Dumdideldei

Fans des gesungenen Wortes und instrumentaler Klänge finden im Internet fast alles. Die Bandbreite reicht von den Liedern der Augsburger Puppenkiste bis zu ZZ Top. Nicht immer bleibt dabei das Copyright gewahrt.

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Torsten Beyer
  • Kersten Auel

Musik, das hat die Menschheit über Jahrzehnte gelernt, kann man live erleben, im Radio hören oder auf sogenannten Tonträgern käuflich erwerben. Letztere haben in diesem Jahrhundert eine erstaunliche Wandlung von der Metallwalze über berillte Scheiben bis hin zur CD genommen. Eines ist allen gemeinsam: man kann sie anfassen.

Mit dem Internet kommt nun eine Welle auf uns zu, die den Tonträger in die Metaphysik transportiert. Lieder lassen sich als Abfolge von Bytes auf den eigenen Rechner laden und von da aus abspielen - die entsprechende Multimedia-Ausstattung vorausgesetzt. Nun belegt aber beispielsweise schon ein drei Minuten langer Bryan-Adams-Fetzer leicht 45 MByte. Das ist fürs Internet wenig geeignet, und außer IBM und Seagate hat wohl niemand echte Freude an derart speicherfressender Unterhaltung. Der Trick, mit dem sich Musik Web-tauglich machen läßt, heißt MPEG3. Auf magische Weise reduziert dieses Format den Platzbedarf nämlichen Liedes auf knapp 10 Prozent des Urvolumens bei zumindest für meine betagten Hörmuskeln kaum wahrnehmbarer Qualitätsreduktion.

Damit sind sowohl das Speicherproblem als auch das lahmer Internet-Zugänge gelöst. Musik ist mithin in hoher Qualität transportierbar geworden.

Das wiederum schmeckt der Plattenindustrie gar nicht. Einerseits ist es natürlich illegal, einfach so ein Liedchen von Bryan Adams an die Großmutter zu schicken. Andererseits stellt diese Form der Musikdistribution die gesamte Industrie auf den Kopf. Auf diesem Wege kann jede Band ihre Musik nahezu ohne Distributionskosten an den Mann oder die Frau bringen. Entsprechend sauer reagieren die großen Musik-Publisher.

Wie ernst diese Firmen ihre eigene Angst nehmen, ist bei Yahoo (http://www.yahoo.de/schlagzeilen/19990216/vermischtes/0919127477-0000362462.html) nachzulesen. Gemeinsam mit der IBM wollen fünf große Plattenfirmen eine Alternativstandard etablieren, der Kopierschutzmöglichkeiten vorsieht. Dabei sollen CDs über das Internet zu einem Preis verkauft werden, der unter dem Ladenpreis liegt. Zum Anhören lädt man die Musik in ein spezielles Abspielgerät. Ein Pilotversuch in San Diego soll noch in diesem Jahr zeigen, wie praktikabel diese Idee ist.

Wie dem auch sei, der Standard ist da, die Musik auch und im folgenden steht, was es wo gibt. Ein schöner Einstieg in die bunte MP3-Welt ist www.mp3.de. Zunächst einmal hat der liebe Gott vor das Hören von Musik ja das Herunterladen von entsprechenden Programmen zum Abspielen gestellt. Die gibt es unter dem Punkt ‘Software’ auf eben diesem Server. Fein säuberlich aufgeteilt nach Betriebssystemen findet der beflissene MP3-Hörer dort entweder Abspielprogramme oder entsprechende Werkzeuge, mit denen er zum Beispiel seine persönliche Musikhitliste aus der heimischen CD-Sammlung zusammenstellen kann.

Eine schöne Alternative ist MPeX.net. Neben den genannten Programmen bietet dieser Server noch eine Reihe audiovisueller Kuriositäten wie den Typen, der seinen PC zerlegt, oder einige würdige Worte von Herrn Honecker.

