Stöberei
Kaum war am 5. Juni dieses Jahres die Version 1.0 des Internet-Client Mozilla freigegeben, ließen die Entwickler - ebenfalls im Juni - eine Alpha-Version 1.1 auf testwütige Surfer los. In diesem Heft jedoch ein Blick auf den fertigen Einsnuller-Browser.
- Henning Behme
In den letzten Monaten ist die Entwicklung des auf diversen Betriebssystemplattformen erhältlichen Internet-Client Mozilla schnell vorangeschritten. Nach der Freigabe der Version 0.9.8 im Februar dieses Jahres folgte die von 0.9.9 im März. Im April war der erste Release Candidate von 1.0 erhältlich, im Mai erschienen mit RC2 und RC3 die beiden nächsten. Nach der Freigabe des ‘finalen’ Mozilla 1.0 dauerte es keine Woche, bis die Alpha-Version 1.1 da war.
Mozilla ist schon immer mehr als ein Browser gewesen. Schon zu Netscape-Zeiten war ein E-Mail-Client inbegriffen (der Schritt vom Navigator zum Communicator). Die Entwicklergruppe hat seit 31. März 1998, dem Zeitpunkt der Freigabe des Netscape-Codes, nicht nur zeitlich einen langen Weg hinter sich gebracht. Einiges haben sie verändert, vieles völlig neu geschrieben; bestes Beispiel für Letzteres ist die Rendering Engine Gecko.
Als Anwendungssuite enthält Mozilla neben dem Browser und dem Mail-Client ein Chat-Modul, das IRC erlaubt. Und wie auf der Site des Projekts und dem der Entwickler nachzulesen ist, existieren zig Projekte, die sich des Codes bedienen, um Add-ons und Varianten zu und von Mozilla anzubieten. Darunter befinden sich nette Kleinigkeiten wie auswechselbare Themes, die das Aussehen des Browsers verändern (Abbildung 2 zeigt Mozilla mit dem Theme Pinball) und Plug-ins, die etwa erlauben, den Heise-Newsticker in die Auswahl der Suchmaschinen aufzunehmen.
Seit den Anfängen der 0.9er-Versionen hat sich einiges an Mozilla verändert. Was genau, ist an den nach wie vor verfügbaren Release Notes zu sehen; es reicht für den Anfang, sich für 0.9.2 bis 0.9.9 die What’s-New-Sektion zu Gemüte zu führen. So ist Version 1.0 lediglich der Kulminationspunkt für die Versuche und Bestrebungen der vergangenen Monate. Und Projekte, die noch nicht Bestandteil des freigegebenen Mozilla sind, könnten diesen Status eines Tages erreichen.
Standards können nicht schaden
Bekannt ist Mozilla dafür, sich an den ‘Standards’ des World Wide Web Consortium zu orientieren, die das W3C allerdings ‘nur’ Empfehlungen nennt. Dazu zählen außer den Selbstverständlichkeiten (X)HTML, CSS (Level 1 und 2, Ansätze von 3) und DOM (wie CSS) die Extensible Markup Language samt Namespaces, XPath und XSLT in der Version 1.0. Erste Versuche liefen ab Version 0.9.1, aber bis 0.9.8 hieß es lapidar ‘XSLT support still has bugs’. Seit Version 0.9.9 gilt, dass Mozilla XML-Dateien mit einer Referenz auf ein XSLT-Stylesheet richtig darstellt; Fast. Denn obwohl das oben stehende Zitat in den Release Notes 1.0 fehlt, stellt der Browser nicht alles korrekt dar. Bei einem Versuch mit der deutschen Übersetzung der XML-Spezifikation (validierte 215 KByte Text plus 77 KByte Stylesheet) bestand die Nummerierung der Kapitel aus Zeichenketten wie ‘112’ statt ‘1.1.2’, und der Anhang enthielt Ziffern statt Buchstaben als Kennzeichnung. Außerdem stand das Ganze unter der klassischen Überschrift ‘Stunden später ...’ (in diesem Fall ~50 s).
Eine erfreuliche Überraschung seit 0.9.9: Die Auszeichnungssprache für mathematische Formeln (MathML) stellt der Browser nicht nur dar. Rechte Mausklicks vergrößern den Font, zeigen den Quelltext und schalten auf normale Darstellung zurück. Abbildung 1 zeigt einen Ausschnitt aus Mozillas MathML-Seite www.mozilla.org/projects/mathml/demo/basics.xhtml nach dem ersten rechten Klick. Im Verzeichnis projects/mathml/fonts/ sind zusätzliche Schriften erhältlich.
