Die Zukunft von .Net

Der aktuelle Windows-Server, aber auch das geplante Longhorn-Projekt hängen zwar irgendwie mit .Net zusammen, doch ist dieser Begriff zunehmend unscharf geworden. iX unterhielt sich mit John Montgomery, Director of Product Management for the Microsoft Developer Platform, über Microsofts .Net-Strategie.

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Von
  • Dr. Holger Schwichtenberg

iX: Vorab eine einfache Frage: Was ist .Net? In der Vergangenheit hatten wir ein Betriebssystem und zahlreiche Serverprodukte mit .Net im Namen. Ist der Begriff .Net nun auf das Framework konsolidiert?

John Montgomery: Auf das .Net Framework allein darf man .Net nicht reduzieren. .Net umfasst alle Produkte und Technologien, die Managed Code nutzen und Web Services zur Konnektivität nutzen. Diese Produkte tragen unser .Net Connected Logo.

iX: Aber der Windows Server 2003 hat doch ein solches Logo, obwohl er weder Managed Code noch Web Services nutzt.

J. M.: Eine Ausnahme haben wir definiert fĂĽr solche Produkte, die wir als Plattform-Produkte fĂĽr andere .Net-Produkte verstehen.

iX: Gemäß vertraglicher Vereinbarungen zwischen Sun und Microsoft musste Microsoft zum 31. Dezember 2003 die Verbreitung und im kommenden September auch den Support für die Microsofts Java Virtual Machine einstellen. Ist das das Ende des Themas Java für Microsoft?

J. M.: Wir bieten unseren Kunden zurzeit intensive Hilfe fĂĽr die Migration von der MSJVM auf .Net an. HierfĂĽr stehen im Rahmen unserer .Net-Initiative die Sprache J# und der Java Language Conversion Assistant zur VerfĂĽgung.

iX: Das sind aber Werkzeuge, die Kunden von Java in die .Net-Welt helfen sollen. J# kann aber nur MSIL erzeugen. Was ist mit Java-Bytecode?

J. M.: Aus einer Vielzahl von Gründen ist es höchst unwahrscheinlich, dass wir J# zu einem Cross-Plattform-Werkzeug ausbauen werden.

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Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir J# zu einem Cross-Plattform-Werkzeug ausbauen.

iX: Warum sollten Entwickler denn .Net statt Java einsetzen?

J. M.: Zum Ersten bietet .Net eine sehr hohe Produktivität. Das haben schon zahlreiche Projekte im direkten Vergleich bewiesen. Dann sind wir sowohl hinsichtlich Performance als auch beim Performanz/Kosten-Verhältnis auf vergleichbarer Hardware voraus. Schauen Sie sich die .Net Pet Shop vs. Java Pet Store-Studien im Web an. Als Viertes möchte ich Skalierbarkeit nennen: .Net-Entwickler können ihre Kenntnisse sofort einsetzen, um PocketPC- und SmartPhone-Anwendungen zu entwickeln. Und Fünftens ist .Net besser im Bereich Webservices. Bislang reicht da nur IBMs Websphere an uns heran.

iX: Plattformunabhängigkeit bedeutet bei Microsoft bisher nur die Verfügbarkeit auf verschiedenen Microsoft-Betriebssystemen. Wie steht Microsoft zum Mono-Projekt?

J. M.: Wir denken, dass Mono ein interessantes Projekt ist. Es wird aber nicht von Microsoft unterstützt. Es gibt für uns keine Geschäftsgrundlage für die Unterstützung anderer Plattformen.

iX: Was aber sagen Sie Kunden, die Wert auf echte Plattformunabhängigkeit legen?

J. M.: Wir wĂĽrden unseren Kunden keine Empfehlung aussprechen, Mono zu nutzen. Sie sollen es versuchen und selbst Erfahrungen machen.

iX: Und wie sehen Sie die Arbeit des Mono-Teams aus rechtlichen Gesichtspunkten?

J. M.: Ich habe gelernt, mich besser nicht zu rechtlichen Fragen zu äußern.

iX: Einige Teile von .Net sind bei ECMA und ISO standardisiert. Warum aber fehlen im Standard essenzielle Bausteine wie ADO.Net, ASP.Net und Windows Forms sowie die Sprache VB.Net?

