Tante Emma ins Web
- Jürgen Diercks
Laut Forrester Research wird der Handel über das Internet in den USA in den nächsten Jahren explodieren: Von 43 Milliarden Dollar 1998 auf 1,3 Billionen Dollar bis zum Jahre 2003 ist die Rede. Die Kollegen von der Gartner Group prognostizieren 70 Prozent der europäischen Unternehmen bis 2001 sogar den Untergang, wenn sie sich nicht schleunigst eine ausgefeilte E-Commerce-Strategie einfallen lassen.
Gemach, Mr. Gartner. Die Europäer und der Rest der wirtschaftlich potenten Welt werden mit der üblichen Verspätung nachziehen. Auch wenn erstere nicht nur unter einer ‘allgemeinen Behäbigkeit des unternehmerischen Denkens leiden’, sondern auch ‘benachteiligt’ sind durch 15 verschiedene Sprachen und Kulturen (Gartner Group).
Was sich in Zahlen ausgedrückt gewaltig anhört, heißt allerdings zunächst einmal nur, daß bisher konventionell abgewickelte Geschäfte ins Web verlagert werden. Die These, daß man mit dem Internet mehr Umsatz generieren kann als ohne, ist ebenso fragwürdig wie die, daß verlängerte Ladenöffnungszeiten die Bevölkerung zu ausschweifendem Konsum verleiten.
Das Web wird die Geschäftsbeziehungen umkrempeln - keine Frage. Fast alle großen Software- und Beratungshäuser stellten auf der CeBIT Angebote für den Business-to-Business-Handel vor. Viele Firmen werden davon Gebrauch machen, auch europäische. Nicht, weil sie das Web so spitze finden, sondern weil die Automatisierung von Büroabläufen erhebliches Rationalisierungspotential bietet.
Was die Fertigungsindustrie vorgemacht hat, läßt sich auf andere Prozesse übertragen. Wozu braucht man einen Mitarbeiter, um neue Waren zu bestellen, wenn das Lager leer ist? Auch die Rechnungsstellung und ähnliche Tätigkeiten lassen sich mühelos an den Rechner delegieren.
Als Spielwiese für liebe Menschen und kostenloser Selbstbedienungsladen scheint das Web ausgedient zu haben. Jetzt riechen viele Bargeld, und schon ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Zukünftig werden große Organisationen ein gewichtiges Wörtchen dabei mitreden, wohin die virtuelle Reise geht. Die Ur-Web-Gemeinde, die am liebsten in ASCII kommuniziert und jedes digital verschickte Bild als Verstoß gegen die reine Leere betrachtet, wird sich in geschützte Habitate zurückziehen müssen.
Jede Veränderung bringt aber auch Gutes, kleinere Anbieter haben durchaus ihre Möglichkeiten. Jeder Tante-Emma-Laden beispielsweise kann sich einen Online-Shop mieten und versuchen, seine Gemischtwaren in der Antarktis zu verkaufen. Scherz beiseite, viele Waren und Dienstleistungen lassen sich prima per Web an den Mann oder die Frau bringen - vorausgesetzt, sie sind nicht allzu beratungsintensiv. Auch emotional besetzte Produkte dürften Ladenhüter im EShop sein. Der Mensch will fühlen, sehen, riechen, hören. Hier ist der Rechner gegen Tante Emma noch klar im Nachteil.
Ins Trudeln hingegen könnte jedoch demnächst der Zwischenhandel jeder Couleur geraten. Bekannte Beispiele: der Buchhandel und die Musikkonzerne - MP3 macht’s möglich. Gerade letzteren seien hiermit große Schwierigkeiten an den Hals gewünscht, versuchen sie doch, mit Hilfe von MTV und den lokalen Radiostationen die Hörgewohnheiten der ganzen Welt gleichzuschalten. Der Direktvertrieb bietet also zumindest kulturelle Chancen. Weil nun jeder anbieten kann, was er will, zeigt der Musikmarkt exemplarisch das Aufbrechen globaler Marketingstrategien.
Ob das Gute oder Böse gewinnen wird, ist noch nicht ausgemacht. Damit die Gartner Group aber nicht wieder einen Grund hat, uns Europäern ‘behäbiges Denken’ vorzuwerfen, sollten wir ein Zeichen setzen. Ich schlage vor, daß wir unsere Existenz komplett ins Virtuelle verlegen. Von der realen Mühsal befreit, könnte man sich in den unendlichen Weiten des Web dem hemmungslosen ECommerce hingeben. Nur nicht vergessen, vorher den persönlichen Avatar zu aktivieren! Der Millenniumwechsel wäre ein angemessener Anlaß. Das sollen die Amerikaner erst mal überbieten. (jd)