TGV statt ICE: Französischer Hochgeschwindigkeitszug für deutschen Fernverkehr
Der ICE könnte im deutschen Fernverkehr Konkurrenz durch den französischen Hochgeschwindigkeitszug Avelia Euroduplex bekommen.
Die französische Staatsbahn SNCF setzt den Avelia Euroduplex auf stark frequentierten Strecken ein.
(Bild: ALSTOM Transport / TOMA – M. Genel / Jeanne Thomazo)
Die überwiegend von Siemens gefertigte ICE-Familie könnte Konkurrenz im heimischen Hochgeschwindigkeits-Fernverkehr auf der Schiene erhalten. Denn nach eigenen Angaben verhandelt Alstom mit einem Interessenten, der das bis zu 320 km/h schnelle Modell Avelia Euroduplex in Deutschland einsetzen möchte. Um die Deutsche Bahn handelt es sich dabei ausdrücklich nicht.
Gegenüber der Wirtschaftswoche erklärte Müslüm Yakisan, verantwortlich für das Deutschland-, Österreich- und Schweizgeschäft bei Alstom, dass das Interesse am deutschen Schienenverkehrsmarkt zugenommen habe. Man führe konkrete Gespräche mit einem Kunden, der in den Fernverkehrsmarkt einsteigen wolle, so Yakisan. Ob es sich dabei um ein Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) im Sinne der Deutschen Bahn oder ein Leasingunternehmen, das die Fahrzeuge für seine Flotte kauft und dann an ein EVU vermietet, handelt, ließ er offen. Unabhängig davon wäre es für Alstom ein Prestigeerfolg: Bislang konnte das französische Unternehmen, das die Eisenbahnsparte des kanadischen Bombardier-Konzerns übernehmen möchte, nicht gegen Siemens und den ICE durchsetzen.
Yakisan zufolge sei der Avelia Euroduplex, der auch als TGV 2N2 bezeichnet wird, für einige Strecken in Deutschland besser geeignet als die ICE-Familie. Denn während Siemens auf Wagen mit nur einer Ebene setzt, verfügt der Euroduplex über Doppelstockwagen. Bei einer Zuglänge von 200 Metern bietet er deshalb fast 550 Sitzplätze. Zum Vergleich: Ein siebenteiliger ICE 4 mit einer Länge von 202 Metern verfügt über 444 Sitzplätze, ein achtteiliger ICE 3 (BR 407) bietet bei einer Länge von 201 Metern 460 Sitzplätze. Auch dem dreizehnteiligen ICE 4 (374 Meter, 918 Sitzplätze) wäre der Euroduplex überlegen, da der Betrieb zweier gekoppelter Einheiten (Doppeltraktion) technisch möglich ist. Im Vorteil ist der französische Hochgeschwindigkeitszug damit vor allem auf Strecken mit hohem Fahrgastaufkommen.
Deutschland-kompatibel
Kostspielige Anpassungen an die deutsche Schieneninfrastruktur würden im Falle eines Zuschlags nicht entstehen. Denn bereits seit 2012 verfügt der Euroduplex über die für den Einsatz in Deutschland notwendige Genehmigung des Eisenbahnbundesamtes und kam seitdem regelmäßig auf Fahrten zwischen Frankreich und Deutschland zum Einsatz.
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Während die Deutsche Bahn im Nah- und Regionalverkehr im Wettbewerb mit zahlreichen anderen Unternehmen steht, verfügt sie im Fernverkehr über einen Marktanteil von fast 100 Prozent. Im rein innerdeutschen Verkehr gibt es mit FlixTrain lediglich einen Mitbewerber, der derzeit jedoch nur zwei Strecken (Aachen - Berlin und Köln - Hamburg) betreibt. Hinzu kommen grenzüberschreitende Verbindungen, beispielsweise nach Frankreich und in die Niederlande, die die Deutsche Bahn aber in Partnerschaft mit den jeweiligen Unternehmen betreibt.
(pbe)