Grau in grau

Gemeinhin gilt der November als der graue Monat. Und sicherlich ist er von seiner meteorologischen Lage nicht dazu geeignet, dem Mai die Position als Wonnemonat streitig zu machen. Viel grau(selig)er erscheint anfälligen Gemütern jedoch der Januar.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Torsten Beyer
  • Kersten Auel

Vielleicht ist es ja nur ein Motivationsproblem. Möglicherweise hält die Hoffnung auf Krawatten, Messersets und ähnliche Weihnachtspräsente die Menschheit davon ab, sich bereits im November konkrete Gedanken zur alsbaldigen Beendigung des eigenen Lebens zu machen. Spätestens nach erfolgreicher Selbstmedikation der Sylvesterfolgen konkretisieren sich diese Gedanken jedoch bei vielen der zum Leben im nebligen, dunklen Mitteleuropa Verdammten.

iX, das Lebensmagazin für Licht im Dunkel, hat nicht länger Ruhe gelassen, bis auch für dieses Problem eine Sammlung von Internet-Rettungsringen gefunden wurde - kurzum, es geht heute um Psychologie.

Zunächst ein Trost für Menschen, die unter miesen Januarstimmungen leiden: Ihr seid nicht allein! Die Universität Columbia hält eine spezielle FAQ-Seite für Winterleidende bereit.

Gemeinhin ist zwar akzeptiert, daß mieses Wetter, Dunkelheit und Regen bei den meisten Menschen für eine ebensolche Stimmung sorgen, allerdings kennen vermutlich die wenigsten die wahren Gründe für diesen Zusammenhang. Ein interessanter Artikel zum Thema klärt den verwunderten Leser darüber auf, daß es im wesentlichen die geringere Helligkeit ist, die in dunklen Jahreszeiten dunkle Gefühle aufkommen läßt. Nicht genug damit. Hier kann man auch nachlesen, wie sich trübe Stimmungen durch Lichtzufuhr kurieren lassen. Weitere Information zu dieser Therapieform finden sich bei Internet Mental Health.

Einer der heißesten Begriffe im Bereich der Psychologie ist fraglos das 'neuro-linguistische Programmieren'. NLP paßt allein schon deshalb gut in dieses Magazin, weil linguistisch (also sprachlich) und Programmieren eine gewisse Nähe zu Computersprachen versprechen. In der Tat ist das gar nicht so weit hergeholt. Dieser Ansatz beschäftigt sich (die NLP-Päpste mögen mir die Vergröberung verzeihen) mit dem Einsatz von Sprache zum Zwecke der 'Umprogrammierung' von Gehirnen. Das klingt jetzt nach Göbbels - dem ist aber zum Glück nicht so.

Die NLPler haben herausgefunden, daß sich die Taktiken menschlicher Gehirne zur Repräsentation von Erfahrungen, Motivation, Emfindungen et cetera sehr stark ähneln. Außerdem haben sie festgestellt, daß sich diese Repräsentationen erlernen lassen (mithin ein Gehirn umprogrammiert werden kann, zum Beispiel, um dicke Bohnen besonders lecker zu finden). Diese Erkenntnis wurde zunächst im Umfeld der klassischen Therapie sehr erfolgreich eingesetzt. Recht bald aber fand man, daß sich dieselben Techniken auch in allen möglichen anderen Bereichen einsetzen lassen, die mit Kommunikation zu tun haben - auch bei der Kommunikation mit sich selbst. Wer kennt nicht die mahnende innere Stimme, die einem nahelegt, daß statt des Fußballspiels im Fernsehen jetzt eigentlich der Abwasch dran wäre. Diese inneren Zwiegespräche können selbstverständlich auch helfen, den dunklen Tagen ein Schnippchen zu schlagen - und wäre es nur durch die Literatur der ersten deutschsprachigen W3-Seite zu NLP. Dort findet man alles Wissenswerte zu diesem Verfahren.

Für alle, die so deprimiert sind vom grauen Januarwetter, daß sie morgens nicht einmal aus dem Bett kommen (oder sonstwelche Vorwände für morgendliche Faulheit haben), gibt es eine Reihe von Übungen (www.mindscape.de/~darpe/technik.htm) und Anregungen (www.mindscape.de/~darpe/ideen.htm), die helfen, diese und andere Leiden zu bekämpfen.

