Zeitreisende
Wer sich im Web auf eine Besichtigungstour in Richtung herrschaftlicher Wohngebäude begibt, sollte viel Zeit mitbringen. Das Spektrum der Websites reicht von mittelalterlich über modern bis zu skurril.
- Joachim Ziebs
Für den Einstieg in die Welt der Burgen und Schlösser bietet sich eine dedizierte Suchmaschine an. Wärmstens zu empfehlen sind „Castles on the Web“ und „Castles of the Web“. Ein Einstieg sind die früher beliebten Webringe. Hier stechen der „Deutsche Burgenring“ und der „Medieval Castles Webring“ hervor. Beide existieren bereits seit Jahren, haben ein ansprechendes Design und sind vor einiger Zeit vom ehemaligen „Marktführer“ auf eigene Domains umgezogen.
Soll es nach ein paar groben Übersichten und allgemeinen Rundgängen etwas konkreter werden, führt der Weg auf Homepages, die einzelnen Befestigungsanlagen gewidmet sind. Lohnend ist die Seite zur Burg Satzvey, die eine wunderschöne Burgtour anbietet. Allen, deren Herz eher für schottische Burgen schlägt, ermöglicht der Autor dieses Artikels einen virtuellen Abstecher ins Tantallon Castle. Dieses schottische Bauwerk liegt so weit abseits der jährlichen Touristenströme, dass man dort noch in Ruhe picknicken kann.
Hält man es dagegen eher mit dem Massentourismus - auch kein Problem: Die Hauptattraktionen, Edinburgh Castle (http://www.caledoniancastles.co.uk/castles/lothian/edinburgh.htm), Stirling Castle und Urquhart Castle sind selbstverständlich ebenfalls online zu erkunden. Interessant ist, dass Urquhart Castle zum Zeitpunkt der Fotos anscheinend kaum besucht war. Das hat sich mittlerweile geändert. Schottlandurlauber sollten sich daher nicht wundern, wenn sie die Ruine im wirklichen Leben vor Besuchern kaum sehen können. Die virtuelle Heimat von Edinburgh Castle ersetzt übrigens mühelos einen Reiseführer. Ein echter Gewinn für ein zukünftiges UMTS-Netz oder einen Tablet PC mit schneller Internetanbindung. Ein Tipp noch: Das Warten auf Nessie lohnt nicht. Die ist zu sehr mit ihrer Loch Ness Times beschäftigt.
Wen es interessiert, wer sich um all die schottischen Burgen kĂĽmmert, findet die Antwort bei Historic Scotland und dem National Trust for Scotland. Englische Burgen pflegt die Organisation English Heritage.
Märchenschlösser hausgemacht
Sollte dem einen oder anderen nach diesen Ausflügen bereits der Sinn nach einer eigenen Burg stehen, kann ihm geholfen werden. Manchmal suchen schottische Wehranlagen einen neuen Burgherren, wie zuletzt Lordscairnie Castle (http://www.ananova.com/news/story/sm_771084.html?menu=news.quirkies) am 16. 4. 2003. Leider ist nicht jede Brieftasche entsprechend gefüttert, aber bei Impressions Scotland gibt es ja glücklicherweise Modelle für den Hausgebrauch. Soll es etwas größer sein und Schere und Papier schrecken nicht ab, bietet „Build a Medieval Castle“ genau das Richtige. Vollständig virtuell, dafür aber selbstentworfen, geht es bei „Build Your Own Castle!“ weiter.
Nach so viel Aufbauarbeit sollte man sich bei einem kleinen Burgpuzzle entspannen. Besser jedoch man lässt sich nicht zu lange von solch eitlen Spielen fesseln, da man nie weiß, ob der eigene Nachbar nicht gerade die Seite „Medieval Arms Race“ besucht und die Eroberung des nachbarlichen Heims plant. Des lieben Friedens willen könnte man in diesem Fall über eine Hochzeitsverbindung nachdenken. Unsere mittelalterlichen Vorfahren jedenfalls haben damit jahrelang Erfolge feiern können. Vielleicht lag es auch daran, dass sie standesgemäß auf Burgen und Schlössen heiraten konnten. Dank „Highland Wedding Belles“ und „Scottish Borders Wedding Consultants“ ist das auch dieser Tage kein Problem mehr. Allerdings sei angemerkt, dass ein ausreichendes finanzielles Polster zur Verfügung stehen sollte. Wer es günstiger möchte, kann die Planung selbst übernehmen und bei Historic Scotland eine Burg buchen. In diesem Fall muss sich das Brautpaar allerdings selbst um den notwendigen Priester kümmern.
Romantikern, die es bedauern, dass die Monarchie in einigen Teilen dieser Welt abgeschafft wurde, kommen im Web ebenfalls auf ihre Kosten und können selbst beim König vorsprechen. Die Mitglieder des europäischen Zweiges der „Society for Creative Anachronism“ verweisen mit Stolz auf ihr Königspaar. Wer es etwas weniger feudal bevorzugt, mag mit einem mittelalterlichen Markt vorlieb nehmen. Auf einem solchen kann man sich ebenfalls trauen lassen, so man es sich denn zutraut.
Standorte der Traumfabrik
Fans des Films Braveheart wissen, seine Drehorte liegen in Schottland und Irland. Dass in Schottland auch diverse Filme anderen Genres entstanden sind, ist vielleicht nicht so bekannt. Glücklicherweise gibt „Scotland the Movie Location Guide“ einen umfassenden Überblick über die schottischen Drehorte - von alten Klassikern à la 2001 - Odyssee im Weltraum bis zu neuen Filmen wie Harry Potter. Dass sich der Webmaster die Mühe gemacht hat, seinen Katalog nach Filmen, Fernsehserien und Orten zu sortieren, verführt geradezu zu einer Runde „Welcher dieser Filme wurde nicht auf Eilean Donan Castle gedreht?“
Das britische Fremdenverkehrsamt hatte übrigens eine ähnliche Idee. Allerdings beschränkte man sich im Zuge der Entdeckung des indischen Films auf Produktionen aus Bollywood. Die Bollywood Moviemap bietet eine wahrhaft grandiose Liste der britischen Burgen, Häuser und Landschaften, die in den Genuss kamen, nicht nur Hollywood-Produktionen zu schmücken.
Ein Artikel über Burgen im Internet darf natürlich die zwei bekanntesten Vertreter nicht unerwähnt lassen. Sowohl Schloss Neuschwanstein als auch „Cinderella’s Castle in the Magic Kingdom“ aus den bekannten Vergnügungsparks mit der Maus sind virtuell zu besuchen.
Schließlich noch der Hinweis, dass sich zu Burgen auch wissenschaftliche Untersuchungen im Internet finden lassen. Als Beispiel mag die Site „Höfische Burgen“ genügen, die eine kurze Untersuchung über den Burgenbau in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentiert. (ka)