Service-Wüsten
- Ralph Hülsenbusch
Üblicherweise sind ausschließlich brandneue Systeme Gegenstand der Berichterstattung von Computerzeitschriften. Schließlich ist nichts älter als der PC vom Vorjahr. Für den Anwender ‘draußen im Lande’ stellt sich die Lage oft etwas anders dar. Sogenannte Altlasten - oft nur noch mit der vielzitierten einen Mark in den Büchern aufgeführt - sind breit installiert und erledigen das Tagesgeschäft.
In unserer mit dieser Ausgabe startenden Testreihe ‘Linux auf Notebooks’, deren ersten Teil Sie ab Seite 56 finden, sind darum auch ältere Systeme Gegenstand der Betrachtung. Im Pool der Testkandidaten schwimmt der eine oder andere Tragbare, den es heute nicht mehr zu kaufen gibt. Da diese ‘Klassiker’ zum Teil in privater Hand, zum Teil im Firmenbestand zu finden waren, lag die Überprüfung der Linux-Tauglichkeit letztlich auch im eigenen Interesse.
Erstes Ergebnis: die Unterstützung durch die Anbieter scheint spätestens mit Ablauf der Abschreibungsfrist gegen Null zu gehen, häufig auch schon deutlich früher. Sei es, daß die Suche nach technischen Daten auf der Web-Site im Niemandsland endet oder, wie im Falle von www.compaq.de beim Armada 1575D, zu Fehlermeldungen und letztlich, nach wohlmeinender Benachrichtigung des Webmasters, in eine Endlosschleife führt. Bei www.compaq.com gibt man sich ebensowenig informativ, kennt aber die Einordnung in ‘Out-Of-Production Models’.
‘Glück gehabt’, so die freudige Anteilnahme bei Archtec, die in Deutschland das IPC-Notebook, Modell 98, ausverkauft haben. Denn der Zufallskauf bei Netto holte eins der letzten aus dem Lager. Nun ist die Verriegelung des CD-ROMs abgebrochen, und ein unfreiwilliger Testzyklus in Sachen Garantie und Support nimmt seinen Anfang. Und der beginnt mit - wie sollte es anders sein - permanent besetzten Service-Nummern. Doch nicht Überlastung ist der Grund, nein, ISDN sei Dank kommen die im Beipackzettel angegebenen inzwischen ungültigen Rufnummern nur noch mit Besetztzeichen zu Gehör. Ein Anruf beim Bestelldienst unter verdächtig anderer Ortsvorwahl löste das Rätsel und brachte schließlich die richtige neue Durchwahl auf den Tisch - nebst neuer Postanschrift.
Zweites Ergebnis: In der Kombination PC-Linux kann es auch bei den neuesten Auflagen zu Schwierigkeiten kommen, vor allem, wenn der einzige Linux-Guru im Hause des Herstellers gerade nicht ansprechbar ist, weil unpäßlich, auf Reisen oder gar im Urlaub.
Wundersames hingegen taucht selbst bei den Anbietern auf, die ihre Systeme inzwischen vorkonfiguriert unter einer der Linux-Distributionen anbieten. Da kommt es oft zu lästigen Nebeneffekten der Touchpads, die den Window-Systemen ein ungewolltes Eigenleben verleihen. Mal klappt unvermutet ein Fenster, mal flitzt der Mauszeiger unmotiviert über den Schirm. Auf der Suche nach Konfigurationen stellt sich heraus, daß man sich etwa beim Artist von Maxdata die Einstellung für den Trident Chipset bei der Grafik gespart hat.
Nun sind dies eher technische Kleinigkeiten. Noch drastischer aber stellte sich der Mangel an Linux-Know-how bei der Recherche zu High-End-Notebooks (Seite 52 ff.) heraus. Zwar werden diese in der Regel schon mit der Verfügbarkeit des freien Betriebssystems beworben - aber auf konkretes Nachfragen stellte sich bei sämtlichen Anbietern heraus, daß man ‘erst einmal über den Support nachdenken’ müsse.
Immerhin ein Anfang, diese Nachdenklichkeit. Gerade bei relativ uniformen Produkten wie PCs oder Linux-Distributionen werden andere Dinge als die Ware selbst zum ‘Differenzierungsmerkmal’, wie es die Marketing-Fachleute so treffend nennen. Support und Garantiedauer könnten langfristig über das Wohl und Wehe ganzer Firmen und Produktfamilien entscheiden - viel eher als etwa eine Performance-Steigerung ohnehin schneller Systeme. (ole)