J. M.: Wir haben mit unseren Partnern in den Gremien ausfĂĽhrlichen diskutiert. Microsoft wollte eine schnelle Standardisierung. Wir arbeiten weiterhin mit diesen Gremien und schlieĂźen weitere Standardisierungen nicht aus.

iX: Kommen wir zu internen Standards bei Microsoft. Warum ist die Entwicklerdokumentation zu uneinheitlich?

J. M.: In unserer Dokumentation treffen zurzeit drei Welten aufeinander: Die Win32-API, COM und .Net. Wir haben im Bereich .Net viel Arbeit in die Vereinheitlichung der Dokumentation gesteckt. Wir werden aber nicht hergehen und alte Dokumentationen nochmals ĂĽberarbeiten.

iX: Was sind die zentralen Ziele, die Microsoft mit dem kommenden .Net 2.0 (Codename Whidbey) verfolgt?

J. M.: Wir werden die Produktivität der Entwickler steigern. Im Bereich Verbreitung und Installation bieten wir mit Click Once Deployment ein neues Verfahren für Windows-Forms-Anwendungen an. Zum Dritten enthält die neue Version eine Menge von Innovationen im Bereich der Sprachen, zum Beispiel Generics und Edit/Continue beim Debuggen.

iX: Auch in der kommenden Version gibt es noch erhebliche Unterschiede in der Art der IDE-UnterstĂĽtzung fĂĽr VB- und C#-Entwickler. Warum?

J. M.: Jede Sprache hat eine spezifische Kundengruppe. Während C#-Entwickler sehr codeorientiert sind, haben sich VB.Net-Entwickler sehr auf Drag&Drop-Funktionen fokussiert. Wir haben Tests gemacht, die belegen, dass die ein beziehungsweise andere Gruppe manche Funktion der anderen Seite einfach lieber nicht haben möchte.

iX: Ein Bereich, in dem Microsoft immer noch weit hinter der Konkurrenz bleibt, ist der Bereich Modellierungswerkzeuge. Was können Entwickler hier in Whidbey erwarten?

J. M.: Das nächste Visual Studio .Net wird ein Modellierungswerkzeug enthalten, das wir Whitehorse nennen. Whitehorse umfasst die Modellierung von Klassen, Web-Service-Anwendungen sowie Infrastrukturanforderungen. Whitehorse ist komplett codebasiert, das heißt die Diagramme werden als Code abgelegt, und der Code ist direkt wieder die Basis für die Diagramme. Round-Trip-Engineering wird unterstützt. Es gibt damit keine unterschiedliche Datenbasis mehr, die abzugleichen ist.

iX: Aber Whitehorse ist kein UML ...

J. M.: ... UML ist weit weniger interessant als viele Leute meinen. Wichtig ist die Architektur, UML ist einfach nur eine Technologie und bei weitem nicht der einzige Weg zum Modellieren. Wir haben Partner, die in Sachen UML-Integration in Visual Studio .Net hervorragende Leistungen erbringen.

iX: Ihre Kunden zahlen aber im Moment fĂĽr ein Modellierungswerkzeug mit Namen Visio im Rahmen der Visual Studio .Net Enterprise Edition, das kein Roundtrip Engineering unterstĂĽtzt. Werden Sie Visio nicht weiterentwickeln?

J. M.: Viele Modellierungswerkzeuge am Markt beherrschen kein wirksames Round-Trip-Engineering. Das ist eine extrem schwierige Aufgabe. Mehr möchte ich zu unseren Modellierungswerkzeugen nicht sagen.

iX: Schauen wir noch etwas weiter in die Zukunft. Ist die in Longhorn enthaltene API WinFX die kommende Version von .Net?

J. M.: WinFX ist eine vollständige Obermenge von .Net 2.0. Der Unterschied besteht darin, dass WinFX nur auf Longhorn zur Verfügung stehen wird, während .Net auf zahlreichen Windows-Versionen lauffähig ist und bleiben wird. Wir werden .Net unabhängig von WinFX für andere Windows-Versionen weiterentwickeln.

iX: Wenn WinFX-basierte Anwendungen nur auf Longhorn laufen, wie wollen Sie Ihre Kunden davon ĂĽberzeugen, eine Software zu entwickeln, die ein Betriebssystem-Upgrade zwingend erfordert?

