Gut behĂĽtet

Nun ist es also passiert: Die Realität hat das World Wide Web eingeholt. Vorbei die Zeiten, in denen jeder Internet-Nutzer sich berufen fühlte, die Netiquette zu wahren. Heute müssen Programme vor dem Bösen schützen.

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Torsten Beyer
  • Kersten Auel
Inhaltsverzeichnis

Erinnert sich noch jemand an das Anwaltsehepaar, das die Stirn besaß, in einer Newsgroup für eigene Dienste Werbung zu machen? Tausende von Mails pro Stunde waren die Antwort der erbosten Internet-Welt. Nachdem der Mailservice der beiden wieder funktionierte, gelobten sie öffentlich, nie wieder Werbung zu posten.

Geradezu lächerlich klingt das in einer Zeit, in der Firmen das Internet heimsuchen, die einzelne vor Spam Mails schützen wollen, und in der Sonderlinge ihre pädophilen Neigungen weltweit auszuleben und mit dem Leid kleiner Kinder ein Geschäft zu machen suchen. Das alles im Schutze einer Technologie, die derart weitverzweigt und undurchsichtig geworden ist, daß die Verfolgung einzelner nahezu ausgeschlossen ist. Da kann jeder mit einem Grundmaß an technischem Verständnis nur in Hohngelächter ausbrechen, wenn er liest, daß die Bundesregierung die Nase voll habe von diesem chaotischen Internet-Ding und alle staatliche Macht zusammennehmen und den bösen Internet-Buben das Fürchten lehren wolle. Viel Spaß, Herr Innenminister! Schreiben Sie eine EMail, wenn Sie einen gefangen haben.

Was tun nun unbescholtene Internetter einstweilen gegen die Tatsache, daß das weltweite Netz als Spiegel der Gesellschaft auch Kriminellen und Idioten eine Plattform bietet? Wie bewahren Eltern ihre Kinder, und wie schützt man sich selbst? Seit ich in einer Newsgroup einige Stellenanzeigen aufgegeben habe, bekomme ich täglich Einladungen auf halbseidene Sex-Sites, die mir das ultimative erotische Vergnügen versprechen. Freunde, solange wir für die Internet-Benutzung keine Ganzkörper-VR-Anzüge tragen, glaube ich Euren Versprechen nicht :-).

In einer Firma sind intelligente Proxy/Firewall-Systeme der klassische Schutz vor unerwĂĽnschten Inhalten. Damit kann die Web-Administratorin beispielsweise einen Zugriff auf den Playboy auf den Disney-Server umlenken.

Für zu Hause gibt es Filter und Monitorprogramme. Entgegen der üblichen Praxis, in dieser Rubrik im wesentlichen kostenlose Software zu präsentieren, sind diesmal viele kommerzielle Produkte dabei. Leider sieht es so aus, als ob auch die gute Tradition der freien oder zumindest billigen Software im Internet langsam ausstürbe.

Filter/Monitorprogramme fĂĽr den heimischen PC funktionieren im Prinzip immer nach demselben Schema. Einmal auf dem PC installiert, ĂĽberwachen sie jeden Zugriff auf das Internet, vergleichen die Adresse mit einer stets aktualisierten "schwarzen Liste" und verweigern gegebenenfalls den Zugriff.

Attacken und Ausspähversuche von außen unterbindet der Cookie Cruncher. Damit ist es möglich, Cookies aus den entsprechenden Browser-Verzeichnissen gezielt anzusehen und eventuell zu löschen. Für Neulinge: Kekse (Cookies) sind Informationen, die Web-Server auf einen Rechner ablegen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder abfragen können. Wenngleich damit viel Anwenderfreundliches realisierbar ist, so ist dies auch eine der strittigsten Funktionen im Internet-Alltag. Bei Drucklegung des Heftes war der Kekszermalmer noch über home1.gte.net zu beziehen.

Am besten hat mir Norton Safe on the Webgefallen. Die Betaversion war bis vor kurzem über ftp.symantec.com zu bekommen. Mit wenigen Handgriffen kann auch der Internet-Neuling den Norton-Schutz zum Laufen bringen. Erfahrenere Anwender finden reichlich Einstellungsmöglichkeiten. Neben der Ausfilterung unerwünschter Web-Seiten bietet das System eine Reihe von Schutzmechanismen, die Dritten den Zugriff vom Internet aus auf den heimischen PC verwehren.

