Oligopoly

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Von
  • Bert Ungerer

Vernetzung war etwa ein Jahrzehnt lang die profitable Tätigkeit für eine Unzahl von Herstellern. Standards entwickelten sich in diesem Vielvölkerstaat, wenn überhaupt, sehr langsam: Ethernet ist seit über 20 Jahren beliebt und im Einsatz. ARCnet wurde zum Erfolg einer einzelnen Firma, obwohl es nie zu Standardehren gelangt ist. FDDI hat sich eher trotz seiner langwierigen Standardisierungsprozedur etablieren können. Auch an Netzsoftware verdienten sich alle möglichen Hersteller eine goldene Nase, nur nicht Microsoft.

1994 gab es einen Knall, der bis heute nachhallt: Wellfleet und Synoptics wollten fortan unter dem Namen Bay Networks gemeinsame Sache machen. Seitdem ticken die Uhren des Marktes schneller, gehören Großübernahmen zum Tagesgeschäft. Die bisherigen Höhepunkte markierten dieses Jahr die Fusion zwischen 3Com und U.S. Robotics sowie die Übernahme von Cascade durch Ascend. Beide Deals zusammen übertreffen mit einem Aktienvolumen von rund zehn Milliarden Dollar sämtliche Zusammenschlüsse der Jahre 1995 und 1996 in diesem Sektor.

Der Kurs der Bay-Aktie konnte noch ungefähr ein Jahr lang zulegen, bevor er in 94er Gefilde zurückdriftete. Heute lösen solche Verschmelzungen bei Analysten und Anlegern Unsicherheit aus: Der 3Com-Merger verlor, kaum daß er angekündigt war, eine halbe Milliarde Dollar an Wert. Man fragt sich anscheinend, womit reine Netzwerker noch ihre Umsätze steigern wollen: Die Kabel sind gelegt, die LAN-Schränke gefüllt und WAN-Verbindungen zuverlässig genug.

Das erfolgreiche Spezialistentum hat ein Ende; von den fetten Jahren wird Abschied genommen. Firmenaufkäufe oder zumindest strategische Kooperationen gelten nicht als Zeichen der Stärke, sondern als Verteidigung.

Wer in dieser Phase die Gewinnmargen optimiert - ein Spezialgebiet großer Chip-Produzenten -, kann große Marktanteile für sich vereinnahmen. Intel und Rockwell können in Sachen Vernetzung heute gut mitmischen, ohne jemals als Technologie-Vorreiter aufgetreten zu sein. Sie brauchten lediglich den Erfolg von Standards abzuwarten, nachzubauen und mitzuwachsen - jetzt können sie selbst Netzstandards so bestimmen, wie es ihre Produktionsmittel erfordern.

Vielen gilt angesichts solcher Claims das Internet als Motor des Fortschritts. Doch es hat den Pioniergeist ausgehaucht; die Zeiten sind vorbei, daß Forscher und Visionäre aus Universitäten oder kleinen Firmen seine Entwicklung maßgeblich beeinflußten. Standards werden nun von Firmen erdacht und beschlossen, die ihre Pfründe verteidigen wollen: Die drei größten Gruppen in der IETF (Internet Engineering Task Force) werden derzeit von IBM, Microsoft und Cisco gestellt. Standards und Produkte entstehen so deutlich schneller, wenn auch auf Kosten der Innovationsfreude.

So heftig die Vereinnahmung des Internet durch einen kleinen Herstellerkreis stattfindet, so spät kam sie. Ähnliches wird sich wohl nicht wiederholen. Microsoft zum Beispiel ist nach seiner beinahe zu langen Internet-Abstinenz besonders wachsam geworden und will den nächsten großen Wachstumsmarkt von Anfang an dominieren: das Digitalfernsehen. Anfang April gab die Gates-Firma zusammen mit Intel und Compaq die Absicht bekannt, maßgeblich an Standards für das interaktive Fernsehen der Zukunft mitarbeiten zu wollen. Der Aufkauf von Sony- und Philips-Zulieferer WebTV durch Microsoft für eine halbe Milliarde Dollar ist mehr als ein erster zaghafter Schritt. Ein künftiger Massenmarkt wird bereits in seiner Keimphase von Großunternehmen bestimmt. (un)