Der Preis des Kostenlosen

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Von
  • Bert Ungerer

Während diese Zeilen gedruckt werden, befindet sich NBC in Verhandlungen mit Lycos. Der US-Fernsehsender möchte 25 Prozent des nach Yahoo zweitgrößten Internet-Suchdienstes kaufen. Der Börsenwert von Lycos (Umsatzrendite der zwölf Monate bis Oktober: minus 156 Prozent) liegt heute mit fast sechs Milliarden US-Dollar so hoch, daß selbst der kapitalstarke Sender neben Bargeld auch Naturalien in Form von Werbeminuten anbietet. Wieder bahnt sich eine der Übernahmen und Großbeteiligungen bei den Internet-Portalen an; weitere werden nicht lange auf sich warten lassen.

NBC, Teil von General Electric und damit eines der größten Unternehmen überhaupt, steht als Repräsentant der ‘alten’ Medienwelt für eine neue Qualität im Gerangel um die Internet-Portale, die sich bereits beim Zusammengehen von Infoseek und Disney und ihrem vor kurzem eröffneten Portal GO andeutete. Bisher waren die Internet- und Online-Dienste in der Regel unter sich, wenn es ums gegenseitige Schlucken ging - um nur ein paar Happen der letzten Monate zu nennen: AOL kauft Netscape (über 4 Mrd. US-$); Yahoo kauft Geocities (5 Mrd. $); AtHome kauft Excite (fast 7 Mrd. Dollar).

Die Summen klingen horrend, sind aber dank Zahlung in Form von eigenen Aktien für die derzeitigen Börsenlieblinge leicht wegzustecken. Yahoo zum Beispiel, gelegentlich als ‘zwei Studenten mit PC’ karikiert, hat den gleichen Börsenwert wie Flugzeughersteller Boeing, der 1998 250mal mehr Umsatz generiert hat. Offenbar sind solche Bewertungen immer noch nicht zu hoch, wenn ‘herkömmliche’ Unternehmen Milliardensummen zu zahlen bereit sind für einen Fuß im Portal.

Kriterien wie Betriebsvermögen, Mitarbeiterzahl und Umsatz haben keine Gültigkeit mehr. Die Anwender sind das eigentliche Kapital der Portalsites. Still und heimlich haben sich Yahoo, Geocities und Co. zu unverzichtbaren Informationsdiensten des täglichen Bedarfs gemausert; sie liefern nicht nur Web-Links, sondern neueste Agentur- und Branchenmeldungen und sogar private Mails. Mit jeder Übernahme wechseln Ansprüche auf rasch wachsende Datenbestände von Millionen Internet-Surfern den Besitzer. Der Traum aller Direkt-Marketiers vom gläsernen Konsumenten geht in Erfüllung, und für Anwender ist als Gegenleistung die kostenlose Portalbenutzung erst der Anfang.

Wie einstmals Yahoo ist es wieder eine kalifornische Startup-Firma namens Free PC, die einen möglichen Weg in die Zukunft weist. Free PC stellt Compaq-PCs mitsamt Internetzugang kostenlos zur Verfügung - wenn man sich als gläsern und zahlungskräftig genug erweist. Dieser Dienst kann nicht mehr einfach von jedem benutzt werden. Der Aufbruch in die schöne neue Konsumwelt gelingt nur über eine aufwendige Bewerbung mit akribisch auszufüllendem Fragebogen, der neben Alter, Einkommen und Familienstand noch weitere sehr persönliche Angaben verlangt. Die Rechnung zahlt das Hirn: Ob online oder offline, der freie PC soll den Anwender permanent mit Werbung berieseln - genau auf die noch freien Stellen des Bewußtseins zugeschnitten, versteht sich. (un)