J. M.: Der Schritt von Windows XP zu Longhorn ist ebenso bemerkenswert wie der Schritt zu Windows 95. Mit Longhorn werden wir die Technologieentwicklung ein erhebliches Stück vorantreiben. Longhorn enthält zahlreiche Funktionen, die die Entwicklung extrem attraktiv macht. Für die Softwareentwickler werden wir dafür eine neue Version von Visual Studio .Net anbieten, die bei uns den Codenamen Orcas trägt. Zu Orcas kann man aber noch nicht mehr sagen, als dass es alle Longhorn-Funktionen unterstützen wird.

iX: Das Avalon-Framework in Longhorn basiert auf der Definition der Benutzerschnittstelle in XAML, einer XML-Sprache. Die Syntax unterscheidet sich aber fundamental von der ebenfalls XML-basierten Definition von ASP.Net-Webanwendungen. Hat Microsoft hier nicht die Chance verpasst, eine gemeinsam Steuerelementsatz zu schaffen und damit die Wiederverwendbarkeit von Benutzerschnittstellen zwischen Windows und Web zu ermöglichen?

J. M.: Das, was Sie da fordern, ist nicht trivial. Abseits von einigen einfachen Aufgaben liegt da eine sehr verschiedene Architektur vor. XAML ist der nächste Schritt. Microsoft beschäftigt sich sehr intensiv mit der Wiederverwendbarkeit von Benutzerschnittstellen. Es ist nicht auszuschließen, dass wir in Zukunft von einer abstrakteren Form der Benutzerschnittstellenbeschreibung ausgehen, um Windows- und Webanwendungen zu entwickeln.

iX: Ăśberhaupt nicht nachvollziehen kann ich den Hype um ihre neue Kommunikationsinfrastruktur Indigo. Das ist doch nur die Zusammenfassung respektive Redefinition von .Net Remoting, ASP.Net Web Services, .Net Enterprise Services, MSMQ und den Web Service Enhancements.

J. M.: Indigo ist mehr als die Zusammenfassung dieser Produkte. Indigo wird aber das alles viel einfacher machen. Anders als bisher wird es einen nahtlosen Ăśbergang zwischen In-Process- und Out-Process-Kommunikation geben. Der Unterschied zwischen Remoting und Web Services wird verschwinden. Indigo wird eine umfassende UnterstĂĽtzung fĂĽr serviceorientierte Architekturen bieten. Seit dem Technical Preview von der PDC haben wir an Indigo noch eine Menge getan.

iX: Neben Longhorn geistert auch schon der Begriff Blackcomb durch die Welt.

J. M.: Longhorn wird es sowohl als Client als auch als Server geben. Blackcomb ist unsere Vision von einem Windows nach Longhorn, das noch sehr weit am Horizont ist. Blackcomb ist noch nicht auf unserer Agenda. Vorher kommen noch zwei anderen Wellen von Software: Whidbey und Longhorn. Longhorn ist bislang nur ein Anschauungsobjekt für Entwickler. Wir wollen den Entwicklern zeigen, dass sie Managed Code nutzen sollen. Vorher sollten sie sich mit Whidbey beschäftigen. Programmierer, die jetzt nicht zu Managed Code wechseln, werden es schwer haben, der Technologieentwicklung noch zu folgen.

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Programmierer, die jetzt nicht zu Managed Code wechseln, werden es schwer haben, der Entwicklung noch zu folgen.

iX: Sind Sie zufrieden mit dem Erfolg vom .Net?

J. M.: Ja, sehr. Wir schlagen Java in vielen Projekten. Laut unseren Erhebungen gibt es weltweit 2,5 Millionen Entwickler mit .Net-Know-how und 80 Millionen Systeme, auf denen das .Net Framework installiert ist. Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit ist es, noch mehr Softwareentwickler dazu zu bewegen, Managed Code zu nutzen. Dazu sprechen wir auch gerade mit Webhostern, um mehr Windows-basierte Web-Hosting-Angebote in die Preisspanne unter 10 Euro zu bewegen. Dass es im .Net-Buchmarkt nicht so gut läuft, sollte man nicht als Indikator werten. Es sind einfach zu viele Bücher auf dem Markt.

Das Interview fĂĽr iX fĂĽhrte Dr. Holger Schwichtenberg. (wm)