Quatsch mit Soße

Das WWW machts möglich: Während Biertrinker ein Glas Wasser im Online Shop kaufen, können sie gleichzeitig einen Blick auf die Rückseite des Mondes werfen und die Attraktivität ihres Bauches testen. Den Kreativen ist nichts zu kurios, um es der Internetgemeinde nicht zu präsentieren.

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Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Torsten Beyer
  • Kersten Auel
Inhaltsverzeichnis

Dies ist für die nächste Zeit mein letzter Beitrag zum Thema: Was ist los im Netz? In den letzten Jahren habe ich beim Herumstreunen im Internet die eine oder andere Kuriosität gefunden, die ich nirgends so recht einbauen konnte. Daher heute: meine Kuriositätensammlung.

Da wäre zunächst das Attraktivitätsbarometer. Diese Site spricht sowohl Voyeure als auch Minderwertigkeitskomplexionäre an. Wer nur mal seine Meinung über die Attraktivität anderer loswerden will, klicke auf der Begrüßungsseite auf die beiden Skalen ‘geschätztes Alter’ und ‘Attraktivität’. Vorab kann man noch die Geschlechtspräferenzen einstellen. Fertig. Die Mutigen laden ein eigenes Bild hoch (Achtung, der grafische Standard auf der Seite ist nicht schlecht!), verschaffen sich ein Login und sehen dann, wie andere sie bewerten.

Aber Vorsicht: Männer spielen besser in der Richard-Gere-Klasse mit, und die Damen sollten sich an Supermodells vom Schlage Heidi Klum orientieren.

Wer bei ‘binichsexy’ ‘keinechancehat’, sollte vielleicht lieber seine Aufmerksamkeit auf www.bierbauchtraeger.de richten. Hier finden all diejenigen ihr virtuelles Zuhause, die eher der Kategorie der Michelinmännchen zuzurechnen sind. Neben einer wissenschaftlichen Bestätigung, dass Biertrinken dünn hält und das Leben verlängert, bietet die grafisch nett gemachte Seite alle möglichen Sprüche zum Thema Bierbauch. Abgerundet wird das Ganze durch ein Bierbauchforum und ein wenig Merchandising in Form eines sauteuren T-Shirts mit dem Leitwort der Site.

In ein ähnliches Horn blässt die Harteier-Seite. Hier gibts alles für harte Männer und Frauen - Sprüche, die härteste Webseite des Monats, Chatrooms und generell alles für all die, die keine Warmduscher oder Wollschalträger sind. Ähnlich wie die anderen hier vorgestellten Sites ist das Angebot insgesamt eher inhaltsneutral.

Richtig gut und fast schon zu groß ist das Museum für falsche Fehlermeldungen. Da finden sich nach Ausstellungen sortiert ganze Sammlungen schwachsinniger Meldungen und Fragen, die Computer uns Menschen stellen. Wer mag, kann eigene Fehlermeldungen stiften. Allerdings dürfte das bei der Menge der bereits vorhandenen Ausstellungsstücke außerordentlich schwierig sein. Nett auch die Sammlung der gefälschten Error Messages. Das Gruselige ist eigentlich, dass jede dieser Meldungen irgendwie glaubhaft aus irgendeinem Microsoft-Programm stammen könnte - insbesondere die mit dem Sponsoring.

Wohl mit einem ernsten Hintergrund, dennoch für die Nicht-Ägyptologen eher von kuriosem Wert ist die Sammlung ägyptischer Hieroglyphen. Dieses professionell aufbereitete Angebot präsentiert ein Hobbyist, der im akademischen Sinne keinen Bezug zur Ägyptologie hat. Mich begeistert hieran einerseits, was man alles auf einer Webseite anstellen kann. Andererseits ist dies für mich ein grandioses Beispiel dafür, dass jeder im Web super professionell aussehen und auftreten kann.

In ähnlicher Weise fesselt mich immer wieder ein Blick auf Koeberles Konservenwelt. Auch deren genaue Zielsetzung erschließt sich nicht in ihrer vollen Dimension. Am passendsten könnte man sie als eine Art Titanic des Internetzeitalters beschreiben - eine Sammlung satirischer Artikel und lebenstechnischer Hilfestellungen, präsentiert in einem professionellen Format (mit entsprechend langen Ladezeiten).

Was heute im E-Commerce-Bereich alles geht, zeigt anschaulich der kleine Kolonialwarenladen. Die profimäßig gestaltete Website glänzt durch eine Produktauswahl, die garantiert jeden Online-Shopper überzeugt. Da gibt es heiße Luft (70 Grad warm), das Glas Wasser zum Durstlöschen (im DIN405-rastal-Pfandglas) oder das gute alte Butterbrot mit Käse. Neben Lebensmitteln und Haushaltszubehör führt der Kolonialwarenladen so sinnvolle Produkte wie den einzelnen Komplementärsocken (zum Teil mit Abluftlöchern im vorderen Zehbereich). Aus meiner Sicht haben die Kolonialwarenwebmaster hier eine der besten Satiren auf Produktanbieter wie Manufactum geschaffen. Damit will ich nichts gegen Manufactum sagen, aber die Art und Weise wie deren Produktangebot und Markenduktus durch den Kakao gezogen wird, sucht ihresgleichen.

Auch ganz nett: ein Blick auf die Rückseite des Mondes. Der Sinn dieses Webauftritts ist mir bis heute nicht nur teilweise, sondern vollständig verborgen geblieben. Auf einer Folge von Seiten finden sich animierte Objekte (unter anderem der Mond), auf die man klicken kann, um das nächste Objekt aufzurufen. Die eigentliche Frage, die mich bei derartigen Sites immer wieder bewegt: Warum machen die das? Vielleicht haben die Webautoren das Zeug ja nur entworfen, um eines Tages in der iX zu erscheinen. Gut, Jungs, Ziel erreicht ...

In der Klasse der politisch korrekten Websites belegt die ‘Kampagne für ein freies Muränien’ (http://members.nbci.com/Christian_J/) klar den ersten Platz. Hier findet sich alles, was man über Muränien und den Freiheitskampf der Muränier wissen muss. Diese grafisch ganz akzeptablen Webseiten begeistern mich durch die Vollständigkeit und Skurrilität der Geschichte. Wirklich witzig.

Zum Abschluss ein Blick auf die Mumpitz-Seite (http://www-public.rz.uni-duesseldorf.de/~steveker/). Dort gibt es in wechselndem Programm und mit regelmäßigen Erweiterungen eben diesen: Mumpitz. Unter ‘Viecher’ beispielsweise findet sich eine Sammlung außerordentlich seltener Tiere, die so wohl nur im Web überleben können. Oder unter ‘virtuelles Abstellgleis’ eine Sammlung hochaktueller Lokomotiven. Alles in allem: total sinnloser Kram - aber nett und mit Liebe vorgestellt und genau das Richtige für einen langweiligen Sonntag Nachmittag. (ka)