WT-Conspiracy

Fans der ‘Akte X’, denen die Fernsehausstrahlung nicht mehr genĂŒgt, finden spĂ€testens seit dem Anschlag auf das World Trade Center adĂ€quaten Ersatz im Internet. UnzĂ€hlige Websites beschĂ€ftigen sich mit Mutmaßungen ĂŒber geheimnisumwitterte HintergrĂŒnde.

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Von
  • Mathias Bröckers
  • Kersten Auel

In the City of God there will be a great thunder. Two Brothers torn apart by Chaos, while the fortress endures, the great leader will succumb. The third big war will begin when the big city is burning.’ Die angebliche Vorhersage von Nostradamus erregte in den Tagen nach dem Anschlag auf das WTC großes Aufsehen im Internet, BĂŒcher ĂŒber den mittelalterlichen Propheten rĂŒckten schlagartig auf die Top-PlĂ€tze der Bestsellerliste des Versenders ‘Amazon’. Dass der zitierte Satz, wie sich bald herausstellte, nicht von Nostradamus stammt, sondern aus einem jĂŒngst erschienen Roman ĂŒber ihn, tat der angstvollen Suche nach ErklĂ€rungen fĂŒr das UnerklĂ€rliche keinen Abbruch. Die Satansfratze im Rauch der WTC-TĂŒrme machte ebenso die Runde wie der Flugnummern-Fake mit dem Windings-Totenkopfsymbol - in der GerĂŒchtekĂŒche gĂ€rte es.

Verschwörungstheorien reduzieren KomplexitĂ€t und vereinfachen die Weltsicht - vielschichtige, schwer nachvollziehbare Ereignisse werden auf einen Verursacher, einen SĂŒndenbock zurĂŒckgefĂŒhrt. So ist es kein Wunder, dass nach einer Katastrophe, die wie die vom 11. September die Weltöffentlichkeit verĂ€ngstigt und verwirrt, solche Theorien blĂŒhen. Die allererste tauchte schon auf, als der zweite Turm noch nicht zusammengestĂŒrzt war und sie wird bis heute unter der Chiffre ‘Bin Laden’ allgemein akzeptiert. Da keine gerichtstauglichen Beweise fĂŒr eine konkrete Beteiligung, Planung und Mitwisserschaft des saudischen MillionĂ€rs-Terroristen vorlagen und bisher auch nicht auftauchten, wurde der Kreis der Verschwörer um ein ‘geheimes Terrornetzwerk’ namens Al Kaida erweitert, das freilich noch schwerer greifbar zu sein scheint als sein vermeintlicher Kopf. In 60 LĂ€ndern vermutet man Ableger dieses Netzwerks - eine wahrhaftige Weltverschwörung.

Wo aber permanente Wiederholungen eine Verschwörungstheorie auf allen MedienkanĂ€len in den Rang einer bewiesenen Wahrheit erheben - und der Fall Bin Laden ist dafĂŒr ein Paradebeispiel - da scheint das Internet, sonst als Biotop wildwuchernder Verschwörungstheorien eher verrufen, plötzlich auf der Suche nach der Wahrheit unverzichtbar. Ein Freund, der seit einiger Zeit in den USA lebt und die ersten Tage nach dem Anschlag vor dem TV verbrachte, brachte es auf den Punkt: ‘Jetzt kann ich zum ersten Mal verstehen, wie es gewesen sein muss, als nach dem Reichtagsbrand Hitlers Propagandamaschine anlief. Du kannst hier alle Programme rauf- und runterzappen, ĂŒberall dieselbe Botschaft, ohne das Web als alternative Informationsquelle hĂ€tte ich mich nach drei Tagen komplett gehirngewaschen gefĂŒhlt.’

In der Tat wurde weder im Fernsehen noch im Mainstream der Presse den vielen MerkwĂŒrdigkeiten und offenen Fragen zu diesem Anschlag nachgegangen: Warum lassen hochprofessionelle Terroristen im Mietwagen arabische Unterlagen und einen Koran liegen? Warum reisen SelbstmordtĂ€ter mit GepĂ€ck, das aufgegeben wird, hĂ€ngenbleibt und zufĂ€llig ein Testament und ein ominöses Anweisungsschreiben enthĂ€lt? Wer sollte das lesen, wenn die Tasche mit an Bord gekommen wĂ€re? Wenn es gefunden und gelesen werden sollte, warum wurde die Tasche dann aufgegeben und nicht einfach am Flughafen stehen gelassen? Wenn das gefundene Schreiben Anweisungen fĂŒr die letzten Minuten enthielt, warum war es nicht im HandgepĂ€ck? Warum enthĂ€lt es einerseits merkwĂŒrdig un-islamische AusdrĂŒcke wie ‘optimistisch’ oder ‘100 %’ - und zitiert andererseits die kompletten Zeilen des Morgengebets, das jedes Muslimkind auswendig kann? Wie konnte zuerst den Geheimdiensten und dann der Flugsicherung diese Aktion völlig verborgen bleiben? Wie kommt es, dass von den acht Flugschreibern der verunglĂŒckten Maschinen sieben verschwunden beziehungsweise unauswertbar sind?

