It's my party

Alle vier Jahre wieder bekommen wir, der Bundestagswahl sei Dank, jeden Tag neue Folgen unserer Lieblings-Doku-Soap: Reality-Politik. Die täglichen Schlachten im laufenden Kampf um die Wahl finden natürlich auch im Web statt.

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Svenja Kranig
  • Stefan Mintert

Die 3-Buchstaben-Domains sind der erste Anlauf für den Politik-Surfer. Mit Reimen versucht es die FDP. Keine Website, vielmehr ein ‘Portal Liberal’. Nicht minder modern und top-aktuell mit sekündlicher Uhrzeit auf der Titelseite präsentiert sich CDU. Die Inhalte sind links und rechts von Werbebannern flankiert. Was der Webwasher nicht herausgespült hat, trennt das Auge. Rechts verlangt Angela Merkel ‘Angehen - was alle angeht’, direkt darunter proklamiert ein brünettes Model ‘Zeit für Taten’. Die linke Seite mutet wie eine Sammlung von Sponsorenlinks an: zeitfuertaten.de, stoiber.de, wahlfakten.de. Da sieht man es: Die CDU kurbelt die Internet-Wirtschaft an; was machen die Domain-Verkäufer bloß in den kommenden mageren Jahren ...?

Auch bei SPD sind Domains ‘in’. Von der roten SPD-Site führt der Link die Genossen zu www.wirfuerschroeder.de; wohl so ein Community-Ansatz. Ob die Impressum-Seite allerdings die Gerichtsurteile der letzten Monate überstehen würde, ist fraglich. Erst der Blick in die whois-Datenbank zeigt, wer dahinter steckt: die Domain ist auf die DeTeLine GmbH registriert. Weiter führt uns spd.de zu nicht-regierungsfaehig.de. Hier nimmt man den Wahlkampf wörtlich. Kein Mittelfeldgeplänkel, hier gibts Stürmerfouls. Flash-Filmchen lassen aus ‘Star Wars’ ‘Stoiber war’s - Angriff der Bayern Krieger’ werden. Da hebt Darth Vader den Maßkrug, und wir lernen Stoibers Frauenbild kennen. Es wird ‘abgestoibert’ über ‘@mund - the politician formerly known as Stoiber -’. Verantwortlich für den poppigen Frontalzusammenstoß zeichnet SPD Kampa 02.

Vergleichsweise ruhig kommen PDS und die Grünen daher (pds2002.de, www.gruen-wirkt.de). Beide liefern vor allem Wahl- und Grundsatzprogramme. Die Grünen versuchen es darüber hinaus mit dem Angebot, E-Cards zu versenden. Als Flaggschiff muss einmal mehr Joschka Fischer herhalten. Das Motto lautet ‘Außen Minister, innen grün’.

Welche 23 Parteien der Bundeswahlausschuss anerkannt hat, ist unter www.destatis.de/presse/deutsch/wahl2002/p2005211.htm nachzulesen. Ob uns ‘Die Spaßpartei für Deutschland - SPASSPARTEI -’ oder die ‘Alternative spirituelle Politik im neuen Zeitalter - Die Violetten’ in der Wahlkampfendphase unterhaltsame Werbespots bescheren, hängt von der Zahl der Unterschriften ab. Die Entscheidung am 26. Juli 2002 fällt zu spät für diesen Artikel.

Das Schöne an Großereignissen ist, dass man mitfiebern kann. Wer wird es denn nun? Im gepflegten Late-Night-TV bekommt Fernseh-Deutschland die Antwort schon seit Monaten: Regelmäßig verkündet Harald Schmidt die Ergebnisse von Zuschauer- und Mitarbeiterbefragung. Im März etwa hat es die CDU sogar großzügig über die 5-Prozent-Hürde geschafft: 8 Prozent. Unter schmidt.sat1.de/homepage/wahl2002/wahl2002_monate.php3 stehen die Zahlen der letzten Monate; und sogar das Anim-GIF passt mit seinem Werbe-Slogan zum Thema: ‘Wünsche entstehen, wenn wir etwas vermissen.’ Leider steht O2 nicht zur Wahl.

