Das Wurmloch

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Von
  • Ralph HĂĽlsenbusch

Wenn im Kosmos die Dimensionen zusammenstürzen und das Raum-Zeit-Gefüge durcheinandergerät, denkt fast jeder an großangelegte Science-fiction und so etwas wie die nächste Generation. Eine ähnliche Schockwelle durchlief einen weniger fiktiven Raum, die IT-Industrie, nach Intels angekündigter Verschiebung im Termingefüge des IA-64.

Nachdem sich alles bereits IA-64-ready versammelt hatte, nun die Startschwierigkeiten: man habe die Komplexität des 64-Bitters unterschätzt. Doch die Mannschaften zeigen Gelassenheit. Schließlich habe man alles im Simulator schon erprobt und stünde somit in den Startlöchern, sobald der erste IA-64, der Merced, verfügbar sei.

Beim Betrachten der Passagierliste fällt auf, daß es doch jemanden ohne die notwendige Tauglichkeit für das 64er-Unternehmen gibt: Microsofts NT. Denkbar, daß man bei Intel auf einen solch hehren Mitspieler warten will.

Zudem zeigt ein Blick auf die Pentium-Roadmap, daĂź Intel bis zum IA-64 nach dem Xeon noch einige Kandidaten ins Spiel bringen und wohl auch vermarkten will.

Software ist das eine und Hardware nicht nur ein Prozessor, bis dato präsent durch Befehlssatz und Architekturkonzept. Das andere ist die Umgebung, bestehend aus Chipsatz und Peripherie, und just dort fehlt es - vor allem an Treibern.

RISC-Systeme sind in der 64-Bit-Welt schon länger Realität. Zwar will Hewlett-Packard mit HP-UX als einziger seinen PA-RISC dem IA-64 opfern, doch soll deren RISC noch zwei Jahre parallel zum IA-64 sein Dasein fristen und erst dann von ihm abgelöst werden. Bis zum Jahr 2001 klafft somit in der geplanten Entwicklungslinie eine Lücke, so man denn das Versprechen des kontinuierlichen Performancezuwachses einhalten will: PA8500, PA8700, PA[8, 9][8-0]00.

FĂĽr alle anderen gilt, daĂź sie trotz des Me-Too-Bekenntnisses zum IA-64 unbeirrt ihre Entwicklungen vorantreiben und kein Ende fĂĽr ihre RISC-Technik proklamieren.

Der Alpha hat die längste 64-Bit-Geschichte und führt nach wie vor die Benchmark-Hitlisten an. Kaum hatte Intel eine Denkpause verkündet, besann sich Compaq seines Neuerwerbs und lieferte die bessere Antwort dank Alpha-Power (www.compaq.com/BetterAnswers/transcript.html)..

IBM zieht nach wie vor seine ruhigen Bahnen, kann es sich sogar leisten, der Allianz mit Motorola Lebewohl zu sagen und selbst wieder die PowerPC-Entwicklung in die Hand zu nehmen.

SGI, bereits 64er-Mitspieler und derzeit mit seiner Cray-Crew in völlig anderen Dimensionen unterwegs, hat sich ganz dem High-End verschworen, will dem R10000 einen R12000 folgen lassen und überläßt Mips das Massengeschäft.

Last, but not least, Sun, erst ab Solaris 2.7 mit voller 64-Bit-Unterstützung für SPARC (bei Solaris für Intel wird's noch dauern), verhilft seinen UltraSPARCs zu Rechenzentrumsqualitäten und setzt sich projektgebunden nicht nur für die Java-Fischzüge mit Mitbewerbern wie IBM in ein Boot.

Was einem Unternehmen passieren kann, das sich zu sehr auf Intel festlegt und vom RISC lossagt, zeigt der Untergang von Axil. Denn gerade im Enterprise Business geht es nicht um Masse, sondern eher um Investitionssicherheit und Support.

Alle Intel-Outsider dürften im Laufe der IA-64-Odyssee ihre Chance nutzen, Marktanteile zu besetzen. Während sie sich weiterhin warmlaufen, mußte Intel in einem Warm Down sogar die Produktion in zwei Pentium-Fabriken vorübergehend stillegen, um Überkapazitäten zu vermeiden.

Schließlich zielt die 64-Bit-Technik auf Massendaten; aber nicht auf Massenstückzahlen, sondern auf den High-End-Bereich, bei dem nicht gleich das neueste Angebot zieht. Hier sind die Dimensionen andere, und es kann sich kaum einer leisten, nur um einer neuen willen mehrstellige Beträge in einem Wurmloch verschwinden zu lassen. (rh)