Sehen und gesehen werden

Oft will, wer was zu sagen hat, nicht nur gehört, sondern auch gesehen werden. Und wie so oft unterstützt das Internet auch dieses urmenschliche Bedürfnis mit einer Fülle frei verfügbarer Software. Bildtelefone waren der Knaller des letztjährigen Weihnachtsfestes. Ausgestattet mit einem Pärchen dieser Geräte konnten die Beschenkten mehr schlecht als recht Tante Gerda in Pusemuckel zum Geburtstag gratulieren und dabei in ihr bewegtes Antlitz schauen.

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Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Torsten Beyer
  • Kersten Auel

Ferngespräche von Angesicht zu Angesicht sind heutzutage auch billiger zu haben. Um auch im Internet 'ruckelnde' Gestalten sehen und ihre zugehörigen Laute für (fast) umsonst genießen zu können, gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste ist der Kauf einer fertigen Lösung von einem der bekannten Workstationhersteller. Wer den Rechner ohnehin benötigt, bekommt in Relation zum Workstationpreis Soft- und Hardware für die Videokonferenz nahezu kostenlos dazu.

Alternativ bedient man sich in den Archiven des Internet. Eine Unix-Auswahl interessanter Anwendungen für Videoconferencing bietet der Server des Lawrence Berkeley National Laboratory (LBNL) an. vat erlaubt Audioübertragung in Echtzeit und ist fundamentaler Bestandteil einer ganzen Suite von Multimedia-Anwendungen, die im LBNL entwickelt werden. Neben vat, das auf dem Draft RFC für das Realtime Transport Protocol (RTP) basiert, finden sich auf demselben Server Anwendungen für die Übertragung von Video (im Directory vic ) und für das Herumkritzeln auf einer von mehreren Anwendern gemeinsam genutzten 'Tafel' (im Verzeichnis wb). Am besten läuft die ganze Sache über einen Anschluß an den IP Multicast Backbone (MBone) - den dürften allerdings die wenigsten Leser haben.

Alternativ funktionieren diese Programme natürlich auch bei Punkt-zu-Punkt-Verbindungen auf der Basis von Standard IP-Unicast-Mechanismen. Vorkompilierte Versionen des Basissystems vat gibt es für praktisch alle Unixe. Die aktuelle Version ist 3.4. Im Verzeichnis vat/alpha-test findet sich der jeweilige Alphastand der gerade in Entwicklung befindlichen Release 4.0.

Im Gegensatz zu vat und seinen Verwandten bietet das aus Frankreich stammende IVS (ftp://zenon.inria.fr/rodeo/ivs/version3.5) eine Kombilösung für die Übertragung von Audio- und Videodaten im Internet. Das Inria Videoconferencing System beherrscht auch den internationalen Standard H.261 für die Datenkodierung. Der Einsatz von IVS erfordert lediglich eine Workstation plus Kamera sowie einen Framegrabber. Die Software läuft auf den gängingen Desktop-Unixen inklusive Linux.

Mit ähnlichen Zielen tritt das Xerox NetVideo System an. Sämtliche Kodierungen/ Dekodierungen laufen auch hier über die Software. Wie IVS verfügt NetVideo über die Möglichkeit, sich an die Linkgeschwindigkeit soweit zu adaptieren, daß eine Bildübertragung sogar über langsame Modemverbindungen funktioniert - wenn auch schleppend. Wie die anderen Systeme bedient sich NetVideo des RTP.

Für diejenigen, die lediglich einen PC oder Mac ihr eigen nennen, gibt es als Rundum-Sorglos-Lösung CU-SeeMe von der Cornell Universität. Diese Videokonferenzlösung setzt auf einem Unix-basierten Server (dem sogenannten Reflektor) und PC/Mac-basierten Clients auf. Die jeweils aktuellen Softwarestände gibt es beim Server der Universität (ftp://cu-seeme.cornell.edu/pub/CU-SeeMe). Im Verzeichnis Reflector (ftp://cu-seeme.cornell.edu/pub/CU-SeeMe/Reflector) liegen die Reflektoren für unterschiedliche Unixe, die Clients für den Mac oder den PC jeweils in Mac.CU-SeeMe0.83b3 (ftp://cu-seeme.cornell.edu/pub/CU-SeeMe/Mac.CU-SeeMe0.83b3) beziehungsweise in PC.CU-SeeMeCurrent (ftp://cu-seeme.cornell.edu/pub/CU-SeeMe/PC.CU-SeeMeCurrent).

Im Prinzip funktioniert das Ganze wie IRC (Internet Relay Chat): Pro Reflektor gibt es mehrere Kanäle, bei denen Clients sich anmelden können. Jeder Client sendet sein Video- und Audiosignal an den Reflektor, der die Signale passend an die pro Kanal angemeldeten Clients weiterverteilt. So ensteht eine sternförmige Struktur mit dem Reflektor in der Mitte. Dabei können sowohl Clients ohne Video (sogenannte lurkers) als auch solche mit Video miteinander kommunizieren.

Für Menschen, die das Ganze von zu Hause aus nutzen wollen, bietet die Zusatzanwendung talk entscheidende Vorteile. Während die Übertragung von Bildinformationen relativ gut auch über LLs (Lahme Links) klappt und man so seeehr laaangsaaam einen visuellen Eindruck des Gegenübers bekommt, hört man bei der Übertragung von Audiodaten bestenfalls ein sporadisches Krächzen. Genau da hilft talk, das als Plug-In für CU-SeeMe arbeitet und im Prinzip einen IRC-Client darstellt. Wer etwas zu sagen hat, tippt es ein, und alle, die auf einem Kanal angemeldet sind, sehen den Text und von wem er kommt. So betrachtet präsentiert sich CU-SeeMe wirklich wie eine um Video angereicherte Variante von IRC.

Wer jetzt einen wäßrigen Mund hat: Immer daran denken, 10 MBit sind viel weniger, als man glaubt. (ka)