Ratenspiele

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Von
  • Bert Ungerer

Zugegeben: Wir Naturwissenschaftler rümpfen gelegentlich die Nase über Leute, die nicht zwischen Arbeit und Leistung oder zwischen Strom und Spannung unterscheiden können. Solchen begegnet man in den technisch so gebildeten IT-Kreisen selten. Sollte man meinen. Beim Lesen deutscher ‘Fachpublikationen’ - unsere eigene ist keine Ausnahme - entsteht aber manchmal ein anderer Eindruck. Natürlich sind die Klopfer nicht immer derart offensichtlich. Doch Ungenauigkeiten und schlichte Falschinformationen schleichen sich mit der Computer- und Datennetztechnik in den allgemeinen Sprachgebrauch ein, werden zum Bestandteil unserer Kultur und torpedieren hehre Bildungsziele.

Die schlichte Informationsübertragung von einem Ort zum anderen ist ein gutes Beispiel dafür, welche modernen Unwortschöpfungen kursieren - abgesehen von den unzähligen Amerikanismen. Den laschen Gebrauch von Einheiten könnte man tolerieren, schließlich ist es im Alltag kein Problem, dass das ‘Kilo’ eigentlich nur ein Zahlwort ist, für sich genommen aber auch als Masseeinheit herhält. Ähnlich wird sich wohl selbst in Fachkreisen nicht mehr herumsprechen, dass ein Modem auch 56 000 Bits pro Sekunde mit nur 2400 Baud überträgt.

Schlimmer ist das Durcheinanderwürfeln oder gar die sinnentleerte Neuschöpfung von Dimensionen. In solchen Fällen gehen die Anschaulichkeit und das Gefühl für die Sache unter. So sollten nicht nur ausgebildete Nachrichtentechniker unter ‘Bandbreite’ einfach nur die Breite eines Frequenzbandes verstehen; jeder Radiobesitzer begegnet ihr täglich. Und wenn selbst die gute alte ‘Geschwindigkeit’, in der Schule als ‘Weg durch Zeit’ gelehrt, für das Zählen von Bits herhalten muss, geht schlicht Allgemeinbildung verloren.

Politiker, Vertriebsleute und PR-Manager aber fordern, nachdem sich das Bild von der ‘Datenautobahn’ als doch gar zu platt erwiesen hat, unverdrossen ‘Breitbandzugänge’ und ‘Hochgeschwindigkeitsnetze’. Wir Journalisten setzen eins drauf mit dem - vom englischen ‘rate’ (Tempo) inspirierten - Phantasiebegriff ‘Datenrate’, der mich bestenfalls an Proteste gegen die Volkszählung erinnert (Slogan: ‘Meine Daten sollst du raten’). Eine Rate ist das Maß dafür, wie sich ein Wert im Laufe der Zeit ändert, sei es zum Guten oder zum Schlechten. Aber eine Einheit für die Zerfallsrate der Sprache gibt es leider nicht.

PS: Ältere iX-Ausgaben bieten nicht nur sprachliche, sondern auch geschichtliche Anreize. Wir blättern ab sofort regelmäßig genau zehn Jahre zurück und erinnern an damalige Ereignisse und Innovationen (siehe Seite 205 der iX 4/2001). (un)