Noch nicht integriert hat Mozilla die Scalable Vector Graphics (SVG). Dies Unterfangen ist zwar Bestandteil der Projektliste - und es existiert eine Windows-Version unter www.mozilla.org/projects/svg/-, aber noch nicht der Auslieferung. Wer SVG-Dateien mit Mozilla ansehen will, muss momentan auf das Adobe-Plug-in zurückgreifen, das mit Mozilla zusammen gute Ergebnisse liefert.
Reiter im Fenster unterwegs
Erstmals in Version 0.9.5 experimentell realisiert, kann eine Eigenschaft des Browsers als Besonderheit durchgehen: das so genannte Tabbed Browsing (siehe Abb. 2). Statt für jede Webseite ein neues Fenster zu öffnen, kann der Surfer durch rechten Mausklick auf einen Link und die Wahl von ‘Open Link in New Tab’ ein neues Dokument im selben Fenster anzeigen lassen, erreichbar durch einen Reiter (Tab) unter dem Menü. Außer dem Titel ist dort das Mini-Logo zu sehen, das bei vielen Seiten in einem Fenster die Verwirrung mindert.
Im Grunde entspricht das dem Multiple Document View, wie ihn Opera seit langem kennt (jetzt inklusive der Wahl, weitere Fenster zu öffnen). Und wie vieles, ist das Tabbed Browsing übers Menü einstellbar: Abbildung 3 zeigt die Optionen fürs Tabbing.
Nicht nur bezüglich der Tabs, sondern in vielerlei Hinsicht lässt Mozilla sich konfigurieren: entweder über zwei Preferences-Menüs oder durch einen Eingriff in (JavaScript-)Dateien wie prefs.js. Menügeführt liegen unter ‘Tools’ in alphabetischer Reihenfolge Konfigurationswerkzeuge für folgende Bereiche vor:
- Cookies;
- Download;
- Formulare;
- Grafiken;
- Passwörter.
Hinsichtlich Grafiken kann der Anwender bestimmen, von welchen Sites keine Bilder zu laden sind. Der Formularmanager merkt ‘sich’, was der Surfer schon im Laufe einer früheren Sitzung ausgefüllt hat. Gleiches gilt für die Verwaltung eingegebener Passwörter.
Sites dürfen und dürfen nicht
Was Cookies betrifft, bietet Mozilla den Luxus, detailliert zu definieren, wer Kekse auf dem Rechner platzieren und modifizieren darf. Für jeden einzelnen Cookie kann die Surferin bestimmen, welche zu löschen sind und ob ein gelöschter später wieder zu akzeptieren ist. Von ungeliebten Sites lässt sich generell festlegen: die dürfen nie.
In den Einstellungen unter ‘Advanced -> Scripts & Windows’ ist noch mehr zu tun. Wer sich jemals über ein ungefragt geöffnetes Fenster - vielleicht sogar über eines, das den gesamten Bildschirm ausfüllt - geärgert hat, ist hier richtig. Nicht nur, dass für Browser und Mail-Client einstellbar ist, ob Webseiten ‘einfach so’ neue Fenster oder Links in solchen öffnen dürfen; Mozilla-Benutzer können darüber hinaus vorgeben, dass Folgendes verboten ist:
- Bewegen/Verändern von Fenstern;
- Fenster in Vorder-/Hintergrund holen;
- Grafiken verändern;
- Statuszeile ändern;
- Cookies lesen/schreiben/ändern.
Ein Aperçu zum Schluss: Tastaturkürzel. Emacs-Gewohnte können beim E-Mail-Schreiben nicht nur Ctrl-a und Ctrl-e (Zeilenanfang und -ende) weiter benutzen. Nach einem Zwischenstand, in dem Ctrl-k den Rest der Zeile nicht mehr löschte, tuts das Kürzel jetzt wieder. Was andere Abkürzungen angeht, enthält die Anwenderdokumentation eine umfangreiche Liste - ohne das Ctrl-k.
Wer nicht unter Windows arbeitet und deshalb den IE nicht benutzen kann, ist mit Mozilla gut bedient, obwohl das Entwicklerteam den Internet-Client als Testumgebung bezeichnet und manche Webseiten den Browser schlicht blockieren. Dadurch, dass CompuServe sich der Rendering Engine bedient und AOL sie für die nächste Release testet, lässt sich zumindest sagen: Mozilla lebt ... Ein neuer Browserkrieg muss deswegen nicht sein.
Literatur
[1] Andreas Otte, Karsten Violka; Zahmes Monster; Tipps und Tricks für den Webbrowser Mozilla; c’t 13/02, S. 218
[2] Matt Berger; Interview: Browser wars aren’t coming back; InfoWorld 14. Juni 2002;
iX-WERTUNG
(+) XML/XSLT-Darstellung
(+) Tabbed Browsing
(+) weit reichende Konfiguration
(-) gelegentliche Blockade bei bestimmten Webseiten
(hb)