Treffsicher

Kaum hat das WWW die erste Dekade auf dem Buckel, schon wird es manchem langweilig. Mehr Zerstreuung braucht der Surfer. Hier hilft Googlewhack.

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Kersten Auel

Was wäre das Internet ohne Suchmaschinen? Endlose Weiten, in denen man sich unweigerlich verliert. Yahoo, Google, Altavista und wie sie alle heißen, helfen beim täglichen Kampf gegen die Informationsflut im Web. Jetzt hat in den USA - wie ich vor ein paar Tagen sogar schon in meiner Lokalzeitung lesen konnte - ein Programmierer per Zufall Google einer neuen Bestimmung zugeführt, die in kurzer Zeit zu weltweiter Benutzeraktivität geführt hat: dem Googlewhack.

Dabei geht es laut der gleichnamigen Website darum, die Suchmaschine zu besiegen, indem man sie mit einem Begriffspaar füttert, das genau ein Resultat liefert. Regel Nummer zwei besagt, die zwei eingegebenen Wörter sollten im Lexikon stehen. Etwas genauer nimmt es die US-Site. Unter Schnell erfährt der wissbegierige Neuling zum Beispiel, dass er gar nicht erst versuchen soll, eine gefundene Wortliste in die Hitliste, den so genannten Whack Stack, einzutragen. Das gildet nämlich nicht. Es muss schon eine richtige Website sein. Wie schnell so harte Regeln zu Frustration führen können, kann man in den dortigen FAQs nachlesen.

Dort erfährt man übrigens auch, dass die eingegebenen Begriffe bei dictionary.com bekannt sein müssen. Was gleich eine Erklärung dafür liefert, dass ich meinen ersten Treffer mit ”Hobbit“ plus ”Schreibtischlampe“ nicht in den Whack Stack (erreichbar über das Menü) eintragen durfte. Während das Dictionary für Hobbit gleich drei Erklärungen liefert - übrigens alle aus der IT-Welt, einen Auenlandbewohner sucht man dort vergeblich -, ist die Schreibtischlampe im englischen Sprachraum noch unbekannt. Die deutschen Google-Fans sind da großzügiger. Die Ranking-Liste der deutschen Site hat widerspruchslos sowohl die Hobbit/Schreibtisch-Kombination als auch ”bubblegum“ und ”hillwalking“ akzeptiert.

Jetzt wirds aber langsam interessant, mal zu schauen, wohin solche Zufallsfunde denn eigentlich führen. Die erste Kombination findet sich im Jagged Alliance Forum, und zwar jeweils in einer der Geschichten, die Mitspieler einst dort gepostet haben. Aus Nostalgiegründen haben die Betreiber dieser Computerspielfansite die Texte konserviert. Zumindest aus Googlewhacking-Gründen zu begrüßen. Das englische Gespann von Kaugummi und Wandern dagegen führt schnurgerade in das Archive des Irish Examiner.

Zwei Treffer in relativ kurzer Zeit - da kann man schnell auf den Geschmack kommen? Wie solls weitergehen? Vielleicht mit ein paar Assoziationen. Von Bubblegum ist es nicht weit bis zu ”Ökotrophologie“ und Hillwalking lässt an ”Lichtschutzfaktor“ denken. Und siehe da, es klappt. Genau ein Treffer. Aber ob eine PDF-Datei wirklich zählt? Darüber schweigt googlewhack.com (noch).

Wie langweilig, nach Harry Potter zu suchen. Immerhin ergeben ”abgründig“ + “Vollwaise“ treffergenau einen einzigen Hit - allerdings wiederum nur in PDF. Ganz anders sieht es mit der Kombination von ”Waschmittel“ und ”Scheinproblem“ aus. Wer jetzt glaubt, der eine resultierende Link verweise auf das Online-Tagebuch einer frustrierten Hausfrau, liegt völlig falsch. Vielmehr geht es um die Biologie als technische Weltmacht.

