Maßgenommen
- Ute Roos
- Jürgen Seeger
Drei Wochen lang (vom 12. 9. bis zum 3. 10. 2001) konnten Besucher der iX-Webseite in einer Umfrage ihre Meinung zu biometrischen Verfahren äußern, 3676 Teilnehmer nahmen die Gelegenheit wahr. Ziel war es, einen Eindruck zu gewinnen, wie es um die Akzeptanz biometrischer Anwendungen bestellt ist. Dass die Umfrage nicht als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung gelten kann, versteht sich angesichts ihrer beschränkten Reichweite (IT-interessierte iX- beziehungsweise Heise-Newsticker-Leser, zudem nur Internetnutzer) von selbst.
Biometrie-Chat auf heise online
Zum Thema "Biometrie im Kreuzfeuer" veranstaltet die iX am Freitag, den 23. November 2001, ab 15.00 Uhr auf der Heise-Website einen Chat mit Leserbeteiligung. Teilnehmer sind unter anderem der baden-württembergische Justizminister Ulrich Goll und der Hamburger Informatik-Professor Klaus Brunnstein.
Die Mehrheit der Teilnehmer an der Umfrage - 62,9 % - wurde in der Praxis noch nicht mit biometrischen Anwendungen konfrontiert. Dennoch sind die verschiedenen Verfahren den meisten bekannt. Spitzenreiter ist hier die Fingerabdruckmethode mit 97,6 %, allein die Handgeometrie ist mit 27,9 % nur Wenigen ein Begriff.
Auffallend ist die verhältnismäßig hohe Akzeptanz der Mehrheit der Anwendungen. Mit 29,7 % bildet die wenig bekannte Handgeometrie das Schlusslicht, gefolgt von der in der Praxis bisher wenig relevanten Schrifterkennung mit 34,2 %. Die anderen Verfahren stoßen mit Zustimmungsquoten von rund 40,0 % bis 69,3 % auf breite Akzeptanz. Selbst die Retinaerkennung, die in der öffentlichen Diskussion häufig Unbehagen in Bezug auf vermutete Augenschäden hervorruft, wird von 39,5 % der Befragten akzeptiert. Gegen eine Kombination verschiedener Verfahren haben 61,8 % keine Einwände. Gerade einmal 11,9 % lehnen alle Methoden ab beziehungsweise äußern sich nicht.
Grundsätzlich keine Bedenken gegen den Einsatz biometrischer Verfahren haben knapp die Hälfte aller Teilnehmer (49,6 %). Wenn es jedoch um Sicherheitsaspekte geht, sieht die Sache schon anders aus: Nur 19,7 % haben keinerlei Einwände, hingegen halten rund 50 % Fälschungen für möglich, 53 % befürchten den Missbrauch ihrer Daten.
Was den konkreten Einsatz biometrischer Verfahren betrifft, so existieren die meisten Vorbehalte im öffentlichen Bereich. Nur 39,2 % würden solche Zugangskontrollen an Flughäfen oder bei Veranstaltungen befürworten. Demgegenüber steht die ausgesprochen hohe Akzeptanz biometrischer Anwendungen am Arbeitsplatz. Mit 79,0 % liegt hier die Zustimmung sogar höher als beim Einsatz im privaten Bereich (68,1 %). Der Grund mag darin liegen, dass der Arbeitsplatz als besonders ‘schützenswert’ eingestuft wird - etwa, weil der Zugang zu Firmengeheimnissen oder sensiblen Daten zu kontrollieren ist.
Noch nicht ausgeräumt: Amputations-Vorbehalt
Damit würde auch die Motivation zum Einsatz biometrischer Verfahren korrelieren: 74,6 % der Teilnehmer würden Biometrie zur Erhöhung der Sicherheit einsetzen; der Komfort spielt mit 63,0 % eine geringere Rolle. Die starke Befürwortung des Einsatzes am Arbeitsplatz lässt darauf schließen, dass den Arbeitgebern in Bezug auf den Umgang mit sensiblen Daten verhältnismäßig viel Vertrauen entgegengebracht wird. Im Gegenzug dazu verweist die geringe Akzeptanz des Einsatzes in öffentlichen Bereichen auf einen Vertrauensmangel.