NetNanny ist vermutlich die bekannteste Vertreterin der Gattung "Monitore und Filter". Die Netzkinderfrau überwacht den Zugriff auf Web-Seiten, Newsgroups, Chat-Foren und paßt sogar auf, daß man keine "bösen Wörter" tippt. NetNanny kontrolliert nicht nur den Zugang über Web-Browser, sondern wirft auch ein kritisches Auge auf alle gängigen PC-Anwendungen, die Zugriff auf die oben genannten Informationsquellen bieten.

Der zweite populäre Name in der Gattung der PC-Wächter ist Cyber Patrol. Neben der reinen Überwachung von Internet-Zugriffen glänzt das System durch die zeitliche Regulierung des Internet-Zugangs. So können Eltern sowohl Tageszeit als auch Nutzungsdauer der Surf-Ausflüge ihrer Stammhalter limitieren und kontrollieren. Darüber hinaus bietet CyberPatrol den gleichen Service für lokal installierte Anwendungen. Ausprobieren läßt sich das mit einer zeitlich begrenzten Demoversion (www.cyberpatrol.com/).

Cybersitter ist ein dediziertes Eltern/Kind-System, das Zugriffe auf unerwünschte Seiten abblockt und für die Eltern einen Zugriffsreport erzeugt. Bei unerlaubten Aktivitäten der lieben Kleinen kann es Alarm geben, und ein Paßwortschutz sichert es vor dem unerwünschten Abschalten durch den Nachwuchs.

Ein Filter der unterhaltsamen Art ist CyberSnoop. Es blockiert nicht nur den Zugriff auf unerlaubte News, Web-Seiten, Mails und Chat-Foren, sondern macht auch kreative Alternativvorschläge. Damit mutiert der PC zum Erzieher nach dem Motto: statt diese Pornoseite anzuschauen, empfiehlt der moralisch integre PC einen Besuch im Louvre.

Schutz ganz anderer Art - nämlich für Erwachsene - bietet der Internet Junkbuster. Wer hat sich nicht schon über Banner-Werbungen schwarz geärgert, die zum einen die Ladezeit unnötig verlängern und zum anderen schlichtweg langweilig sind. Mit dem Internet Junkbuster kann man sich dieser unliebsamen Nebeneffekte des Internet-Kommerzes entledigen. Außerdem hat das Programm das Plazieren von Cookies im Blick. Das beste: der Junkbuster ist umsonst.

Entsprechend der Verbreitung Gatesscher Betriebssysteme handelt es sich auch bei den hier vorgestellten Filterprogrammen überwiegend um reine Windows-Anwendungen. Aber auch Unix- oder Mac-Surfer sind nicht allein. Mit interMute steht ein System zur Verfügung, das Filtering sowohl von unerwünschten Seiten als auch von unliebsamen Inhalten (wie Werbung oder Hintergrundmusik) abfängt. Leider ist auch dieses System ausschließlich kommerziell erhältlich.

Unix-Anwender können kostenlos den WebFilter von Axel Boldt installieren. Die Erweiterung für den Cern-httpd-Server kann auch als Proxy agieren. Mit WebFilter ausgerüstete httpds unterlassen das Laden von Werbung. Da die Software auf dem Proxy installiert wird, wirkt dieser Mechanismus für ein ganzes Netz.

Einen Ansatz ganz anderer Art verfolgt Bess. Hier muß nicht ein Filterprogramm auf dem PC installiert werden, sondern der Internet-Provider Bess selbst agiert als Filter. (Hallo, liest ein Mitarbeiter der Deutschen Telekom diese Zeilen? Ich möchte solch einen Service von Ihnen!) Bess-Mitarbeiter übernehmen das Monitoring und sorgen dafür, daß Zugriffe auf nicht kindgerechte Server abgewiesen werden. Ein grandios einfacher Gedanke, der hoffentlich reichlich Nachahmer findet. (ka)