MCSE, MMCP oder SCP
Nicht nur Volkshochschulen bieten die Möglichkeit zu ständiger Weiterbildung. Hard- und Softwarehersteller locken mit Multiple-Choice-Tests und belohnen erfolgreiche Absolventen mit Zertifizierungen.
- Kai König
Viele Hersteller von Soft- oder Hardwareprodukten bieten ihren Nutzern und Käufern Zertifizierungsprogramme an, mit denen diese Produktwissen und Fachkenntnis belegen können. Diese Herstellerzertifikate werden in Europa und gerade in Deutschland oftmals fälschlicherweise als unwichtig abgetan und die Belege mit abschätzigen Begriffen wie „Billigheimer-Urkunde“ bezeichnet. Dabei ist eine generelle Vorverurteilung schlicht und ergreifend abzulehnen. Sicherlich hat jeder schon einmal vom MCSE gehört, der mangels Kenntnissen nicht in der Lage ist, ein Kommandozeilenfenster unter Windows zu öffnen - aber auch in anderen Berufsständen und unter Personen mit anderen (formalen) Qualifikationen gibt es unrühmliche Ausnahmen.
In der Knowledge Base des Freiberufler-Portalsgulp.de findet man eine Ăśbersicht ĂĽber die HintergrĂĽnde und generellen Konzepte von Produktzertifizierungen inklusive eines Hinweises darauf, dass der Certified Novell Engineer (CNE) das erste offizielle Zertifizierungsprogramm eines IT-Herstellers darstellte. Inzwischen hat Novell dieses Programm weiter ausgebaut, und man findet verschiedene andere Titel und PrĂĽfungen, die man in diesem Rahmen ablegen kann.
Aber welchen Nutzen haben die Prüfungen denn nun? Der oben erwähnte Gulp-Artikel stellt beide Seiten dar: Die Anbieter verweisen auf bessere Chancen auf dem Freiberufler- und Arbeitsmarkt, die Zertifizierungsinhaber und potenziellen Arbeitgeber sind da zurückhaltender und bewerten Projekterfahrung als wertvoller und aussagekräftiger. Interessant ist, dass die Situation in Ländern wie den USA, England und Australien deutlich von der Einschätzung in Deutschland abweicht. Hier führen Stellenanzeigen neben Projekt- und Produkterfahrung oftmals das Vorhandensein einer bestimmten Produktzertifizierung als wünschenswert oder sogar als Voraussetzung auf.
Aussagekraft ist umstritten
Der Ablauf einer Prüfung ist oft durch Multiple-Choice-Tests geprägt. Je nach Prüfung muss der Kandidat aus mehreren Möglichkeiten eine oder mehrere korrekte Antworten auswählen oder in einem Freitextfeld SQL-Statements beziehungsweise Programmcode ergänzen. Diese Art der Fragestellung führt dazu, dass viele die Aussagekraft der Prüfungen anzweifeln, weil die Kandidaten durch Auswendiglernen und Kategorisieren der Fragen trotz mangelnder Kenntnis oder wenig Produkterfahrung Prüfungen bestehen können.
Zur Vorbereitung auf eine Zertifizierung finden sich verschiedene Quellen. Die erste liefert Google - der Begriff „mock exam“ führt zu knapp 400 000 Treffern und sollte die Wünsche eines jeden Kandidaten erfüllen können. Mock exams sind Beispiel- oder Probeprüfungen, die sich in der Regel von den echten Fragenkatalogen unterscheiden, aber einen Eindruck davon vermitteln, welcher Kenntnisstand für das jeweilige Zertifikat Voraussetzung ist.
In einer Umfrage, die Gulp unter seinen Mitgliedern durchführte, wurden Zertifikate von Microsoft mit 17 Prozent als am häufigsten vorliegende Produktzertifizierung genannt. Direkt dahinter folgen SAP mit 12 Prozent und danach die Hersteller IBM, Cisco und Novell mit Werten um fünf bis sechs Prozent.
Microsoft selbst stellt eine Übersicht seiner Programme und Prüfungen unter bereit. Den Einstieg bildet der Microsoft Certified Professional, ein Titel den man nach Bestehen einer aktuellen Prüfung aus diesem Kanon führen darf. Ganze Programme muss man absolvieren, wenn man sich MCSE oder MCSA nennen möchte. Der Microsoft Certified Systems Engineer kümmert sich in der Vorstellung des Herstellers eher um Planung und Erstellung von Software- und Systemlandschaften, ein Microsoft Certified Systems Administrator später um Verwaltung und Betrieb.
Im Entwicklungsbereich bietet Microsoft den Certified Application Developer an, dessen Prüfungsanforderungen eher im Bereich der Web- und Applikationsentwicklung zu finden sind. Auch Sun hat für die Java-Gemeinde einiges zu bieten, so auch einen Überblick. Ausgangspunkt aller höheren Weihen im Java-Umfeld ist das Bestehen der Prüfung zum Sun Certified Programmer (SCP), dem Spezialisierungen in den Bereichen J2SE, J2EE und J2ME folgen können. Je nach gewünschter Technologieplattform gibt es dafür eine bis vier weitere Prüfungen. Interessant ist, dass Sun dem Bereich der J2ME-Entwicklung eine so hohe Bedeutung zukommen lässt, dass man dafür sogar den Titel des Sun Certified Mobile Application Developer eingeführt hat.
Auch im Bereich der Open Source Software findet man inzwischen Zertifizierungsprogramme. So bietet MySQL zurzeit zwei PrĂĽfungen zur Version 4 an, die so genannte MySQL Core Certification, und die MySQL Professional Certification. Geplant ist weiterhin die EinfĂĽhrung einer PHP-Developer-Zertifizierung seitens MySQL AB.
Gelegentlich zeigen sich Hersteller kreativ, um die Schäfchen zu den Prüfungen zu locken. Das geht von ermäßigten Prüfungsgebühren auf Konferenzen bis hin zu Wettbewerben mit Preisvergabe für den in einem bestimmten Zeitraum am besten abgelegten Test. Macromedia rief dazu während der MAX-Konferenz im letzten Jahr die so genannte Certification Challenge ins Leben und belohnte die jeweils Tagesbesten mit ansehnlichen Preisen.
Auch Organisationen bieten PrĂĽfungs- und Zertifizierungspfade an. Ein Beispiel ist die Object Management Group mit drei PrĂĽfungen zum OMG Certified UML Professional. Ein weiteres Beispiel liefert CompTIA mit Zertifizierungen wie A+, Network+ und dem Certified Technical Trainer (CTT+). Diese werden oft als Basis oder Voraussetzungen fĂĽr spezielle Herstellerzertifikate verlangt. So spielt die Qualifikation zum CTT+ eine Rolle bei der Vergabe von IT-Trainerpositionen im Rahmen diverser Herstellerprogramme, unter anderem bei Novell.
Letztlich bleibt es der Einsätzung eines jeden überlassen, ob er die Freuden und Mühen von IT-Zertifizierungen auf sich nimmt. In Deutschland sind sie oft nur ein Sahnehäubchen auf dem Profil, das als Entscheidungskriterium eine untergeordnete Rolle spielt. Wer allerdings im angelsächsischen Ausland arbeiten will, hat damit eine gefragte Zusatzqualifikation vorzuweisen. (ka)