Eventuelle Bedenken gegen den Einsatz biometrischer Verfahren konnten die Teilnehmer bei zwei Fragen auch im Klartext formulieren. ‘Grundbedenken’ (Frage 7) äußerten 1485 Teilnehmer, unter ‘Sicherheitsbedenken’ (Frage 8) fanden sich immerhin noch 398 Bemerkungen. Tatsächlich war diese Trennung wohl etwas zu akademisch, da sich die Art der Bedenken bei beiden Fragen mischen.
Bei Durchsicht der Antworten lassen sich diese in acht große Gruppen einteilen. Die größte davon (knapp 600 Teilnehmer) geht von einer - wie auch immer gearteten - zentralen Speicherung biometrischer Daten aus und befürchtet deren Missbrauch, von der moderat umschriebenen ‘Zweckentfremdung’ bis zum viel zitierten ‘Big Brother’ respektive ‘Überwachungsstaat’.
Ein ähnliches Misstrauen in den Umgang staatlicher Stellen mit biometrischen Daten legt eine weitere große Gruppe (knapp 200 Teilnehmer) an den Tag, die ‘Gesichtserkennung ohne Wissen der Betroffenen’, damit erstellte Bewegungsprofile und Ähnliches befürchten. Dass diese Visionen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigte ein Großversuch bei einem SuperBowl-Spiel im US-amerikanischen Tampa. Dort wurden alle Besucher per Video erfasst und die Gesichter mit denen von gesuchten Straftätern verglichen. Dieses Beispiel wird auch in mehreren Antworten explizit angeführt.
Etwa 250 Bemerkungen zweifeln die Zuverlässigkeit biometrischer Verfahren an. Fälschungen seien möglich, die Verfahren nicht eindeutig genug.
Andere (gut 60) befürchten die ‘Kompromittierung persönlicher Merkmale’; Szenario: mein Fingerabdruck ist vom System als gefälscht erkannt oder missbraucht worden, und ich habe keinen anderen.
Gesundheitliche Bedenken sehr unterschiedlicher Art finden sich ebenfalls unter den Antworten. Rund 100 der Teilnehmer fürchten Augenschädigungen durch Iris- oder Retina-Scans, eine ähnlich große Gruppe treiben Horrorfantasien von abgehackten Fingern und ausgestochenen Augen um, in einer zurückhaltenden Formulierung mit ‘Amputations-Vorbehalt’ bezeichnet.
Trotz der geäußerten Bedenken ist das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Verfahren insgesamt relativ hoch. So beurteilen 53,2 % die Erkennung mit biometrischen Verfahren als gut oder sehr gut, 34 % als befriedigend oder ausreichend. Nur 7,2 % halten sie für mangelhaft oder ungenügend.
Den Report ‘Biometrie - Identifizierung durch körpereigene Merkmale’ finden Sie in der aktuellen Printausgabe der iX.
Anmerkungen zu den Grafiken
1 Bei den Fragen 2 bis 6 sowie 8 waren Mehrfachnennungen möglich, bei 7 und 8 bestand die Gelegenheit zur Erläuterung. Die Ergebnisse wurden auf eine Kommastelle gerundet, geringfügige Überschreitungen von 100 % sind Rundungsfehler.
2 In Frage 4 (Unterpunkt 7, Retinaerkennung und 8, Kombination der Verfahren) war zu Beginn der Umfrage ein technischer Bug enthalten. Die angegebenen Prozente ergeben sich aus einer Teilnehmerzahl von 700 Personen nach Behebung des Bugs. Die dargestellten Prozentzahlen der anderen Methoden stimmen mit der Akzeptanz der gesamtem Teilnehmerzahl überein. (ur)