Klopf auf Holz

Nach dem Hissen der Pinguinfahne in vielen Rechenzentren knabbert das freie Betriebssystem zusehends die buntgefleckten Microsoft-Fahnen bei den Unternehmensdesktops an. iX hat nachgeschaut, was sich derzeit in der Liga der Linux-Distributionen für den Enterprise-Desktop tut, was deren Konzepte sind und inwieweit die Erleichterung des Firmengeldsäckels eine Arbeitserleichterung für Anwender und Administratoren bringt.

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Von
  • Dirk Wetter

Dass Linux auf Firmenschreibtischen immer mehr Boden gewinnt, riefen einige Großprojekte der jüngsten Vergangenheit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Das Städtchen Schwäbisch Hall hat seine circa 400 PCs, darunter viele Desktops, aus Kosten- und Sicherheitsgründen auf Linux erfolgreich umgestellt. Die Stadtverwaltung München soll 14 000 Linux-Desktops bekommen, Rom migriert nach Linux. Paris, Amsterdam und Wien - die letzteren beiden haben je 15 000 Büro-PCs - sind in einer Testphase beziehungsweise stehen kurz vor einer Entscheidung. Darüber hinaus gibt es ein Vielzahl kleinerer Projekte von Freiberuflern und Open-Source-Organisationen sowie größere, die nicht in der Tagespresse, wohl aber in Fachmagazinen Erwähnung fanden; beispielsweise die Migration von 3000 Firmendesktops der Debeka.

Allerdings zeigen jüngste Meldungen aus der Bajuwarenhauptstadt, dass weder das Thema Unternehmens-Desktop generell noch Umstellungen in solchen Größenordnungen ein Kinderspiel, sondern eher komplexer Natur sind: Eine Reihe technischer wie auch menschlicher Faktoren spielen eine gewichtige Rolle. Technisch gesehen stellt sich zunächst einmal die Gretchenfrage der (Büro-)Applikationen und deren Verfügbarkeit unter Linux. Microsoft hat im Office-Bereich mit seinen Produkten einen Quasistandard geschaffen. Darüber hinaus haben - zwar immer weniger - Softwarehersteller Windows zum Default-Betriebssystem gekürt, weil sie ihre Software nur hierfür entwickeln. Vergleichbare Text- und Präsentationsanwendungen sind unter Linux zwar technisch herangereift, jedoch gibt es beim Dokumentenaustausch immer noch Inkompatibilitäten. Das Thema Groupware sowie eine Reihe weiterer Anwendungen für den Büroalltag fällt ebenso in die Gretchenfrage-Kategorie. Auf dem Hardwaresektor stellt die sich ständig weiter entwicklende PC-Hardware einen Stolperstein für Linux-basierte Büros dar. Manche Treiber hinken gerade auf dem Desktop der Hardwareentwicklung hinterher. Auch erleichtert ein Zoo verschiedener Desktophardware unter Linux die Systemadministration nicht.

Aber es gibt Licht in der Linux-basierten Bürowelt: Generell ist das Systemmanagement zwar bei zentralen Servern im Datacenter einfacher als bei dezentralen Desktoparbeitsplätzen, jedoch haben Unices auch hier gute Voraussetzungen. Die Zeiten da der Administrator in größeren Büroinstallationen - gleich welcher Betriebssystem-Couleur - von Schreibtisch zu Schreibtisch läuft, um Software oder Updates einzuspielen oder Dateien zu ändern, sind fast überall vorbei. Systemmanagementkonzepte sollten mittels automatisierter Installation, Konfigurations- und Softwaremanagement helfen.

Ein weiteres zu lösendes Problem für „Thick-Client“-Betriebssysteme ist die Frage nach der Lokalität der Benutzerdaten: Halte ich diese lokal vor oder zentral via Netzdateisystemen wie NFS, CIFS oder gar AFS. Die Backup-Strategie (de-/zentral, File- versus Volume-basiert) ergibt sich aus der Beantwortung dieser Frage.

Abgesehen von den technischen Punkten ist da noch der Faktor Mensch: Bei einer Migration muss man Benutzer wie Administratoren schulen und an die neue Arbeitsumgebung gewöhnen. Die Überwindung persönlicher Antipathien gegen die neue (Betriebssystem-)Software („früher ging das alles einfacher“, „ich will mein Mittagspausenspiel wieder haben“) und die Frage der Hoheit über den Desktoparbeitsplatz („ich möchte Software ABZ installieren und brauche das Root-Passwort“, worauf der Anwender sein System zerschießt) machen derlei Umstellungen nicht einfacher, wie der Autor feststellen musste. Menschliche „Bauchgefühle“ spielen auch in der Entscheidungsebene eine Rolle, sodass die Vorgabe „Pro“ oder „Kontra“ Open Source schnell zum Politikum werden kann.

Nüchtern betrachtet bleibt unter dem Strich bei einem Migrations-Projekt nur eins: Der Faktor Geld, abgeschätzt mit dem Schlagwort TCO, Total Cost of Ownership. Das ist die Summe an materiellen wie nicht materiellen Ausgaben, sprich Hard-/Software, Maintenance, Support, Training, Projekt-Management über einen definierten Zeitraum.

Zu den technischen Punkten gilt es also für Linux-Distributoren, die den Unternehmensdesktop im Fadenkreuz haben, Stellung zu beziehen und Konzepte anzubieten, die das Geldsäckel der Firma nicht nur bei der Anschaffung schont. Verfolgt man die Presseankündigungen, scheint Letzteres in jüngster Vergangenheit zumindest in das Bewusstsein der Distributoren gelangt zu sein. Man darf gespannt sein, wie die Testkandidaten in den einzelnen Disziplinen des vorliegenden iX-Mehrkampfs abschneiden.

In den Startlöchern für diesen Artikel stehen fünf Produkte: Suses Linux Desktop 1 (SLD), ein auf dem Suse Linux Enterprise Server (SLES) basierender Spross, Red Hats Professional Workstation, die von der aktuellen Unternehmensserverversion, dem Enterprise Linux 3 (RHEL) abstammt, Xandros Desktop OS 2 in der Business Edition, entstanden als Nachfolger von Corel Linux, Suns Java Desktop, Release 1 (SJD) sowie Ximians Desktop 2 (XD2).

Den vollständigen Artikel mit einem ausführlichen Test der genannten Produkte sowie einem ersten Blick auf den Natural Computings Natural Desktop finden Sie in der aktuellen Printausgabe. (avr)