Seriöser geht es bei der Konrad-Adenauer-Stiftung zu. Dort gibts ein Arbeitspapier mit dem Titel //www.kas.de/db_files/dokumente/arbeitspapiere/7_dokument_dok_pdf_5_1.pdf&spec=Bundestagswahlen%202002:‘Bundestagswahlen 2002 - Kandidatenentwicklung und Personalwechsel’. Das Datum (14. 11. 2001) lässt seherische Fähigkeiten vermuten.

Ganz ohne Kristallkugel kommt die Forschungsgruppe Wahlen aus. Der dem ZDF nahe stehende Verein dürfte wohl die bekannteste Institution zur Wahlprognose in Deutschland sein. Sie vertritt Deutschland auch international in Sachen Wahlforschung.

Apropos Ausland: Was kann man über deutsche Wahlen als Externer lernen? Das Goethe-Institut Inter Nationes e.V. (http://www.inter-nationes.de/d/schulen/tlk/folie_25-f.html) lehrt uns, wie die Wahlzettel aufgebaut sind - leider nur die der letzten Wahl. Auf der Webseite für Deutschlernende derweg.org/aktuell/deutschland/bundestagswahl2002.html erfahren wir: ‘Stoiber gehört der CSU an. Diese Partei gibt es nur in Bayern. Sie ist die gleiche Partei wie die CDU, steht aber noch etwas weiter ‘rechts’.’

Doch Hand aufs Herz: Wir wollen nicht wirklich wählen oder nachdenken. Nicht, dass wir keine eigene Meinung hätten. Aber sie auch noch bilden? Wäre es nicht wundervoll, wenn uns jemand auf Basis von Fakten, Fakten, Fakten sagt, was wir wollen? Das weltweite Wunder zaubert selbst das herbei: Der ‘Wahlhelfer’ beantwortet die Frage ‘Welche Partei hat das beste Konzept?’ im Stil eines Partnertests (passt meine Partei wirklich zu mir?). Nach meiner gewissenhaften Beantwortung der ersten Multiple-Choice-Frage lieferte das ‘Submit’ der ersten Formularseite die Antwort ‘Document contains no data’. Tja, typischer Nichtwähler eben.

Das Netz wär nicht das Netz, wenn es nicht eine Gegenbewegung zu offiziellen Partei-Sites und Medienberichten gäbe. In der Open-Source-Politik treten allerorten Menschen für ihre Überzeugung ein und engagieren sich. Einer von ihnen ist Norbert. Norbert meint, dass das Genitiv-S nicht ohne Apostroph auskomme und dass engagierte Leute Wahlinfos brauchen: ‘Norbert’s Bookmarks für engagierte Leute’.

Richtig spannend wird es bei den Wahlberechtigten, die ihre Meinung ganz direkt äußern: stoiberdarfnichtkanzlerwerden.de, www.gemeinsam-gegen-stoiber.de, bleibinbayern.de und reaktionaer.de. Noch mehr Spaß bereiten die Domains im Schafspelz: waehlt-stoiber.net tritt nicht etwa für, sondern gegen Edmund S. aus M. ein. Das ist offensichtlich, wenn man verstanden hat, dass die Top-Level-Domain auf bayrisch zu verstehen ist. ‘Hier entsteht demnächst eine neue Wahlniederlage’ heißt es auf der Startseite. Weiter unten finden sich Stoiber-Witze wie: ‘Warum tut sich Stoiber so schwer im Internet? - Er mag die Links nicht.’ Nebenbei: Kennen Sie den Kanzlerkandidaten der CDU? Es ist Herr Joppich aus Hamm (Quelle: whois). Ihn hat die Nation wohl übersehen und so betont er ‘dass Edmund Stoiber nicht der richtige Kanzler für Deutschland ist’.

Die SPD verkündet auf einer ihrer Sites, dass Schröder der Sieger im Internet sei. Tatsächlich ist es kaum gelungen, private Gegen-Schröder-Sites zu finden. Aber ganz ohne Gegen-Sites kommt auch Kanzler Schröder nicht aus. schroeder-muss-weg.de ist in der Botschaft zwar eindeutig, allerdings nicht aktuell. Die Site datiert vom Juni 2000. Kann man das fehlende Engagement als Meinungsänderung werten? (ka)