet auseinander. Die Arbeiten anerkannter und völlig unbekannter Künster stehen nebeneinander. Prinzipiell hat jeder die Möglichkeit, sich außerhalb des etablierten Kunstbetriebs zu zeigen.
Kreative Produktion steht in engem Zusammenhang mit den Werkzeugen, die ein Künstler in seiner historischen Epoche zur Verfügung hat. Technische Entwicklungen haben immer wieder zu wesentlichen Veränderungen der künstlerischen Formen beigetragen, man denke nur an den Einfluß der Fotografie. Ähnlich umwälzend sind die Möglichkeiten, die sich aus der Nutzung digitaler Medien und dem weltweiten kommunikativen Austausch von Gedanken und Inspirationen ergeben. Das Bild des einsamen Künstlers als kreativem Einzelgänger, der im Atelier Farbe auf Leinwände bringt, erfährt somit zumindest eine Ergänzung.
Wir malen zusammen ein Bild
Initiatoren des 1994 begonnenen Projektes HypArt (http://rzsun01.rrz.uni-hamburg.de/cgi-bin/HypArt.sh - Server nicht mehr erreichbar, 29.05.01) beispielsweise haben sich vorgenommen, mit Menschen aller Art - kĂĽnstlerisches 'Vorwissen' im traditionellen Sinne ist dabei nicht vorgeschrieben - rund um den Erdball gemeinsam ein Bild zu erstellen. Jeder WWW-Nutzer kann seinen Beitrag produzieren, indem er sich eines der neun Quadrate fĂĽr drei Tage mietet. Einzige Voraussetzung: Jedes einzelne Teil muĂź eine Verbindung haben zu seinen Nachbarn. Abbildung 2 zeigt das erste, innerhalb von zwei Monaten erstellte Exemplar. Das Projekt ist mittlerweile bei Nummer fĂĽnf angelangt.
| Das erste Bild des Projektes HypArt: Eins von neun Quadraten kann sich der WWW-Benutzer mieten, um es dann zu gestalten (Abb. 2). |
Den Entstehungsprozeß können Internet-Surfer weltweit beobachten. Teilnehmer an diesem Projekt stammen überwiegend aus dem amerikanischen Raum, ein Zeichen für Klaus Rosenfeld, dem Initiator von HypArt und gleichzeitig Administrator des WWW-Servers der Universität Hamburg, auf dem das Projekt läuft, daß in den USA prozentual mehr Benutzer im Netz sind, die nicht aus den 'traditionellen' Gebieten wie Informatik oder Naturwissenschaften stammen. 'Künstler, künstlerisch ambitionierte oder auch nur interessierte Benutzer', so Rosenfeld, 'sind daher eher in den USA zu finden.' Vielleicht siegt die Grundhaltung, die Technik als Gegensatz zur kreativen Arbeit definiert, hierzulande noch zu oft. Ein Merkmal der digitalen Kunst ist es jedenfalls, daß die Grenzen zwischen Kunst und Technik immer mehr verwischen.
Virtuelle Galerie fĂĽr jedermann
Zwölf Räume hat Imago, die im November 1994 eröffnete virtuelle Galerie für computergenerierte und -transformierte Kunst, ein Projekt der Akademie der Künste München. Hier stellen Studenten, aber auch Interessierte aus dem Internet ihre Computerarbeiten aus. Rechner und Anschlüsse stellt das Leibnitz- Rechenzentrum zur Verfügung. Von einer Architekturvisualisierung in Raum eins über die gelangweilten Phantasien eines Teenagers in 'Moose's Mental Bedroom' ausgerechnet in Raum sechs bis hin zu Vorschlägen aus dem Internet in Raum zwölf reichen die Bestandteile dieser virtuellen Galerie.
