Glaubenskrieger
- Jürgen Seeger
Man könnte es am Rande registrieren und ad acta legen. Schließlich hat nur ein PC-Anbieter mit sinkendem Marktanteil ein Softwarehaus gekauft, dessen ehemals hochfliegende Pläne Jahr um Jahr an die Realität angepaßt werden mußten. Es geht, unschwer zu erkennen, um den neuen ‘Merge’ (O-Ton) von Apple und Next.
Wenig Bedeutung scheint auch die New Yorker Börse dieser Transaktion beizumessen. Nach einer leichten Erholung nach Bekanntwerden der Aquisitionspläne sank der Kurs der Apple-Aktie nahezu auf historischen Tiefststand - aus Cupertino war ein Quartalsverlust von über 100 Millionen Dollar angekündigt worden.
Allerdings sagt das Auf und Ab des Aktienkurses wenig aus über die langfristigen Zukunftschancen eines Unternehmens. DV-Anwender entscheiden anders als Investoren und Spekulanten.
In technischer Hinsicht hat die neue Einheit Apple+Jobs+Next ein unübersehbares Potential: die Konsistenz und Bedienerfreundlichkeit der Benutzeroberfläche des Macintosh, die Microsoft erst mit Windows95/NT4.0 annäherungsweise erreicht hat. Darunter mit dem Mach-basierten NextStep ein modernes Unix, das Bill Gates vielleicht einmal mit NT5.0 halbwegs erfolgreich nachgeahmt haben wird.
Nun ist technische Überlegenheit für den Markterfolg eines Produktes nicht unbedingt entscheidend. Wichtiger sind oft: Emotionen und Glaube. Kennen Sie jemanden, der stolz berichtet, er arbeite mit MSWindows? Eben. Bei Mac-Usern war genau dieser Stolz üblich, gelegentlich bis hin zu einem wahren Missionarseifer, was die Überlegenheit des ‘eigenen’ Betriebssystems anging.
Ein Rest dieses Gefühls, auf der ‘besseren’ Seite zu stehen, hat sich bis heute erhalten. Folge: Mac-Anwender sind treue Kunden. Die Aussicht auf ein überlegenes Produkt, dessen Verfügbarkeit in absehbarer Zukunft ansteht, könnte viele von der befürchteten Abwanderung zu NT abhalten. Aber: viel länger als bis zur nächsten Jahreswende darf Apple seine Stammkunden nicht warten lassen.
Wobei es dann doch noch um einen praktischen Aspekt geht: laufen die vorhandenen Anwendungen? Einer der wichtigsten Gründe für die Marktanteile von Microsoft und Intel war die ziemlich bedingungslose Rückwärtskompatibilität. Das ist im Falle Apple-Next so nicht möglich, da das Basisbetriebssystem ein anderes ist. Zwar geht das Aufsetzen von ROM- und OS-Routinen auf den Mach-Kernel weit über eine übliche Emulation hinaus (siehe etwa MkLinux), bleibt aber etwas anderes als das hardwaregebundene MacOS.
Wichtiger ist: wie schnell sind wie viele Applikationen native verfügbar, wie kostenträchtig werden Upgrades?
Da sind die Softwareanbieter im Apple-Umfeld gefragt - die Liste der derzeitigen Absichtserklärungen läßt hoffen. Daß OpenStep es künftig ermöglicht, Anwendungsentwicklung gleichzeitig für Apple- und NT-Systeme zu betreiben, ist ein weiterer Pluspunkt. Nicht zuletzt könnte auch Sun davon profitieren, auf deren Solaris OpenStep ebenfalls verfügbar ist. (js)