Harte Bandagen
Nur ein totalitärer Polizeistaat sei in der Lage, im Zeitalter der Computernetze die Kontrolle über digitale Kopien durchzusetzen, ließ Richard Stallman, einer der Urväter der Free-Software-Gemeinde, kürzlich verlauten. Und rückte, was die Durchsetzung von Urheberrechten und Kopierschutz anbelangt, die USA in die Nähe der einstigen Sowjetunion, in der Druck und Vertrieb von Werken vollständig kontrolliert und Denunziantentum gefördert wurde.
Dass die Wahrung von Urheberrechten und die angemessene Entlohnung schöpferisch Tätiger auch im digitalen Kopierzeitalter ein Muss ist, steht außer Frage und ist die eine Sache. Eine ganz andere ist, mit welchen Maßnahmen die Industrie ihre Rechte und gelegentlich das, was sie dafür hält, durchzusetzen versucht. Längst haben einige die Samthandschuhe ausgezogen und den Benutzern zur Kollektivfehde vor die Füße geworfen.
Den jüngsten Skandal, bei dem ein weithin bekannter Softwarekonzern mit seinen Lizenzbedingungen den Zugriff auf fremde Rechnersysteme in Form von Software-Downloads legitimiert wissen wollte, konnte das Unternehmen in letzter Sekunde durch die Berufung auf ‘missverständliche Formulierungen’ abbiegen. Eine andere Softwareschmiede verlangte vor wenigen Monaten in ihren Lizenzbestimmungen gar das Recht auf Hausbesuche sowie Zugang zu Computersystemen und Aufzeichnungen, um die Verwendung ihrer Produkte zu kontrollieren.
Nicht zimperlich zeigen sich Hersteller und Interessenverbände auch bei ihren Großkampagnen gegen Raubkopierer. Da geht schon mal der Datenschutz über Bord, wenn sie verfügbare Datenbanken anzapfen, um die unter Generalverdacht stehende Nutzerschar mit Drohbriefen einzuschüchtern. Die Aufforderung, innerhalb kürzester Frist den legalen Gebrauch der Programme nachzuweisen, entbehrt überdies jeglicher rechtlichen Grundlage. Dass dazu mit Plakaten und speziellen Webauftritten massiv zur Denunziation anderer aufgerufen wird, passt ins Bild.
Einen Schritt weiter gehen die Interessenvertreter der Musik- und Filmindustrie. Fiel schon ein amerikanischer Branchenverband dadurch unangenehm auf, dass er IP-Adressen von Raubkopierern sammelte und deren Internet-Provider zum Versenden ‘blauer Briefe’ veranlasste - was von Datenschützern gerade geprüft wird -, so benutzen die Verbände nun ihrerseits die Mittel ihrer Gegner.
Dass sie verstümmelte Musikdateien in die Tauschbörsen schmuggeln, um den Benutzern den Spaß zu verderben, ist nachvollziehbar. Jedoch tauchen in jüngster Zeit verstärkt Viren und Backdoors in Peer-to-Peer-Netzen auf. Angesichts der Tatsache, dass letztere Systeminformationen wie IP-Adresse, Speicherplatz und Betriebssystem versenden, lässt sich über die Herkunft der Schädlinge trefflich spekulieren. Damit die Industrie zur Selbsthilfe greifen kann, möchte ein US-Abgeordneter gar das Hacken von P2P-Netzen legalisieren - sein Gesetzesvorschlag liegt vor.
Um dem oft beklagten mangelnden Unrechtsbewusstsein der Benutzer auf die Sprünge zu helfen, ist es sicherlich wenig hilfreich, wenn sich Hersteller mit MP3-Playern, Software-Brennern und Leermedien eine goldene Nase verdienen und im selben Atemzug den P2P-Usern ein entrüstetes ‘Pfui’ entgegenschleudern. Oder die in den wenigen legalen Tauschbörsen gehandelten Künstler mit einem Hungerlohn abspeisen.
Auch wenn niemand ernstlich das massenhafte Kopieren und Vertreiben von Lizenz-Software oder geschützten Inhalten gutheißen kann - die repressiven Methoden der Industrie und ihre Bestrebungen, gleich sämtliches Kopieren verbieten zu lassen, sind zumindest fragwürdig. (ur)