Persönlicher Favorit: 'Die Augen des Gärtners', drei mit Photoshop bearbeitete Naturaufnahmen (siehe Abbildung 3) . Die Installation 'Abwasch' in Raum elf zeigt eine 'ad absurdum geführte Visualisierung trivialster Alltäglichkeit', so die schriftliche Erklärung von Jörg Stelkens für diesen Raum. Geplant ist ein Mac-Programm, mit dem der Benutzer per Mausklick auf Wunsch warmes oder kaltes - virtuelles - Wasser dem ebenso virtuellen Wasserhahn entlocken kann.
| In mehreren Räumen zeigt die virtuelle Galerie Imago aus München computergenerierte und -transformierte Kunst, hier 'Die Augen des Gärtners' (Abb. 3). |
Die weltweite Kommunikationsmöglichkeit mit dem World Wide Web steht immer noch im Widerspruch zur im Verhältnis zum Potential doch eher geringen tatsächlichen Benutzerzahl. Um hier einzugreifen, veranstalten die Initiatoren des Projektes regelmäßig Diskussionsforen. Für den Herbst ist geplant, der virtuellen Ausstellung ein reales Pendant an die Seite zu stellen. Die Architekturvisualisierungen aus Raum eins beispielsweise sollen dann mit einem Beamer an die Wand projiziert werden. Auch die reale Ausstellung, die Imago im Juni 1995 unter dem Motto 'Hat das Netz ein Ende?' veranstaltete, sollte das WWW bisher Unbedarften zugänglich machen. Von einem speziellen Terminal aus konnten Benutzer festgelegte Fixpunkte erreichen und von dort aus das World Wide Web kennenlernen. Ausgaben erschienen vergrößert auf zwei Wänden, eine weitere präsentierte Endlosausdrucke von unterschiedlichen Netzwerkdiskussionen.
Wird das Internet zum Kunstobjekt?
Geht es bis jetzt hauptsächlich um die Auseinandersetzung mit dem Thema Kunst im Internet, so denken die Initiatoren um Imago zur Zeit darüber nach, nach dieser Stufe das Internet selbst zum Kunstobjekt zu machen. Auch das Projekt Kulturbox aus Berlin geht in diese Richtung, wenn es - parallel durch die von ihr getreulich dokumentierte Reichstagsverhüllung von Jean-Claude und Christo - eine Verhüllung des Internet anregte und dazu eine Ideenbörse initiierte. Die über das Netz eingegangenen Vorschläge, zum Beispiel 'Stecker rausziehen' oder 'Pappkarton überstülpen' allerdings realisierte die Kulturbox nicht. Zum Teil waren die Beiträge auch - mit Verlaub - ein wenig pubertär. Wie schwierig es für nicht Eingeweihte ist, wirklich zu verstehen, was das Internet, was das WWW ist, zeigt sich auch daran, daß Christo nach Aussagen von Jürgen Specht, dem Initiator der Kulturbox, im Grunde nicht richtig verstanden hat, worum es dabei geht und was da zu verhüllen sei.
2 000 000 Zugriffe. Das ist die Bilanz der Kulturbox fĂĽr sechs Wochen. Die Spitzenzahl von 130 000 Anfragen am Tag konnte immerhin den Rechner der TU Berlin fĂĽr eine gewisse Zeit lahmlegen. Ein paar Zahlen: 69 Prozent der Benutzer verwendeten Netscape, 17 Prozent Mosaic und immerhin 11 Prozent ASCII-Browser. 47 Prozent der Anfragen stammten von Unix-Rechnern, 44 Prozent der Rechner waren mit Windows ausgestattet und immerhin sieben Prozent der Benutzer verwendeten einen Mac.
Gemessen an der hohen Zugriffsrate beteiligen sich relativ wenige Teilnehmer an der öffentlichen Diskussion im 'virtuellen Parlament', in dem jeder seine Meinung zur Reichstagsverhüllung abgeben konnte. Vielleicht kann das Internet-Cafe, das die Kulturbox gemeinsam mit der Berliner Stadtbibliothek einrichten wird, diese Scheu aufheben.
So erfolgreich sich das Projekt im nachhinein auch darstellte, im Vorfeld waren kaum Sponsoren zu finden, die die Kulturbox ĂĽber Sachspenden hinaus finanziell unterstĂĽtzen wollten. Nur der Kultursenat spendierte 30 000 DM, die 'Restkosten' , immerhin 180 000 DM, brachten die Initiatoren der Kulturbox und 30 ehrenamtliche Mitarbeiter privat auf, so JĂĽrgen Specht.
