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- Henning Behme
Es hätte so schön sein können: alle machen Java. Eine objektorientierte Programmiersprache, die diverse Mängel von C++ nicht hat; das Web als tragende Säule des kommenden Jahrzehnts in Informationstechnik und Wirtschaft; und schließlich Java-Anwendungen außerhalb des Web: alles sprach dafür, daß der Hype Wirklichkeit werden könne - vor allem aus Sicht von Sun Microsystems. Sogar Vorzeigeprojekte, pardon, -produkte waren schon vorhanden und in den Medien beworben und besprochen worden.
Plötzlich weicht Corel von der wahren Lehre ab und erklärt, ihr Produkt Corel Office for Java so nicht weiter verfolgen zu wollen. Die Bürolösung war die erste große Anwendung, die vollständig in Java geschrieben war und nicht einen Java-Client mit einem native (= C++) Server verband.
Vielleicht noch schlimmer: die eigenen Landsleute im ISO-Ausschuß kehren Sun den Rücken und votieren zumindest vorläufig mit ‘no with comment’, was den Antrag auf Normierung von Java und Suns Rolle dabei angeht. Hintergrund der ISO-Geschichte ist, daß erstmals eine gewinnorientierte Firma versucht hat, sich bei der ISO als Anbieter einer öffentlichen Spezifikation (publicly available specification) registrieren zu lassen.
Da werden Normierungsexperten wie das Deutsche Institut für Normung sowie Firmen mißtrauisch und sehen sich den Antrag möglicherweise noch genauer als üblich an. Kritische Punkte in Suns Einlassung sind die Tatsachen, daß die Kalifornier sich das Trademark nicht nehmen lassen und auch die Hand auf der weiteren Entwicklung haben wollen. Bis Ende des Jahres dürften die Beteiligten sich entschieden haben; ihre Antwort wird stark davon abhängen, wie Sun auf die Kommentare reagiert.
Beide Vorgänge deuten an, daß Java möglicherweise doch nicht die Lösung aller Probleme in der Informationstechnik ist. Neben JavaOS-basierten NCs werden andere Terminallösungen und PCs existieren - letztere gar weiter dominieren. Selbst im Web sieht man mehr und mehr Seiten, deren Interaktivität eher Netscapes JavaScript zu verdanken ist als Applets, deren Laden die Toleranzgrenze so manchen Anwenders und Webmasters übersteigt.
Zudem ist selbst mit den neuen Java Foundation Classes keineswegs das Gelbe vom GUI-Ei erreicht, auch wenn viele Mängel des Abstract Windowing Toolkit beseitigt sind.
Aber Portabilität, sagt mancher. Mit Java können einmal geschriebene Programme überall laufen, heißt das Credo der Apostel. Dieses Kriterium ist allerdings nicht exklusiv. Tcl/Tk bietet solche Möglichkeiten auch - sein Schöpfer, John Ousterhout, ist übrigens seit einiger Zeit Sun-Angestellter. Und wer das grafische Frontend nicht benötigt, arbeitet im Web meist mit Perl.
Schließlich, wie immer an dieser Stelle, das wirkliche Leben (RL - real life): Microsoft. Zwar hat das Softwarehaus von der Pazifikküste eine Java-Lizenz erworben, aber es will nicht die genannten Java Foundation Classes verwenden, sondern statt dessen die MS-eigenen Application Foundation Classes.
Mit der Portabilität von Java-Anwendungen wäre es aus, sollten Entwickler mit unterschiedlichen GUI-Bibliotheken leben wollen. Das erinnert an den Java-Kampfruf live once, die anywhere.
Kein Grund zur Panik; ganz so schlimm wird es nicht kommen. Java ist lediglich auf dem Weg zu einer normalen Programmiersprache wie C(++), Perl oder Tcl. Die Sprache festzuschreiben täte gut. Das ging bei Lisp und hat sogar bei C++ schon fast geklappt. (hb)