R2D2s Freunde
Was früher Sciencefiction war, ist heute Vergangenheit. Das gilt für Jules Vernes Reise zum Mond ebenso wie für George Orwells 1984. Roboter haben dieses Schicksal zwar noch nicht erleiden müssen, reine Zukunftsphantasien sind sie aber längst nicht mehr.
- Torsten Beyer
Vor einiger Zeit hatte ich hier einen Artikel zum Besten gegeben, der sich mit Robotern befasste. Die meisten der damals erwähnten Webseiten befanden sich jenseits der Grenzen unseres Landes. Einige E-Mails von aufgebrachten deutschen Roboterforschern haben mich seinerzeit darüber informiert, dass man für spannende Seiten über mechanische Helfer aller Art gar nicht in die Ferne schweifen müsste. Ich gelobte Besserung, und hier kommt nun der hoffentlich lang erwartete Artikel über Roboterforschung und -basteleien aus Deutschland. Der lange Zeitraum, der seit dem ersten Artikel verstrichen ist, hat auf jeden Fall dazu geführt, dass die Websites professioneller geworden sind.
Einige dieser Seiten sind bei der Uni Tübingen zu besichtigen. Da findet sich beispielsweise die Arbeit der Forschungsgruppe artificial life. Entgegen dem Namen handelt es sich nicht um frankensteinsche Ansätze zur Erschaffung humpelnden Lebens. Vielmehr beschäftigt man sich mit Fragen der Selbstorganisation und Kooperation von Kleinrobotern (in diesem Fall vom Typ Pioneer I - der auch andernorts als beliebter Blechgeselle eingesetzt wird).
Diese Fragestellung taucht an verschiedenen anderen Forschungsstätten robotischen Lebens immer wieder auf und spiegelt insofern eines der Grundprobleme nicht nur robotischer Lebensformen wider. Bei Gesprächen mit den Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen meiner Söhne nimmt die Frage nach Selbstorganisation und Kooperation der lieben Kleinen auch stets eine zentrale Rolle ein. In Tübingen werden diese Forschungen dem neugierigen Webvagabunden in ansprechender Art sowohl textlich als auch mit Bildern präsentiert.
Mit etwas ruppigeren Robotern gehen die Forscher der Gruppe ‘Sinnesorgane für mobile Roboter’ zu Werke. Deren Prunkstück Arthur ist ein Vertreter der Outdoor-Generation. Er kann draußen rumfahren und wirkt damit etwas klobiger und irgendwie fürchterlicher als die kleinen Kollegen, die sich selber organisieren sollen. Hier können sowohl der Roboter als auch die zugehörigen Sinnesorgane in Augenschein genommen werden.
Das Interessante an diesem Projekt ist die interdisziplinäre Arbeit - Biologen, Chemiker und Informatiker werkeln Seite an Seite mit dem Ziel, Serviceroboter zu entwickeln, die im Freien da arbeiten, wo Menschen es nicht wollen oder können. Spannend ist vor allem die Idee, dem Roboter einen Riechsinn zu verschaffen, der ihm die Ortung von Gerüchen beziehungsweise Gasen erlaubt.
Megamaid aus Deutschland
Forschung in Deutschland geht aber weiter - im wahrsten Sinne des Wortes. So haben Konrad Schwarzenbach und sein Sohn Bastian einen Roboter gebaut, der im November an Bord einer russischen Rakete ins Weltraum zur ISS flog. Er ist so etwas, wie die Hightech-Variante einer Putzfrau (sorry: Raumpflegerin). Der auf den Namen Jitter hörende Roboter soll an Bord der ISS herumfliegende Gegenstände einsammeln. Diese Arbeit erledigt er entweder fröhlich pfeifend oder mürrisch brummend - je nachdem, ob er sanft gestreichelt wird oder einen Klaps bekommt. Mit Jitter haben die beiden Konstrukteure einen von LEGO seit August letzten Jahres ausgeschriebenen Preis gewonnen. Die elektronische Megamaid ist aus LEGO - konstruiert mit dem Roboterkonstruktionsbaukasten Mindstorms.