Wer als Sherlock Holmes auf diese kriminalistisch selbstverstĂ€ndlichen Fragen anhand von CNN und Tagespresse Antworten suchte, kam nicht weit - nicht einmal die Fragen wurden gestellt, geschweige denn man sucht nach Lösungen. Anders im Internet, wo sich verschiedene Websites schon kurz nach den AnschlĂ€gen nichts anderem mehr widmeten, als die HintergrĂŒnde dieser MerkwĂŒrdigkeiten aufzuhellen, zum Beispiel ‘Exposing the 9-11 Lies’ und ‘PsyopNews’.

Auch die englischsprachigen Online-Ausgaben arabischer, indischer und anderer internationaler Zeitungen - die dank des Internet frĂŒhstĂŒcksaktuell zur VerfĂŒgung stehen - bieten Informationen ĂŒber das Geschehen, die im medialen Einheitsbrei des Westens fehlten. Dass beispielsweise die Absetzung des pakistanischen Geheimdienstchefs Anfang Oktober deshalb erfolgte, weil in seinem Auftrag 100 000 $ an den ‘Terrorpiloten’ Atta ĂŒberwiesen worden sein sollen, war nur in der ‘Times of India’ zu finden und ging dann als undementierte Kurzmeldung im ‘Wall Street Journal’ unter. Dass einer der HauptverbĂŒndeten als Finanzier der Terroristen verdĂ€chtig ist, passte offensichtlich nicht recht ins Bild der Bin-Laden-Verschwörungstheorie. So wenig wie der Beitrag von Professor Michel Chossudovsky, der im Centre for Research on Globalisation am 12. September ĂŒber die ‘Kreation’ von Osama Bin Laden durch westliche Geheimdienste berichtete - und ĂŒber die geschĂ€ftlichen HintergrĂŒnde, sowohl was Verbindungen seines Clans mit der Familie des amtierenden PrĂ€sidenten Bush, als auch was die DrogengeschĂ€fte in der Region betrifft.

Die BĂŒrgerrechtler von ‘public-i-org’ werfen kritische Blicke auf das hintergrĂŒndige ÖlgeschĂ€ft (http://www.public-i.org/story_01_080200.htm) und die Tatsache, dass Vize-PrĂ€sident Cheney bis Dezember 2000 Chef des Halliburton-Konzerns war, der eine Pipeline durch Afghanistan bauen will. Beim Stichwort Cheney/Halliburton hakt auch der ehemalige Drogenfahnder Michael C. Ruppert ein, der Ende der 70er-Jahre zufĂ€llig eine verdeckte CIA-Operation - den Schmuggel von Drogen und Waffen - observierte. Als er auf einer polizeilichen Untersuchung des Falls bestand, verlor er seinen Job - und ist seitdem als unbestechlicher, patriotischer Sheriff den DrogengeschĂ€ften und verdeckten illegalen Operationen der CIA auf der Spur. FĂŒr ihn ist ausgemachte Sache, dass ein solcher Terroranschlag ohne Wissen der Geheimdienste nicht organisiert werden kann - und die Belege die er dafĂŒr anfĂŒhrt, sind, verglichen mit der spekulativen Beweislage in Sachen Bin Laden, durchaus plausibel.

‘All Conspiracy. No Theorie.’ lautet das Motto der Verschwörungsexperten von Steamshovelpress, wobei die Dampfbagger bisweilen aber schon mal ĂŒbers Ziel hinausschaufeln - die ‘Secrets of the Bush-Family’ und ihre GeschĂ€ftsverbindungen mit einigen Top-Nazis in den 30er-Jahren haben es dennoch in sich.

Vollends bunt - von Kennedy bis Aliens - wird es unter www.conspire.com, wo man durch die 60 grĂ¶ĂŸten Verschwörungstheorien aller Zeiten browsen kann. Hier nĂ€hert sich das Thema der konspirativen Infotainment-Beliebigkeit von ‘Akte X’ und jenen paranoiden TraumtĂ€nzern, die dem Internet den schlechten Ruf als ins Kraut schießender GerĂŒchtekĂŒche eingebracht haben. Im Nebel des Krieges aber, in Zeiten der Nachrichtensperre, Propaganda und der psychologischen KriegsfĂŒhrung stellt es auch eine unverzichtbare Informationsquelle fĂŒr alle dar, die sich ein unabhĂ€ngiges Bild machen wollen. Sicher scheint: In diesen Zeiten Verschwörungen nicht in das kritische Nachdenken einzubeziehen wĂ€re genauso naiv, wie alles einer großen Verschwörung zuzuschreiben. (ka)