Aus der Pole Position

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Von
  • Ulrich W. Eisenecker

The Network Is The Computer - diese Vision ihres Konkurrenten Sun von 1982 hat Microsoft nun ernst genommen. Der Markt der klassischen Anwendungen für Personal Computer ist in die Jahre gekommen und in hohem Maße gesättigt. Entwicklungspotenzial besteht im Umfeld Internet. Vorhandene Software wird hierfür tauglich gemacht, neue Anwendungen werden durch das Internet sinnvoll und möglich.

.NET ist der konsequente Schritt, der ein Betriebssystem für Personalcomputer um eine moderne und leistungsfähige Plattform für den Ablauf von Web Services ergänzt. Hinzu kommt, dass Microsoft mit Passport zur Nutzerauthentisierung und My Services zur Bündelung aufeinander abgestimmter Dienste gleich zwei weitere Initiativen gestartet hat, die wesentliche Schlüsselpositionen im Markt für Web Services besetzen. Diese Strategie ist so gut geplant, dass man den Eindruck erhält, Microsoft könne nur gewinnen.

Zum angekündigten Zeitpunkt liegt tatsächlich ein konkretes und brauchbares Produkt mit allem nötigen Drum und Dran vor. Es wurde von vornherein für den vorgesehenen Einsatzzweck entworfen und gebaut. Darin - und dieser Hinweis sei mir gestattet - unterscheidet es sich beispielsweise von Java, was sich erst über Umwege zu dem entwickelte, was es heute ist. Es ist vielsprachig. Bereits Visual Studio unterstützt fünf Sprachen. Bertrand Meyer führt in seinem auf der OOP 2002 gehaltenen Tutorial ‘Multi-language programming with .NET’ darüber hinaus noch sieben weitere Sprachen von acht kommerziellen Anbietern und sechs Sprachen aus Forschungsinstituten auf. Da keimt Hoffnung für ein Abklingen des Sprachenstreits zwischen den Entwicklern auf.

Das eigentliche Kernstück von .NET bildet ein Framework beziehungsweise eine Bibliothek, die mit vielen Sprachen genutzt und erweitert werden kann. Für die meisten Windows-Varianten ist .NET inklusive Kommandozeilencompiler für VisualBasic, C# und JScript frei verfügbar. Eine Linux-Portierung der Common Language Runtime, des C#-Compilers, des Just-in-Time-Compilers und der Klassenbibliothek ist als Open-Source-Projekt in Arbeit. Eigentlich wäre .NET aufgrund der angestrebten Interoperabilität und Plattformunabhängigkeit von Web Services - wie wohl sich diese noch beweisen muss - auf Linux gar nicht nötig, aber so erschließt sich ein zweites wichtiges Betriebssystem für .NET.

Angesichts so guter Voraussetzungen stellt sich die Frage, was denn überhaupt noch schief gehen kann?

Mir fallen gegenwärtig nur zwei externe Gründe ein, die den Erfolg von .NET bremsen könnten. Zum einen könnten sich Web Services weniger positiv entwickeln, als es die meisten annehmen. Zum anderen könnte das Medium Internet vielleicht doch noch an Akzeptanz und Attraktivität verlieren. Die Ursache hierfür müssen nicht einmal in terroristischen Bedrohungen liegen. Allein die fortschreitende Verstopfung durch Datenmüll, eine zunehmende Überwachung seiner Nutzer und deren potenzielle Kriminalisierung könnten dazu führen.

Derzeit genießt C# - die von den Redmondern favorisierte .NET-Sprache - noch eine Sonderstellung. Bedauerlicherweise lassen sich Entwickler gern von neuen Sprachen begeistern, und Hersteller nutzen diese Schwäche für ihr Marketing. Sollte C# gegenüber den anderen Sprachen dauerhaft bevorzugt werden, könnte sich dies für .NET nachteilig auswirken. Würde außerdem Microsoft erneut der Neigung verfallen, ohne Rücksicht auf Qualität und Funktion ständig neue Leistungsmerkmale aufzunehmen, wäre dies ein Hemmschuh für .NET - wohl ungeachtet der zu diesem Zweck in .NET vorausschauend ergriffenen Maßnahmen. Aufgrund des hohen Umstellungsaufwandes sind nämlich immer weniger Anwender bereit, sich auf immer kürzere Release-Zyklen einzulassen.

Überhaupt ist die Qualität der Software ein entscheidender Punkt. Sollten sich im Alltagsbetrieb der .NET-Bestandteile wie bei anderen MS-Produkten erhebliche Sicherheitsmängel und Programmierfehler zeigen, die andauernde Flickschusterei nach sich ziehen, würde das Vertrauen in Microsoft hier gänzlich verschwinden.

Willkommen im Rennen. .NET - ich wünsche dir eine starke Konkurrenz!

Dr. Ulrich Eisenecker
ist Professor für Componentware und Window-Oberflächen an der Fachhochschule Kaiserslautern.
(wm)