Die ultimative Spaßvariante kooperierender Roboter ist der RoboCup - der Fussballweltcup für Roboter. Unter www.robocup.org/02.html befindet sich die offizielle Webseite dieses Wettkampfes. Natürlich steht hinter dem Spaß einerseits ein Haufen Arbeit, andererseits aber vor allem eine echte Herausforderung - wie bekommt man einen Haufen umherfahrender Roboter dazu, sowohl technisch als auch taktisch in Echtzeit das Runde in das Eckige zu bugsieren.
Auch hier mischen deutsche Teams mit (die jetzt nicht Genannten mögen es mir verzeihen) und nicht mal unerfolgreich. Nachzulesen etwa ist die erfolgreiche Teilnahme der FU Berlin. Deren Team gelang - einmal im Roboterfußball und immer wieder gern gesehen im richtigen Leben - ein Doppelpass. Bis heute rätseln die Forscher, wie es dazu kam. Aber das tun gute Stürmer wohl auch, nachdem sie das Leder versenkt haben.
Jetzt kommt ein kurzer Ausflug ins deutschsprachige Ausland: An der Uni Zürich experimentieren Forscher mit fliegenden Robotern. Diese fallen durch die kuriose Tatsache ins Auge, Zeppeline zu sein - wenngleich wohl nicht wie einst mit Wasserstoff gefüllt. Es ist nachzulesen und bildlich dokumentiert, wie die Züricher Himmelsstürmer ihre intelligenten Zigarren anlässlich des Festivals des Wissens im Zürcher Hauptbahnhof fliegen ließen. Dabei verfolgen die Züricher im dreidimensionalen Raum dasselbe wie die Tübinger Forscher am Boden: die selbstorganisierte Kooperation. So versucht man, den Zeppelinen beizubringen eigenständig Schwärme zu bilden und kollektive Aufgaben zu lösen.
Technisch noch aufwendiger sind Ansätze, bei denen ein Modellhubschrauber den Zeppelin ersetzt. Jeder, der mal den Versuch unternommen hat, ein solches Gerät zum Fliegen zu bewegen, kann ermessen, welch komplizierte Mess- und Regelaufgabe zu lösen ist. Stellvertretend für diese Gattung von Robotern sei hier auf zwei Forschungsgruppen verwiesen: da gibt es ein weiteres eidgenössisches Team, diesmal von der ETH in Zürich und eines von der TU in Berlin, dessen elektronischer Geselle auf den für Roboter geradezu symbolischen Namen MARVIN hört.
Das Züricher System ist offenbar bereits so weit gediehen, dass sich die Schweizer an die Vermarktung machen. Marvin war 1999 der erste autonom fliegende Roboter, der automatisch ein Ziel erkennen und dessen Position korrekt übermitteln konnte. Auch wenn die Webseite nicht von kommerzieller Vermarktung spricht, kann man sich vor allem grün gekleidete Interessenten leicht vorstellen.
In eine vollkommen andere Richtung gehen die Arbeiten des LSR Instituts der TU München. Möglicherweise ist deren Arbeit nur mit viel Fantasie mit dem Thema Roboter in Verbindung zu bringen. Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse nicht minder beeindruckend. An der TU versucht man, Neuroprothesen zu entwickeln - das heißt, man stimuliert die Nerven und Muskeln gelähmter oder teilgelähmter Patienten auf eine Weise, dass Laufen, Treppensteigen et cetera wieder möglich werden. Man kann sich darŸber informieren, wie das System aussieht, wie es funktioniert und wie Patienten damit umgehen können.
Ja und dann ist da noch das Tamagotchi für die oberen Zehntausend. Wer zu viele Euros hat und nicht weiß, wohin damit, kann im Web nachlesen, was er seinen Kindern zum nächsten Weihnachtsfest bescheren kann. Sony hat einen Roboter vorgestellt, mit dem man sich unterhalten kann (wenn man nicht mehr als 60 000 Worte verwendet), der tanzt und umherläuft. Na dann - schöne neue Welt. (ka)