Einfallsloser Aktionismus
- Jürgen Seeger
Dass nichts mehr so ist, wie es war, gehört zu den oft gesagten Sätzen nach den Terrorattacken auf New York und Washington. Sicher in vielerlei Hinsicht richtig. Allerdings sind die Argumente der Befürworter von flächendeckenden Überwachungsmaßnahmen, Kryptographieverboten et cetera so, wie sie immer waren. Das Attentat wird genutzt, um diese zeitweise ins Hintertreffen geratenen Pläne im Schnelldurchgang durchzusetzen. Denn: Das Internet per se und verschlüsselte Kommunikation im Besonderen könnte von Terroristen für ihre Zwecke genutzt werden.
Kann es auch. Um die Dimension des Problems zu verdeutlichen, ein paar Zahlen: Schon Ende 2000 kam eine Untersuchung der University of California at Berkeley zu dem Ergebnis, dass im öffentlich zugänglichen Web 2,5 Milliarden Dokumente lagern. Ohne dynamisch generierte Daten, ohne Datenbank-Content - und jeden Tag kämen 7,3 Millionen Dateien dazu. Die Zahl der täglich geposteten E-Mails sei um den Faktor 555 größer.
Lassen allein diese Zahlen Zweifel an der Möglichkeit aufkommen, hier gezielt Gesetzesbrecher herauszufiltern, wird das Problem in der Tat durch Kryptographie verschärft. Noch schlimmer: Verschlüsselung ohne Key Escrow (Schlüsselhinterlegung bei den Behörden), die ein mit starker Kryptographie kodiertes Dokument für Fremde unlesbar macht. Die Horrorvorstellung aller Sicherheitsbehörden und Geheimdienste: massenhafte unüberwachbare Kommunikation.
Nicht geändert haben sich aber auch die Argumente der Befürworter von ‘Kryptographie für alle’. Erstens raubt ein Verbot starker Verschlüsselung den Bürgern die Privatsphäre. Zweitens öffnet es der Wirtschaftsspionage Tür und Tor. Zur Erinnerung: Nur eine Woche vor dem Anschlag hatte das Europäische Parlament empfohlen, wegen der systematischen Aushorchung durch das unter anderem von den USA betriebene Abhörsystem Echelon wichtige Geschäftskommunikation nur noch verschlüsselt über Fax, Telefon und Internet abzuwickeln. Und drittens: Schon jeder mittelmäßige Drogenhändler dürfte die Möglichkeit kennen, auf Steganografie, das Verpacken von Informationen in Multimedia-Daten, auszuweichen. Da soll, wer den Tod von Tausenden plant, sich von der Illegalität von PGP oder was auch immer beeindrucken lassen?
Wer nur den Hauch einer Chance haben wollte, das Internet zu kontrollieren, müsste mindestens dem Vorbild alter und neuer Bündnispartner wie Saudi-Arabien oder China folgen: Zugangsbeschränkungen, Filter an allen Netzübergängen. Noch wirksamer wäre eine Lösung à la Taliban: das Internet ganz verbieten.
Betroffenheit ist generell ein schlechter Ratgeber. Sie sollte aber auf keinen Fall das Nachdenken ersetzen. (js)