Max und Moritz

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Von
  • Henning Behme

Nichts ist mehr mit David und Goliath im Kampf um die Vormachtstellung im Browsermarkt. Das Böse, wenn es denn eins gibt, ist jetzt gleichmäßig verteilt, und es geht nicht mehr nur um Browser, sondern auch um Portale, im Grunde ums ganze Internet (naja, fast). Da ist Microsoft mit AOL über Nacht ein ernsthafter Gegner erwachsen.

Die gute Nachricht für die Anhänger des Open Source gab’s am 25. November, dem Tag nach der Übernahme Netscapes durch die in Dulles, Virginia, ansässige AOL: deren Chef Steve Case schickte eine EMail an Jamie Zawinski, Entwickler bei Netscape, genauer: mozilla.org. Der hatte noch am 24. November unter dem Titel ‘fear and loathing on the merger trail’ die Gemeinde - faktisch, möglicherweise, ohne es zu wollen - beruhigt: Mozilla sei nicht Netscape, und das Geschehene (die Freigabe des Quellcodes) sei nicht mehr zurückzunehmen. Hoffentlich täuscht sich Jamie Zawinski nicht.

Steve Case äußerte sich in seiner Antwort auf das Fear & Loathing, die Zawinski mit Erlaubnis öffentlich machte, dahingehend, daß AOL mozilla.org unterstützen wolle (we’re very supportive of mozilla.org) - und vor allem: AOL werde auch dazu beitragen - teilweise dadurch, daß sie die Autonomie von mozilla.org aufrechterhalte (maintaining the autonomy).

Schöne Worte, aber nicht ganz kristallklar. Und wie lange haben sie Gültigkeit … Schon am Tag der Übernahme hat sich James Love vom Consumer Project on Technology Gedanken darüber gemacht, ob und wie AOL den Communicator ins Reich des Kommerziellen zurückholen könnte. Ja, das ginge, zumindest für künftige Versionen und Module; die dürfte dann niemand mehr verwenden.

Einschub: am Abend des Redaktionsschlusses, so vorab Meldungen von C|Net und ZD-Net, sollte die neue Layout-Engine NGLayout (möglicherweise unter dem Namen Gecko, weil das ursprünglich vorgesehene ‘Raptor’ schon ein Firmenname war) des Communicator 5 auf der Mozilla-Site zur Verfügung stehen. Falls das stattgefunden hat, wäre zumindest die Rendering-Software für die Open-Source-Bewegung gerettet.

‘Ganzheitlich’ (auf den Communicator bezogen) betrachtet ist zu befürchten, daß es Interessenskonflikte innerhalb von AOL gibt: die Shareholder und ihre Values auf der einen, die bislang von Netscape finanzierten etwa hundert Entwickler von Mozilla-Code, der genannte Values allenfalls mittelbar vorantreibt, auf der anderen Seite. Absehbar, wessen Interesse da Vorrang hat.

Abseits des Shareholder Value befinden sich die Vertreter des Open Source, die wie Jon Katz schon jetzt die Tragödie von Netscape beklagen, denn bei AOL sei man genauso von einem Riesenkonzern abhängig wie bei Microsoft; beide seien an freiem Informationsfluß nicht interessiert. Wie auch, wenn es um Kundenbindung ans Portal et cetera geht.

Was denjenigen bleibt, die sich nicht mit dem Internet Explorer - auf welcher Plattform auch immer - abfinden wollen, ist entweder, zukünftig einen der vorhandenen Browser (von Lynx bis Opera und Navigator 4.5) zu nutzen oder darauf zu hoffen, daß die Mozilla-Gemeinde die Echse weiterentwickelt und auch entwickeln kann - mit oder ohne Unterstützung von AOL.

Siehe auch Ralph Nader, James Love; Why Microsoft must be stopped (http://www.computerworld.com/home/print.nsf/all/981109740E) (hb)