Dem Sport das Wort

Fußball hat wieder angefangen, bald fahren sie wieder mit Brettern die Hänge runter, und die Golfer hauen sich transatlantisch die Bälle um die Ohren. Jedes Jahr dasselbe. Kein Kick, nichts Neues. Dabei gibt es sie, die Trendsportarten 2002.

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Torsten Beyer
Inhaltsverzeichnis

Immer die gleichen Sprüche der Sportkommentatoren. Engagierte Hobbysportler, die davon die Nase voll haben und auf der Suche nach der echten sportlichen Herausforderung, dem Neuen, sind, können sich erfolgreich ins World Wide Web flüchten. Wer dort nichts Passendes findet, ist selber schuld.

Männer sind ja bekanntermaßen Grobmotoriker - das zumindest bekommen sie von ihren zumeist weiblichen Sozialpartnern regelmäßig um die Ohren gehauen. Was also kann eine größere Herausforderung für ihn sein, als ein anständiges Männerballett. Wer im karnevalistisch entwickelten Rheinischen daheim ist, hats nicht weit zum Bonner Männerballett ‘Bonner Bonbons’ Alle andere, dank des Internets, auch nicht.

Bei den Bonner Bonbons erfährt man, zu welch hohem Maß feinmotorischer Bewegungsabläufe das starke Geschlecht in der Lage ist. Erkauft wird dies - und das kann der geneigte Leser eben dort nachlesen - durch reichlich Training, viel Disziplin und regelmäßige Auftritte vor großem Publikum. Die Bonner Herren haben offenbar eine derart hohe Begabung in ihrem Tun erlangt, dass sie sogar über einen Fanclub verfügen.

Wer mehr für kleinräumige Bewegungen zu haben ist, schaut vielleicht mal auf die Webseite der Freunde des Stormanten Skat, wo diese Skatvariante ist detailliert beschrieben ist. So kann man dort nachlesen, dass diese höchst ausgefeilte Spielart ihren Ursprung im Ruhrgebiet hat. Als Austragungsort der alljährlichen Meisterschaften dient bis zum heutigen Tage Essen. Interessant ist, dass Stormanten Skat seine Wurzeln im Rythm and Blues hat. Diese überraschende historische Neuigkeit, verbunden mit der Erklärung, warum dieser Sport ursprünglich in Mercedes-Benz-Bussen (Typ 608 D) gespielt wurde, erscheint auf der oben genannten Webseite, wenn man fleißig auf den Rechtspfeil in der Navigationsleiste klickt. Wie überhaupt die Ergonomie dieser Seite weit hinter der technischen Raffinesse von Stormanten Skat zurückbleibt.

Historisch vermutlich ähnlich verwurzelt, in der Ausführung aber noch ursprünglicher, ist die Sportart Kastenrennen. Anders als das Stormanten Skat, das in seiner Verbreitung lokal geblieben ist, hat sich das Kastenrennen in weiten Teilen der Republik eine feste Anhängerschar erkämpft. Der Sport als solcher ist simpel: Man trage eine zunächst volle Kiste Bier um einen See herum und trinke sie dabei leer. Je nach lokaler Spielart sind zwei bis drei Kombattanten zulässig. Je nach Austragungsort variiert dabei natürlich die notwendig zurückzulegende Distanz. Im Allgemeinen gilt jedoch, dass man von einem ordentlichen Kistenrennen ab einer Distanz von circa 3 km sprechen kann.

Dieser Sport stellt gleichermaßen hohe körperliche und geistige Anforderungen an den Sportler. Zum einen ist eine volle Kiste Bier (in vielen Fällen 0,5-l-Flaschen für Herren und 0,33-l-Flaschen für Damen) nicht eben leicht. Zum anderen ist eine strategische Frage zu klären: Erst Trinken und dann Rennen oder umgekehrt oder wie? Dies alles und vieles mehr erfährt der interessierte Kastenrenner von einer kleinen Gruppe von Enthusiasten, die sich einen See bei Beeskow zum festen Austragungsort erkoren haben.

Weitere Informationen und noch mehr einladende (oder abschreckende) Bilder zur bunten Ausübung dieses Sports finden sich unter www.bierkastenrenn-spartakia.de.vu. Dort erfährt man, dass Kastenrennen keineswegs nur ein reiner Männersport ist. Haben doch Dani und Palle (ja, das sind weibliche Namen) die erste Strausberger Bierkastenrenn-Spartakiade gewonnen. Auch in Fulda und in Kühnhardt wird dieser Modesportart heftig gefröhnt.

Keine Lust auf solch potentiell gesundheitsgefährdenden Sport? Kein Thema: wie wäre es angesichts der kommenden kalten Jahreszeit mit etwas Wintersportlichem? Zum Beispiel Schlittenspringen. Wer jetzt denkt, hier handelt es sich um verkannte Sepp Hannawalds, die sich - weil balancetechnisch unterbelichtet - einfach auf einen Schlitten hocken und damit die Großschanze runterdonnern, der liegt verkehrt. Der Name des Sports ist irreführend - so ähnlich wie die Sache mit den Projektleitern: Wer glaubt, dass die Projekte leiten, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Nein, nein. Beim Schlittenspringen liegt der Schlitten ortsfest auf dem Boden und man muss drüberspringen. Klingt einfach? Stimmt. Aber nur, wenn man an einen Schlitten denkt. Bei der Schneestation kann man sich darüber informieren, wieviele von den Dingern zu überspringen sind.

Das Ganze funktioniert so ein bisschen wie die Wettbewerbe zum ‘Stärksten Mann der Welt’ (Sie wissen schon, diese Wettbewerbe, die Eurosport zwischen 2:30 Uhr und 5:30 Uhr ausstrahlt, wo dicke Männer Würste halten müssen und so). Man muss so lange im Schlusssprung über einen Parcours von zehn Schlitten hin und her springen, bis man tot umfällt oder einen berührt. Wer die meisten geschafft hat, ist Sieger. Bei den letzten Arctic Winter Games hat - für Insider nicht wirklich überraschend - der Sibirier Alexander Tasmanov mit 602 Sprüngen gewonnen.

Von den arktischen Winterspielen zu den schottischen Highland Games ist es nur ein Gedankensprung. Fans des Tossing of the Caber müssen dazu nicht extra den weiten Weg nach Schottland antreten. Anfang September fand am Bucha Berg bei Parsberg die neuandorische Turney statt. Dort konnte man sich nicht nur im Baumstammwerfen mit anderen messen, sondern sich auch im Gampfball üben. Für diese Disziplin benötigen zwei Mannschaften mit je fünf Spielern zwei grosse Körbe, zwei Sappel, vier Flegel, einen Wonzling und zwei Eimer Wasser. Damit wäre wohl alles gesagt.

Ja, und dann sind da noch die, die sich mit höchst fragwürdigem Gerät steile Berge hinabstürzen. Die Rede ist von Hornschlittenfahrern. Auch wenn die südlichen Bewohner der Republik sowie unsere österreichischen und Schweizer Nachbarn wutschnaubend protestieren mögen - das sieht aus wie der reine Wahnsinn. Unter der sprechenden Adresse www.hornochsen.de kann sich das geneigte Nordlicht darüber informieren, mit welchen waghalsigen Aktionen sich unsere südlichen Brüder und Schwestern die winterliche Zeit vertreiben. Bis dahin, bleiben Sie fit! (ka)