Fancorner
Was in Deutschland FuĂźball ist, ist in Kanada Eishockey, in den USA Basketball und in England Cricket. Dank des Internets kann, wer will, bei jedem Fachpalaver mithalten.
- Kai König
Der Winter kommt, und die diesjährigen Olympischen Sommerspiele in Athen sind auch schon längst vorüber. Unsere Nationalmannschaft hat wenig erfolgreich versucht, bei der Fußball-EM über die Vorrunde hinauszukommen. Dennoch ist und bleibt der Sport ein unerschöpfliches Dauerthema - und im Web kommen selbst die Exoten nicht zu kurz.
Der eine oder andere Dauerleser mag einwenden, dass schon iX 11/02 exotische Sportarten vorgestellt hat. Allerdings ging es damals um echte Randsportarten, die wahrscheinlich weltweit als mehr oder weniger kurios gelten. Diesmal hingegen stehen Sportarten im Mittelpunkt, die nur hierzulande ein Schattendasein fristen.
Ein solcher Vertreter ist Cricket, ein populäres Schlagballspiel, das in England und allen dem Commonwealth zugehörigen Ländern als Nationalsport gelten darf. Vielleicht ist der Leser mit Cricket bereits einmal bei der Lektüre eines englischen Romans in Berührung gekommen oder hat in einer ZDF-Verfilmung der Romane von Rosamunde Pilcher weißbekleidete Menschen auf einem Rasen locker umherlaufen sehen.
Länder, in denen man Cricket spielt, sind alle Mitglied im International Cricket Council. Das ICC unterteilt seine Mitglieder in drei Kategorien. Zu den zehn Vollmitgliedern zählen in diesem Zusammenhang exotisch anmutende Staaten wie Zimbabwe, Bangladesh oder die West Indies. In den 27 Associate Members - dazu gehört seit 1999 auch Deutschland - hat Cricket zumindest den Status der totalen Unorganisiertheit verlassen (die Spieler werden nicht mehr von einem wütenden Mob aus dem Park vertrieben, sondern haben feste Plätze und Umkleidekabinen). In den 55 als Affiliate Members bezeichneten Ländern, spielt man Cricket zwar, allerdings ohne Vereins- und Ligastrukturen.
Knochenbrüche gehören dazu
Aber worum geht es bei Cricket überhaupt? Eigentlich ist das ganz einfach. Ein Werfer aus dem Feldteam versucht, mit einem ziemlich harten Ball drei Holzstangen in circa 20 Metern Entfernung umzuwerfen. Aufgabe des Schlagmanns der gegnerischen Mannschaft ist es, das mit seinem breiten, abgeflachten Holzschläger zu verhindern und den Ball möglichst weit wegzuschlagen, damit er selbst laufen und Punkte sammeln kann, bevor die nicht werfenden Spieler der Feldmannschaft den Ball gefangen und zurückgeworfen haben. Wichtig ist, dass der Schlagmann nur den Schläger benutzt, absichtlicher oder versehentlicher Körpereinsatz sind regelwidrig (etwa durch ein so genanntes Leg-before-Wicket - der Ball hätte die Stangen getroffen, wenn das Bein nicht im Weg gewesen wäre) und äußerst gesundheitsschädlich; der Autor weiß nach diversen Knochenverletzungen, wovon er spricht.
Eine einfache deutschsprachige EinfĂĽhrung in Cricket ist schnell zur Hand. Und auch der deutsche Cricket-Bund hat seine eigene Website.
Man sollte übrigens nicht den Fehler begehen, Cricket mit Croquet zu verwechseln. Bei letzterem Sport (ebenfalls typisch englisch) geht es darum, Bälle mit einer Art Poloschläger durch Törchen am Boden zu spielen. Die einzige Gemeinsamkeit mit Cricket dürfte neben der Herkunft die weiße Spielkleidung sein wie die Croquet Association Website zeigt.
Ein naher Verwandter des Cricket hingegen ist Baseball. Bevor mich Cricket-Enthusiasten für diese Aussage nicht ganz zu unrecht steinigen, sei eine Erklärung erlaubt. Baseball ist relativ unbekannt in Deutschland, aber Nationalsport in diversen anderen Ländern. Vorreiter sind die USA mit der Major League Baseball, aber auch Kuba und Japan bieten in dieser Sportart einen starken Auftritt.
