Prozessorenschicksale
- Jürgen Seeger
Ob die Meldung des Wall Street Journal, Intel wolle Digital den Alpha-Chip abkaufen, sich bewahrheitet, stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest. 1,5 Milliarden Dollar sollen für die kompletten Rechte an der CPU und der Chip-Fabrik in Hudson im Gespräch sein, so die US-amerikanische Wirtschaftszeitung. Zumindest wären damit gleich drei Probleme erledigt:
- Der Patentsrechtsstreit zwischen den beiden Firmen fände ein Ende.
- Intel könnte für die Fertigstellung von Merced, dem ersten geplanten Produkt des zusammen mit Hewlett-Packard betriebenen Projekts IA-64, einer ‘Post-RISC’ 64-Bit-CPU, auf Digitals Know-how und Fertigungskapazität zurückgreifen.
- Digital könnte seinen Aktionären wieder das selten gewordene Erlebnis einer Dividendenausschüttung bescheren und sich auf profitable Geschäftszweige konzentrieren.
Direkt dementiert hat diese Meldung bislang keiner der Betroffenen. Bestätigt wurde, daß Gespräche über Chip-Technologie laufen. Thema sei die Klage von Digital gegen Intel wegen 10 und die Gegenklage wegen 14 Patentrechtsverletzungen in Sachen Prozessortechnik. Daß die CPU-Schmiede in Hudson wegen der geringen Marktbedeutung des Alpha-Chips nicht ausgelastet ist, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Denn der Alpha-Prozessor ist zwar technisch den Intel-Produkten überlegen, konnte aber bislang kaum Marktanteile erobern.
Wie auch immer die Gespräche zwischen Digital und Intel verlaufen - die Meldung im WSJ gibt Anlaß zu weiteren Überlegungen. Welche CPU-Architekturen haben angesichts der zur 32-Bit-Intel-Welt rückwärtskompatiblen IA-64-Produkte die Chance, die Jahrtausendwende um mehr als ein paar Jahre zu überleben?
HPs PA-RISC mit Sicherheit nicht. Hewlett-Packard hat angesichts der Vorstellung des Merced-Designs auf dem gerade laufenden Mikroprozessor-Forum in San Jose und dessen geplantem Produktionsbeginn 1999 die Ablösung seiner RISC-Chips durch IA-64 angekündigt. Als Betriebssystem will man HP-UX 11 anbieten, in das Elemente des mit SCO entwickelten 3DA eingegangen sind, und Windows NT.
Was den PowerPC angeht, fahren die Hauptbeteiligten eine Doppelstrategie, die ihnen ein Hintertürchen aufhält. IBM bietet seinen Kunden wahlweise AIX auf RISC oder NT beziehungsweise OS/2 auf Intel. Apple will sein neues Betriebssystem Rhapsody nicht nur für die PowerPC-CPU, sondern auch für Intel-Chips auf den Markt bringen. Nur die MacOS-Kompatibilitätsbox bleibt dem PPC vorbehalten.
Für Digital gilt das gleiche wie für IBM, es ist nur der PowerPC durch Alpha zu ersetzen (allerdings läuft auf dem Alpha auch NT). Sogar Silicon Graphics will neben seinen Mips-Systemen Intel-basierte NT-Workstations plazieren, erste Produkte werden zur Siggraph im Frühjahr 1998 erwartet.
Allein Sun Microsystems schwört, mit Intel-CPUs, gleich ob in der 32- oder 64-Bit-Variante, und artverwandtem (NT!) nichts am Hut zu haben.
Aus Mountain View kam vor einigen Jahren auch eine Vision über einen Prozessor und eine Rechnerarchitektur, die Binärkompatibilität vom Laptop bis zum Superrechner gewährleiste. Gemeint war natürlich das eigene Produkt SPARC.
Die Vision ist nach wie vor realistisch. Allerdings wird die Basis kein SPARC-Chip sein. (js)