Wem NLP zu unglaubwĂĽrdig klingt oder wer es einfach aus anderen GrĂĽnden nicht mag, freundet sich vielleicht mit dem Manifesting an. Der Manifesting Website bietet eine FĂĽlle von Informationen dazu an. Im Prinzip macht sich dieser Ansatz die Erkentnis zunutze, daĂź Placebos (Medikamente ohne medizinische Wirkung) Heilungserfolge erzielen, daĂź erfolgreiche Sportler sich durch starke Bilder motivieren und so weiter. Inhaltlich ist es damit nicht sehr weit von NLP entfernt, allein der Name lautet anders. Auf genannter Web-Seite finden sich auch Beispiele fĂĽr die erfolgreiche Anwendung dieser Technik.

Nun ist es häufig so, daß sich manche Menschen eine Art detektivische Denkweise zu eigen gemacht haben und erst dann bereit sind, Dinge zu akzeptieren, wenn sie die dahinterstehenden Mechanismen vollkommen durchdrungen haben. Gerade das Problemfeld, sich in der grauen Jahreszeit zu motivieren, irgend etwas Produktives zu tun, statt im Bett zu bleiben oder sich von der nächstgelegenen Autobahnbrücke zu stürzen, hat viel mit Motivation zu tun. Wie diese Selbstsuggestion funktioniert, was Menschen motiviert und was dabei in unseren Gehirnen passiert, steht in kompakter Form unter The Will to Work.

Nebenbei enthält diese Seite spannende Erkenntnisse für Arbeitgeber. Diskutiert doch ein Kapitel die Fragestellung, was Arbeitnehmer eigentlich motiviert. Zu diesem Thema enthält die Motivation-Summary weitere interessante Informationen. Im wesentlichen läuft es auf die simple Erkenntnis hinaus, daß es der schnöde Mammon ist, angereichert um die richtige Portionierung.

Manche profitieren auch davon, sich vorzustellen, daß es ja noch schlimmer hätte kommen können. Wem bei der inneren Visualisierung noch schlechteren Wetters die Kreativität fehlt, lenke den Blick auf Wes's Astronomy Page (www.lclark.edu/~wstone/stuff/badw.html). Dort finden sich Geschichten über Wetterbedingungen, die in dunkler Nacht nicht mal einen klaren Blick ins Weltall erlauben. Die sollten auch den größten Pessimisten vor Augen führen, daß es stets noch schlimmer geht.

Wem auch die Freude über Situationen nicht hilft, die noch viel grauer als die persönliche sind, kann es ja mal mit dem vollständigen Abtauchen in eine eigene Welt versuchen. Hypnose ist das Stichwort. Lernwillige, die einen PC ihr eigen nennen, Word7 installiert haben und bereit sind, ein paar MByte aus dem Netz zu laden, finden einen kompletten Kurs (ourworld.compuserve.com/homepages/Klaus_Oetinger/), der in wirklich verständlichen Schritten erläutert, wie man sich selbst hynotisieren kann.

Während der grauen Tage kann man sich so suggerieren, daß die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Hitze unerträglich ist. Das Ganze hat nichts mit schwingenden Pendeln zu tun, auch nicht mit einschläfernden Stimmen und dergleichen Nonsens mehr. Vielmehr diskutiert die Seite alles, was mit (Auto)Hypnose geht, aber auch, was nicht geht.

Außerdem können dort hiesige Heiratswillige Kontakt zu philippinischen Heiratswilligen bekommen. Aus meiner Sicht eine sehr passende Kombination. Hypnose und Heiratsvermittlung: beides fängt mit H an.

Wem es gelungen ist, nach dem Studium dieser Seiten wieder in die reale Welt zurĂĽckzukommen, mag Blut geleckt haben am Thema Hypnose. Alles, was Sie darĂĽber wissen mĂĽssen, aber niemals zu fragen wagten, findet sich in einem Online-Lexikon.

So, wenn nach Anwendung all dieser Tips das Stimmungstief nicht spätestens im Mai behoben ist, liegt wahrscheinlich doch ein ernsteres Problem vor, dessen lateinischen Namen nebst Beschreibung selbstverständlich auch online zu ermitteln sind. (ka)