Vom Würfel zur Maus
Gelegenheitsstrategen und -händler begnügen sich mit kostenlosen und browser-basierten MMOGs, Massive Multiplayer Online Games. Den ambitionierten Rollenspieler treibt es in komplexere virtuelle Welten.
- Alexander Riemer
Der Spieltrieb ist im Menschen fest verwurzelt. Mussten Väter früherer Generationen zu dessen Befriedigung noch auf das Bauen von Fallerhäuschen für die Modelleisenbahn ausweichen, bietet das digitale Zeitalter mittlerweile ganz andere Möglichkeiten. Mit welcher Begeisterung iX-Leser sich online spielerisch die Zeit vertreiben, zeigen die vielen Ergänzungen zum Beitrag „Diskrete Spielchen“ aus dem letzten Herbst.
Heute geht es daher einen Schritt weiter. Thema sind Rollenspiele - allerdings nicht die klassische Variante, wie sie beispielsweise bei Fantasy Productions zu haben ist. Nicht nur, dass dort statt des PC Würfel, Stift und Papier zum Einsatz kommen. Vielmehr endet ein solcher Spieleabend im Freundeskreis zudem häufig nach mehreren Stunden Charaktererstellung und noch mehr Stunden Basis-Regelwerkeinführung in einer Diskussion über letztere. Wer beide Varianten des Rollenspiels kennt, weiß, dass man online schneller zum Zuge kommt.
Strategiespiele gibt es im Web zuhauf und meist umsonst. Sei es das ansehnliche Destiny Sphere, das mit einer ansprechenden Flash-Oberfläche lockt, oder das komplexe BattleBase. Einige Minuten täglich investiert - und das virtuelle Imperium wächst. Einzig die Rollenspieler bleiben meist auf der Strecke, wenn es um gemeinsames Online-Vergnügen geht.
Aus dieser Not wurden sogenannte „Massive Multiplayer Online Roleplaying Games“, kurz MMORPG, geboren. In den umfangreichen 3D-Welten kommunizieren, handeln, kämpfen und interagieren auf fast jede denkbare Art und Weise mehrere tausend virtuelle Charaktere. Das Angebot an MMORPGs wächst stetig. Dazu finden sich eine übersichtliche Liste der aktuellen Titel mit User-Rating und News. Wer gern an einer Online-Studie zum Thema MMORPG mitwirken möchte, ist bei Nicholas Yee herzlich willkommen.
Persönliche Erfahrungen habe ich mit „Eve Online“ und „Star Wars Galaxies“ gesammelt, daher dienen diese Titel im Folgenden verstärkt als Beispiele. Beide sind im Science-Fiction-Bereich angesiedelt, stellen aber zwei völlig unterschiedliche Konzepte vor.
Bewegen sich die Spieler bei Eve Online nur im interstellaren Raum zwischen diversen Raumstationen, so sind sie bei Star Wars Galaxies an die aus der Saga bekannten Planeten wie Tatooine, Corellia und Dathomir gebunden. Während mir mein Spielspaß bei Eve Online aufgrund der Eintönigkeit nach einem Monat vollends abhanden gekommen war, wächst er bei Star Wars Galaxies nach wie vor. Der sichere Tod für diese Spiele ist der Teilnehmerschwund. Es empfiehlt sich daher, auf der Website des Herstellers beziehungsweise Herausgebers nachzusehen, wie viele Spieler aktiv sind, bevor man sich für die Anschaffung eines Spiels entscheidet. Einige tausend Spieler sollten schon dabei sein, um bei den aktuellen Dimensionen der Spielwelten nicht ständig allein unterwegs zu sein. Auch ein Blick auf das User-Rating verrät schnell, wie die Mehrheit der Spieler einen Titel bewertet.
Den Spielspaß, den diese Titel liefern können, muss man im Gegensatz zu den meist kostenlosen browserbasierten Spielen bezahlen, und das nicht zu knapp: Je nach Spiel schlägt die Anschaffung mit 20 bis 45 Euro zu Buche. Ein Blick auf gebrauchte Artikel kann hier lohnen. Zum Erfolg führen oft schon Suchen nach dem Spieltitel bei den üblichen Anbietern wie Amazon oder Ebay.
