Mensch Maschine

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Von
  • Ralph HĂĽlsenbusch

Sommerzeit ist Urlaubszeit und eine gute Gelegenheit zu ausgiebigen Probefahrten, bei denen sich die eine oder andere technische Neuerung in Ruhe unter die Lupe nehmen lässt. So man im Stau steht, bietet es sich förmlich an, das zum neuen Palladium Pd46 gehörige Handbuch aus der Dokumentationsabteilung eines namhaften US-amerikanischen Konzerns zu studieren.

Im Kapitel über „Personal Car Features“ steht am Ende etwas über das im Command Center integrierte Trusted Car Module (TCM) - davon hatte der Händler nichts erzählt; nicht einmal in der Werbung taucht dazu irgendetwas auf. Ein paar Zeilen informieren den mutmaßlichen Neubesitzer darüber, wie er per Auswahlmenü des Bordcomputers über einen winzigen Knopf unterhalb des Schalthebels für die Scheibenwischer das TCM aktiviert.

Nach einigem Hin und Her, begleitet von gelegentlichem Gemecker der Software, ist es geschafft. Über fummelige Auswahllisten einen zehnstelligen Code zusammengestellt, per Druck auf den Fingersensor der Zentralverriegelungsfernbedienung bestätigt, und schon ist alles auf der sicheren Seite.

Nachdem sich der Stau endlich aufgelöst hat, ist bei freier Fahrt nichts von irgendwelchen Veränderungen zu bemerken - bis das Navigationssystem eingreift und eine Route um einen Bezirk herum legt, der auf dem Display als „restricted area“ gekennzeichnet ist. Ansonsten lässt sich der Wagen anstandlos fahren. Beim Verlassen des Fahrzeugs verschließt es sich gehorsam und aktiviert automatisch die Alarmanlage. Nach der Rückkehr aus einer kleinen Pause gewährt es ohne weiteres den Zugang - nur beim Heranfahren an die Tanksäule geschieht Bemerkenswertes: Der Tankverschluss lässt sich nicht öffnen, und im Display blinkt ein rot markiertes Tanksäulensymbol zusammen mit dem Kürzel UCFD. Das Handbuch verräts: „uncertified fuel distributor“ mit dem Hinweis, der Hersteller bestehe auf Markenkraftstoffe. Die zur Nervenberuhigung eingelegte selbst zusammengestellte CD mit klassischen Songs à la „driver seat“ spuckt der Player gleich wieder aus. Erst als die in den Rücksitzen integrierten LCD-Fernseher unter Protesten meiner Kinder ständig auf CNN wechseln wollen, reicht es uns.

Nun also rechts ran und per Bordcomputer das TCM wieder abschalten. Im entsprechenden Menüpunkt angekommen, sieht man sich mit der Tatsache konfrontiert, dass sich das Modul nur vom autorisierten Händler deaktivieren lässt. Meiner jedenfalls war hocherfreut, als er uns und den Vorführwagen mit einem Auflieger abholen durfte. Vom TCM hatte er, obwohl Vertragshändler, in diesem Zusammenhang jedenfalls noch nie etwas gehört.

Im Internet - man möchte ja helfen - fand sich nach langer Suche ein Hinweis auf eine R&D-Site mit ladbaren Treibern für ein PCM (Personal Car Modul), mit dem sich auf CD gebrannt per Autoradio-Bordcomputer-Kombination das Fahrzeug in einen weniger vertrauenswürdigen Zustand zurückversetzen ließ, leider ohne irgendwelche Dokumentation. Aber es hat geklappt.

Am nächsten Morgen füllt ein fetter Briefumschlag den heimatlichen Briefkasten. Er enthält einen langatmigen Fragebogen mit reizvollen Gewinnaussichten nebst eindringlichen Ratschlägen über den Umgang mit Lizenzen.

Gekauft habe ich den Wagen jedenfalls nicht. Nichts gegen ein persönliches Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, so lange man selbst die Sache in der Hand behält. Aber derart in Hardware gegossenen Personalisierung geht mir dann doch zu weit, gleichgültig in welchem Gerät. Offensichtlich haben einige Hersteller da eine andere Sichtweise und verbauen inzwischen mehr oder weniger stillschweigend Trusted Platform Modules in ihren Rechnern. Wer wissen möchte, was diese Käferchen nun wirklich anrichten können, hat es schwer, denn im Handbuch steht nichts davon - aber unter „Vertrauensfragen“ auf Seite 20. (rh)