Im Bergedorfer Gesprächskreis, einem 1961 gegründeten Forum für den internationalen Meinungsaustausch, diskutieren unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundespräsidenten Dr. Richard von Weizsäcker Politiker, Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter und Publizisten über Themen wie, welcher Preis der Gesellschaft zur Rettung eines einzelnen Menschenlebens auferlegt werden darf. Oder: Soll eine Frau ihr Kind stillen oder lieber nicht?

Der Menüpunkt ”Sitemap“ (unten auf der Seite) führt zu einer nach Jahren geordneten Übersicht aller diskutierten Themen, die über den Link ”Protokolle“ nachlesbar sind. Darunter finden sich auch - zurzeit zunehmend interessanter werdende - Fragen wie die Spaltung Europas oder die islamische Revolution.

Als Nächstes sollte es eine echte Herausforderung sein: eine Kombination mit Linux. Nach diversen fruchtlosen Versuchen gelang mit ”Kohlenkeller“, ”Fensterputzmittel“ und ”fadisieren“ jeweils eine Eingrenzung auf fünf gefundene Sites. Mit ”digerieren“ wurde es richtig spannend: Zwei Sites konnten damit aufwarten. Aber immer noch kein Googlewhack. Hilfe kam in Gestalt der alten Rechtschreibung. ”Linux“ plus ”Nullösung“ ergibt exakt einen Treffer, während Google bei der Eingabe von ”Nulllösung“ auf noch immerhin 14 Sites verweist.

Seit Anfang 2001 hat es sich die Mao-Werke-Gruppe zum Ziel gesetzt, die Schriften aus dem revolutionären China in deutscher Sprache über das Internet verfügbar zu machen. In diesem Kontext steht auch der Entwurf einer sozialen Aufhebungsbewegung, in dem ”der kollektive Arbeitsprozess Linux“ im Rahmen der ”Geschenkökonomie“ diskutiert wird. Die Nullösung folgt etwas später im Text, wo es um die Einstellung der Verfahren wegen Schwarzfahren und Tarife, die gen Null tendieren, geht. Nun ja, noch besagt keine Googlewhack-Regel, dass die beiden Suchbegriffe in direktem Zusammenhang stehen müssen.

So überrascht es auch nicht weiter, dass ”Linux“ und ”Profanität“ nicht wirklich viel miteinander zu tun haben. Das Suchergebnis eines von meinen Bemühungen angesteckten Kollegen verweist auf die Fakultät 1 der TU Berlin. AGiW, das experimentelle WWW-Projekt für ”Alte Geschichte“ untersucht antike Einflüsse auf das Selbstverständnis und die Darstellung politischer Personen“. Während das Wort Profanität Bestandteil des Textes ist, findet sich Linux lediglich in der Mail-Adresse des Autors wieder.

Aller guten Dinge sind drei. Wer hätte schon gedacht, dass der dritte Linux-Googlewhack über ”Erziehungsroman“ nach ”@anarchie heute“ führt. Aber hier gilt: Nomen est omen. Denn auf der ganzen Seite ist keine Rede von Linux ...

Was passiert eigentlich, wenn man Googlewhack mit sich selbst herausfordert? Zusammen mit ”Unsinn“ ergeben sich lediglich zwei Treffer. Nicht schlecht für den Anfang. Tauscht man ”Unsinn“ mit seinem englischen Pendant ”Nonsense“ aus, findet die Suchmaschine knapp das Hundertfache. Daraus Schlüsse bezüglich der Akzeptanz des Googlewhack im deutschen und im englischen Sprachraum zu ziehen, bleibt jedem selbst überlassen. Schließlich ist es ein deutsches Synonym, das den gewünschten Erfolg bringt. ”Googlewhack“ + ”Quatsch“ liefert genau einen Treffer - und der führt auf eine holländische Seite.

Eins steht nach dieser ausgiebigen Recherche jedenfalls fest: Googlewhack ist kein hirnloses Freizeitvergnügen. Es bildet ungemein. (ka)