Natürlich lassen sich die Vorzüge und Ansehnlichkeiten eines umfangreichen MMORPG nur genießen, wenn die richtige Hardware im PC steckt. Wer sich nicht in einem interaktiven Ruckelkino wiederfinden will, sollte den genannten Hardwareanforderungen nachkommen - und zwar tunlichst nicht den minimalen, sondern den empfohlenen Systemvoraussetzungen.
Auf ins digitale Getümmel
Hat man Anschaffung, Installation (Achtung, Kaffeepause: diverse Titel veranschlagen bis zu zwei Gigabyte Plattenplatz) und Registrierung endlich hinter sich gebracht, findet man sich schließlich vor dem Start-Screen wieder. Der Einstieg in das digitale Spiel steht zwar seinem analogen Papier-und-Stift-Pendant in Sachen Zeitaufwand in nichts nach, kommt dafür aber dem Visualisierungsbedürfnis des echten Computer-Freaks entgegen. Viele Titel blenden gleich bei der Charaktergenerierung ein Abbild oder 3D-Modell ein, das sich in manchen Fällen sogar direkt via Morphing-Technik bearbeiten lässt. Ist der digitale Freund, der den Spieler später in der virtuellen Welt vertritt, schließlich mithilfe eines Attribut- und Fertigkeitensystems mit physikalischer Stärke, mentalen Kräfte und mehr oder weniger Magieresistenz ausgerüstet und zudem mit einer selbstverfassten Biografie ausgestattet, kanns losgehen.
Nun zeigt sich auch der Grund für die hohen Hardwareanforderungen: Kreativ gestaltete und durch Animationen belebte 3D-Welten wecken im Spieler den Erkundungsdrang.
Generell steht jedem offen, ob er seine Abenteuer allein oder in Gesellschaft bestreiten will. Aufgaben, die nicht von Spielern besetzt werden, übernehmen NPCs (Non Player Character). Tendenziell ist es Ziel der MMORPG-Entwickler, den Einsatz von NPCs zu vermeiden und Teilnehmer in möglichst vielerlei Hinsicht zu integrieren und zu einem Miteinander zu bewegen. In so genannten Player Associations finden sich Spieler zusammen, die gemeinsamen Interessen nachgehen. Diese PAs unterhalten meist eigene Websites. Ein umfangreiches Beispiel ist die „Brotherhood of Law“, als dessen Mitglied mir ein wenig Werbung gestattet sei: Die Site bietet eine hervorragende Link-Sammlung zum Thema Star Wars Galaxies.
Star Wars Galaxies sind übrigens ein gutes Beispiel für die Spielerintegration. Hier existieren selbstständige, von Spielern geschaffene und von Spielerbürgermeistern verwaltete Städte. Die Gebäude konstruiert und verkauft ein Spielerarchitekt und sogar der örtliche Doktor ist ein Spielercharakter. Wer sich häuslich niederlässt, zahlt Steuern und finanziert die ebenfalls von Spielern gesteuerte örtliche Miliz und den angemieteten Shuttleport des Nahverkehrsbetreibers.
Je nach Belieben kann man die Fertigkeiten seines eigenen virtuellen Charakters weiterentwickeln oder in die weite Welt ziehen, um Abenteuer zu bestehen. Diese Quests hängen von der Spielthematik ab und haben oft einen engen Bezug zur Kerngeschichte. Teilweise kann ein Teilnehmer aktiv den Lauf der virtuellen Geschichte beeinflussen und somit Faktoren ändern, die sich auf andere auswirken können. Auch hier zeigt sich, dass ein Miteinander meist schneller zum Ziel führt als der Alleingang. Erscheint eine Aufgabe allein unlösbar, so entpuppt sie sich für ein Zehnerteam meist als relativ einfach - unabhängig davon, ob vereinte Muskelkraft oder gemeinsames Brainstorming zum Ziel führt.
Irgendwann hat vielleicht sogar der enthusiastischte Streiter genug von Räubern, Monstern und Magiern. Statt seinen mühsam entwickelten Charakter jetzt einzumotten, kann er ihn auch bei Ebay versteigern. Die Ablösesummen kommen zwar nicht an die für Profifußballer gebotenen heran, aber ein wahrer Held bringt schon mal einen vierstelligen Betrag ein.
Bleibt zu hoffen, dass das während des Spiels oft zitierte RL, das Real Life, nicht irgendwann obsolet wird. (ka)