Brainstorming zwischen Nord- und SĂĽdpol
Für die nahe Zukunft plant die Kulturbox verschiedene Internet- Projekte. Einige sind noch geheimnisumwoben, im Netz ist bis Redaktionsschluß schon das Projekt Das Ozonloch als globale Struktur (http://www.kulturbox.de/kultur/ozon/ozon___d.htm - nicht mehr erreichbar) des Medienkünstlers Hermann Josef Hack, ein Brainstorming Projekt 'einer künstlerischen Initiative mit dem Ziel, allen Menschen Gelegenheit zu geben, ihr kreatives Potential zur Lösung wichtiger globaler Probleme einzusetzen' so Hack auf seiner WWW-Site. In diesem Zusammenhang möchte er die demokratischen Möglichkeiten neuester Kommunikationstechnik einsetzen. Specht verhandelt bereits mit Stationen am Nord- und Südpol, damit sie ihre Daten on demand zur Verfügung stellen. Auch an der Visualisierung der Daten wird bereits gearbeitet.
Mit einer besonderen Art des Verschwindens setzt sich Christine Meyerhofer auseinander. Aus öffentlichen Beständen gestohlene Gemälde, unter anderem von Caspar David Friedrich oder Edward Munch, kommen im Projekt Auftragsdiebstahl zu neuen Ehren, wenn ein Foto der eigenen Wohnung mit einem Abbild eines gestohlenen Werkes geschmückt wird.
| 'Mit dem Regenbogen' von Caspar David Friedrich in der eigenen Wohnung. Das Projekt 'Auftragsdiebstahl' paĂźt Abbildungen von gestohlenen Werken in ein Foto der eigenen Wohnung ein (Abb. 4). |
'Stählerne Nerven und unendliche Geduld verlangt dieses unendlich dumme digitale Medium', diese Aussage, im virtuellen Foyer der Medienwerkstatt der Münchener Akademie der Künste zu lesen, zeugt von einer tiefen Kenntnis der Web-Realität, die den Kunstgenuß zuweilen stört. Lange Übertragungszeiten, überfrachtete Grafiken, Rechnerabstürze - hier wird das Verschwinden ziemlich unästhetisch - und nicht zuletzt der Error 404, das alles gehört zum WWW und dieser Art von Kunst, die genau genommen niemals richtig da ist oder erst dann, wenn technische Geräte die sorgsam in Einsen und Nullen zerlegten Objekte wieder in für menschliche Sinne aufnehmbare Form zusammengesetzt haben. In Berlin übrigens gibt es einen Förderverein für instabile Medien.
Web-Surfer erleben ein Wechselbad aus Faszination und Enttäuschung. Digitale Kunst ist noch im Experimentierstadium; sie ist dabei, sich als Kunstrichtung zu etablieren und eigene Formen zu finden. Unterstützend können Festivals wirken, auf denen ein Informationsaustausch und Diskussionen möglich sind. Zum Beispiel plant das European Media Art Festival (http://www.nordwest.pop.de/bda/int/emaf/ - nicht mehr erreichbar), das vom 6. bis 10. September in Osnabrück stattfindet, solche Diskussionsforen und Internet-Projekte.
Zu nennen wäre noch vieles, unter anderem das Projekt OTIS, dessen Künstlerliste circa 250 Namen umfaßt, das Kölner Reiff-Museum, die Kunsthalle in Emden, die gerade eine Auswahl von Picasso, Radziwill und Gudrun Bründe zeigt, die Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Kultur e.V. (DGFK) (http://www.snafu.de/~dgfk/DGFK_Galon.html - nicht mehr erreichbar).
Erwähnenswert ist auch die Teleperformace Exodus (auch Exodus - nicht mehr erreichbar), ein Beitrag für die Ars Electronica 1995. Um die Bedeutung der 'Auswanderung des Menschen in die virtuellen Netze und die damit verbundene Befreiung von Zeit und Raum' zu zeigen, wanderte Michael Bielicky vom 20. bis 23. Juni auf den Spuren des Propheten Moses durch die Wüste Negev, ausgerüstet mit einem tragbaren GPS-Gerät (Global Positioning System). Ein Funktelefon übertrug die von mehreren Navigationssatelliten empfangenen Daten zum nächsten Internet-Server. Weltweit konnten Benutzer beinahe parallel die dort liegenden digitalen Wüstenlandschaften abrufen, ergänzt durch die Position von Michael Bielicky. Diese Erfahrung der 'Anwesenheit in Abwesenheit' mache, so Bielicky, den Informationsmenschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus.
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