Durchs Raster gefallen

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Von
  • Ralph HĂĽlsenbusch

Endlich wieder ein neues Schlagwort: Grid-Computing. Mancherorts missverstanden als Internet-Nachfolger (Global Grid), auf jeden Fall von gestandenen IT-Firmen als Neuigkeit gepriesen und mit Hoffnungen auf Umsätze belegt.

Dabei geht es um nicht mehr und nicht weniger als um via Internet nebst passenden Anwendungen gebündelte Rechenleistung. Ansätze hierzu gibt es seit Jahren. Nicht nur die Forscher nach fernen Welten im Seti-Projekt haben sich das Prinzip zu Nutze gemacht. Der jüngste Spross, geboren vom US-amerikanischen Militär und unterstützt von IBM, firmiert unter Patriotgrid. Er wirbt per Peer-to-Peer-Grid ähnlich wie Seti um Spenden an Rechenkapazität für die Krebs- und Pocken-Forschung.

Namen sind Programm und Patrioten geben freiwillig. Das unterscheidet solch ein globales Verbundsystem von der eigentlichen Idee. Denn hier erhält der Nutzer höchstens indirekt eine Gegenleistung, zahlt aber ebenso wenig direkt dafür. Abseits des Patriotismus sollte allen eine Warnung sein, dass die Versuche, Application Service Providing (ASP) massenwirksam zu installieren, mehr oder weniger kläglich gescheitert sind. Selbst im leidlich erfolgreichen B2B-Handel und im Outsourcing gibt es Klippen zu überwinden. Standardapplikationen - im Sinne des fürs Tagesgeschäft Üblichen - per Grid zu mieten, lohnt in der Regel kaum und birgt schwer durchschaubare Sicherheitsrisiken.

Anders stellen sich die Chancen bei spezialisierten und kostspieligen Anwendungen dar, die zudem hohe Investitionen in Rechenleistung voraussetzen. Hier können vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung erste Ansätze zu erheblichen Einsparungen führen, ohne dass gleich jemand durchs Raster fällt. Eine konkrete Lösung führt die Fraunhofer Gesellschaft auf der Cebit in Halle 11 vor; IBM und Sun haben seit Jahren Grid-Technik für Industrie und Forschung im Portfolio. Noch vor der Cebit geht das Global Grid Forum, diesmal in Tokio, in die 7. Runde. Ein internationaler Vergleich zeigt, dass die Akzeptanz in den USA und in Großbritannien deutlich höher ist als in Deutschland, was sich nicht zuletzt in den Forschungsmitteln niederschlägt (siehe Artikel "Bundesliga" auf Seite 92 des aktuellen Heftes).

Es waren schon einmal die Forschungseinrichtungen, deren lieb gewordene Gewohnheit, per drittmittelfinanzierter Infrastruktur zu kommunizieren, die Welt und ihre gesamte Wirtschaft auf den Kopf gestellt haben. Durchaus denkbar, dass man in Zukunft nicht nur seinen neuen Hit übers Netz verteilt, sondern die Angestellten weltweit in Brot und Arbeit hält, ohne dass im Betrieb ein einziger Server herumsteht. Aber dazu braucht es spezielle Software zur Regelung der Abläufe sowie vertrauenswürdige Betreiber, was wie immer dauern dürfte. Ob Grid vor Ungewünschtem zu schützen vermag, hängt vor allem von der Frage ab, wer die Fäden spinnt. (rh)