Zeitlose
- Ralph Hülsenbusch
Es gibt Mythen, Visionen und Illusionen. Mythen haben eine kulturelle und soziale Funktion: Man erzählt sie weiter, gehört dazu und transportiert versteckt ein Stückchen Wahrheit. Daraus entstehen Visionen, in denen zumindest ein Körnchen möglicher Wahrheit schlummert - der Rest ist zum Darauf-Hereinfallen.
So gehört die Sache mit dem papierlosen Büro längst zu den Mythen. Doch mit der nach wie vor wogenden Papierflut kann man leben und andere davon leben lassen. Aber da wären auch noch Visionen, die sich eher Abstraktem und doch Lebensbestimmendem zugewendet haben: Zeit sparen, mehr Freizeit, mehr Zeit für ... dank pervasive, alles durchdringendem Computing.
Doch wenn man morgens in den Briefkasten schaut, mit einem kurzen Blick am verstaubten Fax vorbeigeht, die seltenen Anrufe vom AB abhört und dann leicht genervt dem Geräusch neu hereinflutender E-Mails am Computer lauscht, dürfte man nach zig Wiederholungen spüren, wie real sich ein Mythos ins Gegenteil verkehren kann. Wer jemals mehr Zeit mit dem Durchsehen der papiernen Tagespost zugebracht hat als heute mit dem Ausmisten seiner Inbox, möge sich melden - für einen Ehrenplatz in der Hall Of No Flames.
Inzwischen hat das elektronische Nachrichtensystem eine nachhaltige wirtschaftliche Bedeutung, eine Rückkehr zum Papier ist wegen mangelnder Direktheit und Geschwindigkeit keine reale Alternative. Schnell ertönt der Ruf nach neuen Regeln, bevorzugt der nach „Zahlen!“. Sicherlich könnte eine Aufteilung in ein kostenpflichtiges Mailsystem und ein freies, nach wie vor chaotisches die tägliche Durchsicht für die im Job verkürzen. Doch wenn die Firmen jede E-Mail mit einer kostenpflichtigen virtuellen Marke versehen müssten, könnte die Kostenersparnis durch dieses Medium schnell dahin sein.
Da aber volle Postkästen durch wirtschaftliche Interessen entstehen, dürfte binnen Kürze selbst die Flut abgestempelter kostenpflichtiger elektronischer Post wieder ansteigen, denn die Investition lohnt sich mehr denn je: Sie trifft dann besser ins Ziel. Das Phänomen ist aus Zeiten der handausgetragenen Post bekannt.
Die diskutierte Alternative, den Rechner vor dem Versenden einer E-Mail zu einer Pflichtrechenaufgabe zu vergattern, könnte die Massenversendung von Spam ausbremsen - aber wie lange angesichts der ständig wachsenden Rechenleistung?
Nutzen ließe sich andererseits ein eigentlich nicht vorhandener technischer Unterschied zur Schneckenpost: autorisierte E-Mail - niemand kann mehr etwas anonym verschicken. Eine mögliche technische Realisierung dieses Verfahrens beschreibt ein Internet-Draft vom August dieses Jahres (www.ietf.org/internet-drafts/draft-weinman-amtp-00.txt), sicher sind auch andere Verfahren denkbar.
Alles andere gehört auf frei wählbare News-Bretter. Da kann es dann auch gerne geben „Ich suche Dich“ - wenn ich mal Zeit habe, da nachzuschauen. Vielleicht finde ich ein Stückchen Wahrheit.
So hart es ist: Es bedarf einer Abwägung zwischen dem täglichen Zeit- sowie Kostenaufwand und der Chance des freien Kontakts zur Gesamtheit aller Informationswütigen; sprich: der Trennung zwischen Zertifizierten und „Freien“. Eine Ahnung der möglichen Konsequenzen vermittelt ein Blick auf die Unterschiede zwischen Newsnet und geschlossenen Mailing-Gruppen, einen tieferen Einblick der Beitrag „Das wahre Gesicht von Spam“ (mit Foto) unserer jüngsten Schwesterzeitschrift Technology Review (www.technologyreview.de). (rh)