Compaqs Wurzeln
- Uwe Harms
Die Autos auf der ganzen Welt haben einen identischen Rumpfmotor, die kleinen mit vier Zylindern, die teureren mit sechs, manche mit acht und mehr. Alle Hersteller von Modellen mit anderen Antriebsaggregaten kĂĽndigen einer nach dem anderen an, in absehbarer Zeit auf das Einheitssystem umzurĂĽsten.
Alle Hersteller? Nein! In Mountain View und White Plains widersetzen sich zwei unbeugsame Firmen dem Einheitstreiben. Der eine denkt, das Netz ist der Motor, baut seinen eigenen und hält sich ganz unabhängig. Der Tiefblaue liefert zwar seine x-Serie mit Einheitsmotor, aber die leistungsstarke Klasse der i-, p- und z-Serie fährt mit eigener Power.
Was in der Automobilindustrie absurd erscheint, dürfte in der IT-Branche bald Wirklichkeit werden. Nachdem sich Compaq im Juni 1999 auf die Alpha- und Tru64-Wurzeln aus dem Digital-Erbe besonnen hatte, stellten sich bald die ersten großen Erfolge ein. In der Gen- und französischen Atomforschung, dem ASCI-Programm mit dem Q-Rechner (fast 12 000 Prozessoren), kaufte man große Alpha-basierte Cluster. Beobachter erwarteten von EV7 und EV8 mit Simultaneous Multi-Threading weitere Impulse für die Alpha-Architektur.
Nun sind alle hochfliegenden Alpha-Pläne Makulatur, in Houston baut man wieder wie eh und je Intel-basiert. Ab 2004 ist Itanium angesagt, so die Compaq-Mitteilung. Laut Intel-CPU-Roadmap ist dann zwar längst der Itanium-Nachfolger McKinley am Markt, aber man soll an großen Plänen nicht kleinlich herumkritteln.
Alpha-Technik trifft sich im Prozessorhimmel mit Hewlett-Packards PA-RISC- und SGIs Mips-Architektur. Alternativen bieten in der 64-Bit-Welt nur noch IBM mit dem kommenden Power 4 und Sun Microsystems mit dem UltraSparc III, Letzterer noch mit leichtem Knirschen im Gleitkommarechenwerk.
Was unterscheidet große Server künftig außer Farbe und Herstellerlogo? Linux oder Windows XP 64 als Betriebssystem. Nur: Beide sind noch nicht reif für den Itanium-Betrieb, schon gar nicht für den mit hunderten von Prozessoren. HP arbeitet bei der IA-64-Portierung von HP-UX noch an den Compilern. Compaq fängt gerade an, über den Zusammenhang von IA-64 mit Tru64 Unix, Open VMS sowie dem Non-Stop-Kernel der Tandem-Rechner nachzudenken. Funktionierende, hoch optimierende Compiler sind nicht in Sicht.
Macht alles nichts. Die Kaufleute bei Compaq haben entschieden. Intel wird in Oregon eine Chipfabrik für zwei Milliarden Dollar bauen und Alpha- und PA-RISC-Ideen in spätere IA-64-CPUs einfließen lassen. Da verdienen schon aus antimonopolistischen Gründen die Alternativen verstärktes Interesse. (js)