Sturm im Wasserglas

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Von
  • JĂĽrgen Seeger

Wer es nicht schon vorher wußte, wurde spätestens durch Janet Reno darauf aufmerksam gemacht: Microsoft gibt sich mit seinem Quasi-Monopol bei PC-Betriebssystemen nicht zufrieden. Bill Gates möchte für seine Company auch im Internet eine ähnlich beherrschende Position erreichen. Die US-amerikanische Justizministerin will deswegen auf dem Klageweg Microsoft dazu verpflichten, Lizenzen für Windows 95 nicht länger mit denen für den Internet Explorer zu verbinden. Bei Nichteinhaltung sollen die Redmonder 1 Million Dollar pro Tag zahlen - da wäre der Quartalsgewinn in weniger als 1000 Tagen aufgezehrt.

Reno bezieht sich dabei auf eine von Microsoft 1995 unterzeichnete Erklärung (Consent Decree). Danach will die Gates-Company es künftig unterlassen, Lizenznehmer für Windows zu zwingen, auch Verträge für MS-Anwendungssoftware abzuschließen. Dem widerspreche die Praxis, den Lizenzvertrag für den Explorer in einem Zug ('under the same blanket license agreement') mit dem für Windows 95 anzubieten.

Die Justizministerin kann sich mit ihrer Klage auf einige unstrittige Fakten stützen. Führende OEMs haben Microsofts Vorgehensweise bestätigt. In Redmond streitet man das prinzipiell auch gar nicht ab, sondern erklärt den Explorer kurzerhand zum Teil des Betriebssystems. Daß man gleichzeitig dieses Produkt stand-alone für Macs und neuerdings sogar für Unix im Portfolio hat, ist für eine Firma, die notwendige Fehlerbeseitigung als 'Service Packs' bezeichnet, nicht zwingend ein Widerspruch.

Mit Begeisterung hat der Mitbewerb den Vorstoß gegen Microsoft aufgegriffen und unter Federführung des Verbraucheranwalts Ralph Nader eine Veranstaltung organisiert. Heraus kam außer dem sattsam bekannten Wehgeschrei nichts. Ebenso ohne Ergebnis blieb bis Redaktionsschluß das juristische Verfahren, beim Anhörungstermin am 5. Dezember entschied Bundesrichter Thomas P. Jackson nicht einmal über die Zulassung der Klage. Microsoft hatte dort erklärt, wenn man wolle, könne auch MS Word Teil von Windows werden - erfreuliche Aussichten für die Endanwender ...

Nun ist es auch nicht unbedingt eine gute Idee, Juristen über Fragen wie 'Gehört Anwendung xy zum Betriebssystem oder nicht?' entscheiden zu lassen. Ohnehin greift die Konzentration auf die Browser-Frage zu kurz. Microsoft verschenkt auch einen WWW-Server, ein Produkt, für das man bei anderen Firmen mehr als ein paar Pfennige hinlegen muß. Entscheidender aber: wer animierte Web-Seiten haben will, steht ohne Windows als Betriebssystemplattform meist dumm da. Grund sind nicht nur die Active-X-Erweiterungen aus Redmond selbst, sondern die Plug-ins des Hauptkonkurrenten Netscape. Die sind nämlich nicht plattformunabhängig, sondern rechner- sowie betriebssystemspezifisch und laufen überwiegend auf Wintel-Systemen. Java ist zwar ein möglicher Ausweg, den Redmondern zu entkommen - aber um den Preis der Abhängigkeit von Sun, die sogar einen offiziellen ISO-Standard selbst einreichen darf.

Wie auch immer das Duell Gates-Reno ausgeht - ein Zerschlagen des MS-Monopols durch eine US-Behörde ist kaum zu erwarten. Immerhin bedeutet dieses auch, daß weltweit Lizenzeinnahmen in die USA fließen.

Letztendlich werden nicht Juristen darüber entscheiden, wer marktbeherrschend ist. Microsoft ist schließlich nicht durch ein Gerichtsurteil zum Software-Giganten geworden, sondern durch marktwirtschaftliche Mechanismen. Daß dabei nicht unbedingt die innovativsten Firmen das Rennen machen, sondern oft die, die Ideen anderer am marktgerechtesten aufbereiten können, hat schon die japanische Automobilindustrie erfolgreich vorgeführt.

Wenn jetzt auch noch die Kartellbehörde der EU und deutsche Politiker 'aufmerksam' werden, ist das kaum mehr als populistisches Nachtreten. Die marginale Bedeutung der europäischen, speziell der deutschen, DV-Industrie ist kaum dem MS-Monopol anzulasten. Sie ist selbstverschuldet, durch Politik und Wirtschaft. Klagen über oder gegen Microsoft helfen da wenig weiter. (js)