Auch bei Baseball handelt es sich um ein Schlagballspiel. Zwar unterscheiden sich die Regeln in vielen Details, es gibt aber auch einige Gemeinsamkeiten. So dauert ein Spiel in der Regel mehrere Stunden, und man kann solche Matches sowohl im TV als auch im Stadion entspannt genieĂźen. Bei Cricket gibt es sogar einen Spiel-modus, in dem eine Partie bis zu fĂĽnf Tagen andauern kann - natĂĽrlich mit Nacht-, Lunch- und Teabreak.
Eine weitere Randsportart ist hierzulande Lacrosse, ein extrem schneller Mannschaftssport, bei dem es darum geht, einen kleinen Hartgummiball mit langen Schägern in das gegnerische Tor zu befördern. An der Spitze des Schlägers sitzt ein Fangnetz, das zum Fangen, Transport und Schleudern des Balles dient. Ähnlich wie beim Eishockey sind Bodychecks und Checks auf den Schläger des Gegners erlaubt, und der schlägerführende Arm gilt in diesem Sinn sogar selbst als Schläger - autsch!
Deutlich gesitteter geht es beim Damen-Lacrosse zu, das wird nämlich körperlos gespielt. In Deutschland liegt Lacrosse leider noch im Dornröschenschlaf und erwacht erst seit einigen Jahren peu à peu. Der deutsche Lacrosse-Verband bietet unter www.dlaxv.de viele Infos zu Regeln, eine Vereins- und Terminliste sowie weiterführende Links.
American Football macht spätestens seit dem Start der NFL Europa auch in Deutschland eine gute Figur in TV und Stadien. Dieser Ableger der US-NFL kann als eine Art Entwicklungshilfe für den Sport in Europa gelten. Und zwar in des Wortes doppelter Bedeutung, denn neben der Evangelisierungsarbeit parken viele US-Teams ihre Talente über den Frühsommer in europäischen Vereinen. Vorläufer der NFL Europa war die World League of American Football, die schon 1991 in Deutschland startete, aber nicht lange von den Veranstaltern betrieben wurde. Bei Geocities findet sich eine Übersicht der teilnehmenden Teams und diverse Statistiken respektive Fotos.
Um nun den Bogen vom American Football zur anfänglich erwähnten Fußball-Nationalmannschaft zu schlagen, ein paar Ausführungen über das in England sehr populäre Rugby, das in in vielen von England beeinflussten Ländern der Südhalbkugel gespielt wird. Rugby stellt aus einem simplen Grund die Brücke zwischen Fuß- und Football dar: Vom Football hat es die Eigenschaft, dass die Spieler den Ball tragen und werfen dürfen, außerdem nutzt es Football-typische Stangen als Tore. Dem Zuschauer wird hingegen vom europäischen Fußball her bekannt vorkommen, dass das Spiel nicht nur aus taktischen Besprechungen und vorgefertigten Spielzügen besteht, sondern ein fußballähnlicher Spielfluss erkennbar ist.
Aber so einfach ist es natürlich nicht. Man unterscheidet schließlich noch zwischen Rugby Union und Rugby League, wobei die Aufsplittung historische und gesellschaftliche Gründe hatte und sich in deutlich unterschiedlichen Regelwerke manifestiert. Wer sich für Details interessiert, findet auf der Experts-About-Site eine ausführliche Erklärung der Unterschiede. Eine Warnung: Je nach Kenntnis des Sports kann man sich bei Freunden oder Hassern einer bestimmten Ausprägung durch Nichterkennen der jeweiligen Spielversion schnell beliebt oder extrem unbeliebt machen - in britischen Pubs ist vor unbedachten Äußerungen daher Vorsicht angesagt.
Zum Schluss ein Hinweis auf passende Computerspiele: Fast jeder kennt die Simulationen aus der Reihe FIFA 2004 oder NHL 1999. Wer hätte gedacht, dass es das auch für Cricket und Rugby gibt? EA Sports in Australien machts möglich. (ka)