Nichts ohne Mario

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Von
  • JĂĽrgen Seeger

Die als Anti-Wintel-Strategie von Oracles Larry Ellison und anderen entworfene Vision des Netzwerkcomputers nimmt schneller Gestalt an, als viele vermutet haben. Schon in der letzten iX konnten wir mit der HDS @workStation einen (ersten?) Vertreter dieser neuen Gerätegattung vorstellen. Und jetzt ist sogar IBM mit einem NC am Markt.

Allerdings haben diese Systeme mit einer Vision, einer neuen Qualität von Desktop-Computern soviel gemeinsam wie ein Trabbi mit dem vielzitierten 3-Liter-Auto. Bislang stellen die Hersteller nur alte Technik mit neuen Marketing-Slogans vor. X-Terminals, und nichts anderes sind die real existierenden Geräte im Kern, gibt es seit 7 Jahren, und daß darauf lokale Clients verfügbar sind, ist fast genauso alt.

Der Neuigkeitsgrad erschöpft sich darin, daß auf den NC genannten X-Terminals ein WWW-Browser inklusive Java-Interpreter läuft und, natürlich, man auf Umwegen Windows-NT-Anwendungen bedienen kann. Letzteres funktioniert über die Citrix-Lösung, die Tektronix 1995 einführte und die ein modifiziertes NT voraussetzt. Nach unseren Erfahrungen ist diese Vorgehensweise ressourcenfressend und/oder einfach zu langsam. Tektronix hat übrigens schon vor zwei Jahren begonnen, seine X-Terminals Netstations zu nennen.

Schlimmer noch: die NCs müssen das Versprechen halten, nicht mehr als 500 Dollar zu kosten. Man kann sich den Preis schönrechnen, indem der Monitor getrennt fakturiert wird. Trotzdem bleibt: es sind Billiggeräte, die sich mit dem speicher- und CPU-hungrigen Java nicht vertragen.

Damit kann man vielleicht das eine oder andere 3270-Terminal ersetzen, die Wintel-Dominanz jedoch dürfte auf diesem Wege kaum gebrochen werden. Wenn der NC wirklich den Windows-PC ablösen soll, reichen trockene Argumente wie preisgünstig oder geringere Cost-of-Ownership kaum aus. Nicht einmal im Firmengeschäft, schon gar nicht im Home-Markt, ohne den sich nicht genügend große Stückzahlen erreichen lassen. Der NC muß, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, eine technologische Attraktivität ausstrahlen, die herkömmliche PCs ganz einfach blaß aussehen läßt, und obendrein deutlich einfacher zu bedienen sein.

Woher so ein Gerät kommen soll?

Ein Blick auf die unter ernsthaften DV-Profis verpönten Spielekonsolen ist hier durchaus erhellend. Nintendos 64-Bit-Mips-Maschine kann in Sachen Performance einem High-End-PC das Wasser reichen, trotzdem stimmt der Preis. Und wer Super Mario programmiert hat, sollte auch in der Lage sein, ein bißchen Netzwerksoftware und die Java Virtual Machine zu portieren. (js)