Wer erfolgreich einen geeigneten MP3-Spieler auf dem eigenen Computer installiert hat, braucht als nächstes Musik. Reichen die eigenen CDs nicht mehr aus, kann man auch aus dem Internet ein paar Hits laden, schön aufgeteilt nach unterschiedlichen Musikrichtungen. Ein wenig befremdlich: Marianne Rosenberg hält dort seit Wochen den ersten Platz der Hitliste.

Alternativ bieten eine Reihe von Bands ihre Alben der geneigten Weltöffentlichkeit zum Download an. Gerade diese Web-Seite macht deutlich, was ich meine, wenn ich sage, daß die Musikindustrie einen massiven Einflußrückgang befürchtet. Bands haben auf dieser und der davor genannten Seite die Möglichkeit, eigene Homepages aufzubauen und ihre Fangemeinde direkt und ohne Umwege zu versorgen. Auch große Namen, wie die Beastie Boys (o. k., nicht ganz meine Musik, aber immerhin berühmt, die Jungs) bieten ihren Fans Raritäten oder Hits im Internet.

Für einen Überblick der aktuellen Charts aus Europa und den USA empfiehlt sich ein Blick auf ALL4FREE (http://members.xoom.com/gruetter/). Neben den Charts präsentiert diese Website unter dem Knopf MP3-Archiv eine geradezu unglaubliche Zahl von Songs an. Vorsicht, das kann illegal sein!

Sogar Musikwettbewerbe finden bereits im Internet statt. Zum Glück ist die Qualität um Zehnerpotenzen besser als beim unsäglichen Europäischen Schlagerfestival. Bands können sich an diesem Wettbewerb beteiligen und groß und berühmt werden. Darüber hinaus bietet dieser Server eine Fülle von Musikrichtungen mit geradezu atemberaubend vielen herunterladbaren Stücken. Angefangen bei Mainstream-Musik bis hin zu elektronischen Arrangements oder Trance-Musik fehlt keine Geschmacksrichtung.

Wer ein bestimmtes Stück von einem ganz speziellen Künstler sucht, ist mit den diversen Suchmaschinen für MP3-Stücke gut bedient. Am besten, weil am schnellsten, fand ich Playdude. Selbst meinen fossilen Geschmack konnte das System mit immerhin drei Kraftwerk-Songs befriedigen. Ebenfalls gut und schnell ist Audiogalaxy. Dort gibt es zudem noch eine Reihe außergewöhnlicher Bandprofiles mitsamt herunterladbarer Musik. Sogar eine Suche nach Tangerine Dream erwies sich als erfolgreich. Populärere Musik haben beide Server in geradezu unwahrscheinlicher Fülle gefunden.

Auch Radiosender nutzen die Möglichkeiten von MP3 zunehmend. Beispielsweise bietet der Hessische Rundfunk vierundzwanzig live MP3-Streamings. Dafür sind entsprechende Plug-ins für den jeweiligen Browser erforderlich, die man über die Sites der großen Browserhersteller bekommt.

Natürlich tummelt sich auch der umstrittenste Vertreter der allabendlichen Talk- und Comedyshow-Angriffe auf den guten Geschmack im Netz der Netze. Hier findet man zum Zeitpunkt, da diese Zeilen geschrieben werden, primär Harald Schmidts Ausführungen zum Thema Ex-Tagesschausprecherinnen.

Das wirklich Starke an dieser Technik ist natürlich, daß Vielgereiste jetzt endlich während des Flugs ihre bevorzugte Musik hören können. Voraussetzung ist ein langlebiger Laptop mit viel Plattenplatz oder ein Abspielgerät - so eine Art MP3man. Bewundern kann man solche Geräte der Firma Saehan aus Korea. Man findet auch Infos zum Rio, den man sogar von Linux aus starten kann. Jetzt lädt man sich so zwischen 30 und 60 Minuten Musik vom Rechner aus in diese Dinger und kann dann etwa 9 bis 12 Stunden lauschen - bis die Akkus alle sind, oder einem die Ohren abfallen. (ka)