Virtually real
- Henning Behme
April ist der grausamste Monat, heißt es in T. S. Eliots berühmtem Gedicht The Waste Land; er konnte nicht wissen, daß die CeBIT im März stattfinden würde. In diesem Monat spannen die Computerbauer bekanntlich ihre Pferde ein, um Hannover zu besetzen.
Einige Aussteller haben dieses Jahr weniger zu schleppen als sonst: Network Computer lassen sich nicht nur leicht stapeln (bis auf wenige, mehr am Design als an Just-in-Time-Lieferanten orientierte Ausnahmen), auch ihr Gewicht ist nichts im Vergleich zum High-End-Server. Vielleicht kommen die NCs deshalb gerade zur Messezeit massenhaft.
Nettes Computing, No Compiler, No Comprendo - was gäbe es nicht für abwegige Möglichkeiten, das Akronym aus den Buchstaben n und c; aufzulösen... Beim Akro-Patentamt Mellendorf (im Norden einer notorisch bekannten Messestadt) liegt allerdings eine Petition von dreiundzwanzig nicht genannt sein wollenden Firmen vor, alle Zweiwortgruppen, die mit N und C beginnen, zugunsten des Network Computer zu verbieten (Intel hat das mit dem Begriff Pentium vorexerziert). Eine Katastrophe für die Numeric Control übrigens.
Keine Katastrophe sind NCs für Bill Gates; auch wenn Larry Ellison das vor Monaten noch anders gesehen hat und Ed Zander auf der 96er CeBIT den PCs den Kampf ansagte. Vorbei. Bereiche wie 3270, 9750 oder VTxxx dürften, realistisch betrachtet, der Markt der plattenlosen Netzterminals sein - die Ablösung der Mainframe-Terminals mit grafischen Mitteln.
Mittelfristig ist über diesen Nischenmarkt hinaus ein größerer in Sicht: Tele-Arbeitsplätze per ISDN. Wenn die in diesem Heft vorgestellten xyz-Stations erst einen Flash-Speicher ihr eigen nennen und das Betriebssystem nicht über die Telefonleitung laden müssen (allenfalls das Update), ist der Zeitpunkt gekommen, Angestellten Hardware ins heimische Arbeitszimmer zu stellen. Es reicht wahrscheinlich die Maschine selbst, denn Bildschirm, Tastatur und Maus gehören längst zur Standardausrüstung mittelschwerer Schreibtische.
Natürlich dürfen für das Back-End die im Betrieb gerade eingemotteten Großrechner (früher ein Ausdruck bösen Zentralismus) ihren Dienst wieder aufnehmen. Die Zeiten, in denen dezentrale Rechnerei (gelegentlich mit Demokratie verwechselt) propagiert wurde, sind vorbei, seit Unix-Server Mainframe-Ausmaße erreicht haben.
Wovon Hersteller noch träumen? Auf jeden Fall, minimalste Kosten zu verursachen und die Bedürfnisse der Kunden vollständig abzudecken (O-Ton Pressemitteilung).
Apropos Bedürfnisse: wir alle, die wir unter der knappen Woche alljährlich leiden wollen, wären mit einer virtuellen CeBIT auf dem NC zu Hause möglicherweise besser dran; eine Art CeBITReallyHome. Den grausamen März lassen wir in Halle1. (hb)