Alles Unix

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Von
  • JĂĽrgen Seeger

Glaubt man den Brandings der Standardhüter für Offene Systeme, der X/Open Group, kann nicht nur die Debatte Windows NT versus Unix beigelegt werden. Auch der vormals mit ähnlicher Verve geführte Streit Mainframes contra Unix hat ein zwar spätes, aber friedliches Ende gefunden.

Denn sowohl Microsofts Windows NT als auch das Mainframe-Betriebssystem OS/390 sind selbst Unix. Beide schmĂĽcken sich mit dem X/Open-Label 'Unix 95'. FĂĽr NT steht zwar die abschlieĂźende, formale PrĂĽfung noch aus, es zweifelt aber niemand daran, daĂź das Siegel verliehen wird.

IBM hat das mit der hauseigenen Betriebssystemdistribution geschafft. Die Redmonder muĂźten dagegen auf die Hilfe des Softwarehauses Softway Systems zurĂĽckgreifen, das unter dem Namen OpenNT einen Set von Tools und Libraries anbietet, unter anderem einen Telnet-Daemon.

Wie kommt ausgerechnet NT zum altehrwĂĽrdigen Titel 'Unix'? Unter dem wohlklingenden Namen Unix 95 verbirgt sich der Standard XPG4 Unix. Der wiederum ist eine Zusammenfassung anderer XPG-Vorschriften, die verschiedene Aspekte eines Betriebssystems betreffen - in diesem Zusammenhang Programmierschnittstellen und eine Beschreibung von Basiskommandos und Utilities.

Interessanter ist, was nicht zu Unix 95 gehört: das X Window System und NFS, zwei zentrale Bestandteile moderner Unix-Systeme. Für beides existieren zwar ebenfalls X/Open- Vorschriften, nur sind diese nicht Teil von XPG4 Unix. Wichtiger noch: sehr Grundsätzliches wie die Multisession-Fähigkeit ist ebenfalls nicht Gegenstand von XPG4 Unix. Diese Auslassungen machen das Unix-95-Branding so sinnvoll wie eine Nichtdurchrostungsgarantie für Formel-1-Rennwagen.

Man könnte darüber getrost zur Tagesordnung übergehen. Man könnte sogar darüber hinwegsehen, daß immer wieder technisch unbedarfte Einkäufer auf diesen Etikettenschwindel hereinfallen.

Das eigentlich Fatale an der Orientierung auf solche formalen Spezifikationen ist, daß praktisch Relevantes aus dem Blickfeld gerät. So triviale Dinge wie gleiche Konfigurationsdateien für alle Unix-Derivate etwa, mit gleicher Lage im Dateibaum und austauschbarem Aufbau. Hier wäre es schon ein Fortschritt, wenn dies unter 'echten' Unix-Derivaten vereinheitlicht wäre. Ganz zu schweigen von einer einheitlichen Oberfläche zur grafischen Administration, die auch funktioniert und den Benutzer nicht in entscheidenden Fällen auf die Kommandozeile zurückwirft.

Wenn das Unix-Branding zum Werbegag für Microsoft-Betriebssysteme verkommt, sind die Gelder der Unix-Anbieter in der Arbeit an den genannten Problemfeldern besser angelegt als in den Mitgliedsbeiträgen für X/Open. (js)