Dinosaurier ante portas
- Jürgen Seeger
Daß das Internet nicht erst 1993 erfunden wurde, ist Insidern nicht neu. iX beispielsweise berichtet seit der ersten Ausgabe darüber. Nur: vor 1993 hatten wir es mit einem Internet ohne World Wide Web zu tun. Die Tools waren überwiegend kommandozeilenorientiert, Inhalte und Dienste abgestellt auf Universitäten und Forschungseinrichtungen, die wenigen Benutzer entsprechend ausgebildet.
Erst als die World-Wide-Web-Technologie die Hallen des CERN verließ und das NSCA seinen Browser Mosaic (erinnern Sie sich?) auf die FTP-Server brachte, wurde das Internet zum Massenphänomen. In zweierlei Hinsicht: die Zahl der Konsumenten wuchs exponentiell, und Tag für Tag kamen neue Web-Sites hinzu. Denn das damalige HTML war einfach zu erlernen, man mußte kein Programmierer sein, um seine eigene Homepage zu gestalten. Auch die Browser waren intuitiv bedienbar und vor allem vergleichsweise schlank: Mosaic2.4 brachte in der SPARC-Version rund 3,4 MByte auf die Platte.
Aktuell beziehungsweise in naher Zukunft ist das Web gekennzeichnet durch Netscapes Communicator 4 Beta xxx, Microsofts Internet Explorer in der gleichen Major-Version, ein um Frames und JavaScript bereichertes HTML und nicht zuletzt XML,
die eXtensible Markup Language. (Die Programmiersprache Java bleibt hier mit Absicht außen vor, weil sie eine über das WWW hinausgehende Entwicklung darstellt.)
Sicherlich kann man mit JavaScript Web-Seiten gestalten, die sonst nicht möglich sind. Bei Netscapes Frames läßt sich über Sinn oder Unsinn schon trefflich streiten, was sie zumindest fragwürdig erscheinen läßt. Und XML, ein nur noch für Programmierer durchschaubares SGML lite, wird sich hoffentlich nur im Intranet durchsetzen und HTML nicht verdrängen. Denn die Dynamik des Web beruht auch darauf, daß jeder ohne große Vorkenntnisse publizieren kann.
Was die beiden Browser angeht, hat sich nicht nur der Speicherplatzbedarf gegenüber der Urmutter verdreifacht, sondern aus einem einfachen Tool sind die berühmt-berüchtigten eierlegenden Wollmilchsäue geworden. Im Ergebnis ist zum Beispiel das News- und EMail-Lesen deutlich zäher geworden als mit dedizierten, auf eine Aufgabe zugeschnittenen Programmen. Obendrein sind Investitionen in Hauptspeicher fällig, um die neuen Mammut-Werkzeuge überhaupt betreiben zu können. Letzteres mag angesichts der immer noch recht günstigen RAM-Preise für den einzelnen Arbeitsplatz nicht so sehr ins Gewicht fallen, sehr wohl aber, wenn es um ein komplettes Firmennetz geht.
Unter traditionellen Web-Frontends war auch noch jedem klar, wann er per - kostenträchtiger - Internet-Anbindung auf eine Datei zugriff. Was die Browser-Hersteller dagegen derzeit als Transparenz vermarkten, den quasi unmerklichen Übergang vom lokalen Filesystem in das World Wide Web, dürfte einem Endanwender eher Kopfschmerzen bereiten. Der wird die Unklarheit über die Herkunft eines Dokuments nur als weiter Verunsicherung erfahren, nach dem Schabernack wie der automatischen Installation von Plug-ins und ActiveX-Controls.
Die wechselseitigen Browser-Aufrüstungen der Marktführer Netscape und Microsoft erinnern in fataler Art und Weise an die auf politischer Ebene gerade beendete Logik des Kalten Krieges. Der Sinn bleibt unklar. Den Nutzen haben allenfalls die Hardwareanbieter. (js)