Zeitlos

Wie heißt es so schön: Zeit ist Geld. Und so wie das pekuniäre Umfeld viele Währungen kennt, gibt es auch im temporären nicht nur den einen Kalender - auch wenn man sich das in den letzten Tagen unseres zwanzigsten Jahrhunderts kaum vorstellen konnte.

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Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Torsten Beyer
  • Kersten Auel
Inhaltsverzeichnis

Wie es aussieht, haben wir den Wechsel ins Jahr 2000 schadlos überstanden. Zumindest EDV-technisch gesehen scheint es keine Katerstimmung gegeben zu haben. Ein wenig erstaunlich ist es schon, dass ein scheinbar so wahllos platzierter Tageswechsel weltweit zu solchen Ängsten geführt hat.

Denkt man genau darüber nach, mutet es noch viel verwunderlicher an, dass alle Bewohner dieses Planeten zumindest in nicht-religiösen Zusammenhängen dieselbe Zeitmessung verwenden. Orientiert diese sich doch an der Geburt einer Person, die nur von Teilen der Weltbevölkerung als bedeutsam angesehen wird.

Wie kommt es eigentlich, dass es diese gleichsam universelle Zeitmessung auf unserem Planeten gibt und seit wann gilt sie? Klar, auch hier hilft das Netz, die richtigen Antworten zu finden.

So erfährt man beispielsweise, dass uns Deutschen mit der uns eigenen Gründlichkeit die DIN-Norm 1355 (bürgerlicher Kalender der Bundesrepublik) das Stündlein schlägt. Darin sind Jahreslänge(n), Schaltregeln, Monats- und Wochentagsnamen, die Schreibweisen ‘vor Christus’ und ‘nach Christus’ sowie Jahres- und Wochenzählung festgelegt. Diese Norm steht in weitgehender Übereinstimmung mit dem Gregorianischen Kalender und geht nur in den Fragen über die dort getroffenen Regelungen hinaus, in denen dieser keine Aussagen macht. Natürlich wissen Amerikaner und andere Software-herstellende Völker nichts von dieser Regel und schreiben fehlerbehaftete Programme. In Excel zum Beispiel muss man dieses Progrämmchen verwenden, um die nach DIN korrekte Kalenderwochennummer zu erhalten.

Für eine generelle Orientierung bezüglich des heutigen Themas ist ein Blick auf die schon oben referenzierte Site empfehlenswert. Der geneigte Leser findet dort Basiswissen über die verschiedenen ehemals (und zum Teil noch heute) gebräuchlichen Formen der Zeitmessung. So erfahren wir dort, dass seit 1582 der gregorianische Kalender gilt. Der Einstieg in dieses Kalenderwesen begann zunächst mit dem Verkürzen des Oktobers dieses Jahres um zehn Tage (auf den 4. 10. folgte der 15. 10.) sowie der Einführung des Schaltjahrsystems, wie wir es heute kennen. Dieser Kalender löste überall dort den älteren Julianischen ab, wo die römisch-katholische Kirche Einfluss besaß. Erst Zug um Zug führten ihn auch andere Länder ein - manche erst im letzten Jarhundert.

Die Geschichte des Gregorianischen Kalenders kann man bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt nachlesen. Entgegen den Erwartungen war es nicht Papst Gregor, der sich das alles ausgedacht hat, sondern dieser Verdienst gebührt den Herren Aloysius Lilius (gestorben 1576) und Christopher Clavius (1537-1612). Das wahre Anliegen der Kirche war auch nicht, der Menschheit zu einem funktionierenden Kalender zu verhelfen. Vielmehr ging es darum, das terminlich aus dem historischen Kontext (Passafest) laufende Osterfest wieder einzufangen. Dies gelang einerseits durch das Weglassen von zehn Tagen und einem Schalttag alle hundert Jahre (Ausnahme: alle 400 Jahre). Dadurch muss nunmehr nur etwa alle 3300 Jahre ein zusätzlicher Schalttag eingeführt werden. Das wird EDV-technisch spannend: Ob die Entwickler von Schaltjahrberechnungsbibliotheken diese Regel wohl kennen? Wenn nicht, könnte es um das Jahr 4 800 zu Problemen kommen (sogenannter Y4.8k-Bug).

Da wir gerade beim Thema sind: Ist die Schaltjahresregel für die meisten Softwareentwickler eine schwer zu nehmende Hürde, so stellt die Terminierung des Osterfestes die meisten auch nicht-informatisch betrauten Menschen vor schier unlösbare Probleme. Die Lösung: Wir verdanken sie dem Abt Dionysius Exiguus, der auf Veranlassung von Papst Johannes I im Jahre 525 n. Chr. folgende Formel durchsetzte:

  1. Ostern ist am ersten Sonntag nach Vollmond nach Frühlingsanfang.
  2. Der Frühlingsbeginn wird auf den 21. März, 0 Uhr, festgesetzt und
  3. es wird von einem gleichmäßig auf einer Kreisbahn umlaufenden Mond ausgegangen.

Noch Fragen? Ein Blick auf die PTB-Site enthüllt den dieser prosaischen Beschreibung zugrunde liegenden Algorithmus. Euler hat diese Sache offensichtlich ersonnen und der Nachwelt zum Lesen hinterlassen. Immer noch nicht verstanden? Dann gibt es ein VB-Programm (http://www.jo-sac.ch/sbinteam/examples/easter.htm), das den Termin im Lebensbereich der Leser dieser Zeitschrift ausrechnen kann.

Die zweifellos abgefahrenste Site zum Thema basiert auf einem Projekt, das an der Fachhochschule Furtwangen seinen Anfang nahm. Was als Diplomarbeit begann, mehrfach preisgekrönt wurde und als multimediale CD-ROM im Handel ist, steht hier in Fragmenten für der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung. Abgesehen vom Informationsvolumen fällt diese Site vor allem durch die ansprechende grafische Gestaltung auf. Es ist ein Vergnügen, sich von hier aus auf eine Reise durch die Zeitgeschichte zu begeben.

Natürlich verwenden nicht alle Völker den Gregorianischen Kalender. Zwar sind die Ausnahmen rar gesät, doch findet man den einen oder anderen Hinweis auf derartige Eigenständigkeiten. So erfährt man, dass das Jahr-2000-Problem im Nepal bereit vor 57 Jahren hätte getestet werden können (okay, die meisten MS-Entwickler waren da noch in der Ursuppe, aber trotzdem, im Prinzip wär es gegangen). Dort rechnet man die Zeit nach einem entscheidenden Sieg des Königs König B(V)ikramaditya Samvat. Und der gewann eben 57 Jahre vor Christi Geburt. (ka)