Maskenball

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Von
  • Jürgen Seeger

Wenn es eine Rettung vor dem Microsoft-Monopol gibt, dann aus dem Lager der freien Software.’ Dieser Satz fiel vor drei Jahren, eher nebenbei dahingesagt vom Chef eines Münchner Softwarehauses im Rahmen einer Messeparty in Wiesbaden. Damals waren die Meinungen dazu geteilt, heute ist man sogar bei Microsoft selbst dieser Ansicht.

Eric S. Raymond, bekannt durch seine Thesen über die Open-Source-Bewegung (‘The Cathedral and the Bazar’), hat ein Microsoft-internes Papier von Vinod Valloppilli veröffentlicht, dessen Echtheit in Redmond bestätigt wurde. Darin wird all das an Argumenten aufgeführt, was die Verfechter freier Software schon immer gesagt haben; auf den Punkt gebracht: diese kann mit kommerziellen Angeboten mithalten und stellt eine ernsthafte Konkurrenz dar. Weil Raymond den Text am 1. November ins Web stellte, wird er in der öffentlichen Debatte als ‘Halloween Document’ gehandelt.

Natürlich kommt, neben dem Apache-Webserver, bind und sendmail, auch Linux darin vor. Diesem mittlerweile meistverbreiteten Unix-Derivat widmete Valloppilli ein zweites Papier, in dem er feststellt, daß Linux als Server-Betriebssystem stabiler und besser konfigurierbar sei und sich leichter in heterogene Umgebungen einpassen lasse als NT. Auch in Sachen Performance könne das freie Unix durchaus mithalten. Für den Desktop sei es noch etwas zu kompliziert, aber könne auch dort durch KDE und Gnome zur Gefahr für Windows werden. Valloppilli selbst war jedenfalls von Linux begeistert, Zitat: ‘An advanced Win32 GUI user would have a short learning cycle to become productive.’ (auf http://www.opensource.org/halloween2.html sind die beiden Papiere sowie Kommentare verfügbar.)

Auch mit dieser Einschätzung von Linux sagt der Microsoft-Mitarbeiter wenig Neues. Bemerkenswert an den beiden Papieren sind die Vorschläge, wie man sich gegen die Gefahr zur Wehr setzen könne. Einfach bessere Software schreiben, durch perfekten Kundendienst glänzen, Standards stabiler implementieren? Weit gefehlt.

Zur Debatte stehen ausschließlich Varianten der Praktiken, die Microsoft bereits vor Gericht gebracht haben. Diesmal nicht Erpressung, sondern proprietäre Erweiterungen, Nicht-Offenlegung oder unnütze Komplexität von Schnittstellen et cetera. Zum MS-Standardrepertoire zählt offensichtlich auch eine intern ‘FUD’ abgekürzte Taktik: Fear, Uncertainty, Doubt - das Erzeugen von Furcht, Unsicherheit und Zweifel durch gezieltes Streuen von Gerüchten und Falschmeldungen.

Bedenklich, daß dem weltgrößten Software-Hersteller, dem ganze Unternehmen ihre Zukunft in die Hände gelegt haben, nicht mehr zum Thema einfällt. Daß man nicht einmal im Nebensatz erwägt, einfach technisch besser werden zu müssen. Vielleicht aber auch nicht verwunderlich. Schließlich ist Bill Gates nicht durch Innovationen reich geworden. (js)