Kettenreaktion
Insider wußten es schon lange: Linux ist technisch ausgereift. Jetzt pfeifen es sogar die Spatzen von den Dächern - respektive die Marketingabteilungen auf den Messen. Doch nicht die eigene Begeisterung für die Free-Software-Bewegung, sondern der massive Druck des Marktes sorgte dafür, daß die IT-Kolosse sich bewegen.
Die Ankündigungen der großen Hersteller wie Compaq, Dell, HP, IBM, Siemens oder Sun zollen nicht nur den Free-Software-Entwicklern längst überflüssigen Tribut. Vor allem signalisieren sie den Entscheidungsträgern im Management: Der freie Unix-Clone ist seriös, kein Hacker-Betriebssystem mehr. Die letzte Weihe kam kurz vor dem Verfassen dieser Zeilen aus Walldorf: Auf der CeBIT wird SAP R/3 für Linux vorstellen.
Linux ist in - die Marketingmaschinerie rattert. Wer heute nicht ‘in Linux macht’, läuft Gefahr, als rückständig angesehen zu werden. Selbst einige eher Redmond-freundliche PC-Blätter wagen sich mit Titelthemen der Art ‘Windows versus Linux’ aus der Masse hervor.
Sicher hat auch ein sich verbreitender Unmut über Microsoft zu dieser Entwicklung beigetragen: Sei es der Umgang mit Konkurrenten und Kunden nach Gutsherrenart oder die gefälschten Videos im Kartellverfahren - vom Ignorieren internationaler offener Standards einmal ganz abgesehen.
Die technischen Qualitäten treten dabei genauso in den Hintergrund wie die Prinzipien ‘Freier Software’, auf denen Linux beruht. ‘Linux und seine Programme sind damit so etwas wie ein real existierender Sozialismus der besseren Art’, kommentierte Christian Seel vor zwei Jahren in der Berliner Zeitung. Der Rückgriff auf untergegangene Systeme ist aber fürs Marketing denkbar schlecht - der letztes Jahr ins Leben gerufene Begriff ‘Open Source’ paßt wesentlich besser ins Konzept. Ist dieser doch weniger mit dem Hacker-Image der Freien Software verknüpft und politisch nicht so vorbelastet wie die von Seel benutzte Formulierung.
Open Source darf aber Linux-Unikum bleiben, auch andere fundamentale Bereiche moderner Datenverarbeitung könnten vom Prinzip ‘Einer für viele, viele für einen’ nur profitieren. Netscape und Sun haben mit Mozilla und Java 2 Versuche gestartet, auch kommerzielle Software unter vergleichbaren Bedingungen zu entwickeln. Die konkreten Vorgaben bremsen aber den Fortschritt unter Umständen aus. So mehren sich Stimmen, die den Vorteil der Freien Softwareentwicklung - einen freien Austausch von Lösungsansätzen - durch Herstellervorgaben zu stark gedämpft sehen. Denn alle Änderungen dürfen erst nach einer Freigabe weitergegeben werden. Sun hat sich diese Einwände zu Herzen genommen und vergangene Woche die Java-2-Lizenz entsprechend erweitert.
Eins sollte man bei aller Freude über den Erfolg von Linux nicht vergessen: Zumindest mittelfristig kann es nicht um die Frage nach einer Windows-Ablösung gehen. Linus Torvalds’ vielzitierter, wenn auch nicht wörtlich gemeinter Wunschtraum von der Linux World Domination wird wenigstens auf absehbare Zeit ein solcher bleiben. In der näheren Zukunft steht zur Debatte, ob sich der Redmonder Marktanteil im PC-Bereich von gegenwärtig etwa 95 Prozent auf vielleicht 90 Prozent verringert. Immerhin stehen der durchaus beachtlichen Zahl der laut IDC weltweit über 10 Millionen Linux-Nutzer allein für das Jahr 1998 87 Millionen verkaufte Windows-Lizenzen gegenüber.
Signifikant wird sich daran nichts ändern, solange fast jeder ausgelieferte Personalcomputer mit einem Microsoft-Betriebssystem ausgestattet ist. (avr)